Akustischer Jugendschreck: Mit 18 kHz gegen Jugendkriminalität?

Joana Jäschke

Das Problem: In meinem Hinterhof, vor meinem Haus oder in meinem Hausflur grölt eine aufsässige Jugendbande herum, prügelt sich vielleicht, schmeißt im Alkoholrausch Bierflaschen an die Wand und verewigt sich an selbiger mit Graffiti-Schmierereien. Wie schlage ich sie in weniger als 10 Minuten in die Flucht, ohne zum Gewehr zu greifen oder die Polizei anzurufen? Die Lösung könnte Mosquito heißen. Eine englische Erfindung, die gerade in Frankreich eine große Debatte ausgelöst hat.



Mosquito ist eine Box aus Metall, nicht größer als ein Brillenetui, die Ultraschallwellen aussendet und die Teenager so vertreiben soll. Das Besondere daran: Menschen über 25 Jahre können angeblich die unangenehm schrillen Pfeiftöne, die aus der kleinen Metallkiste kommen, nicht hören. Für die jugendlichen Ohren sollen diese jedoch  unerträglich sein.


Der Freiburger Ohrenarzt Dr. Winfried Karduck erklärt das Phänomen: „Bei älteren Menschen, ab 50 oder 60 Jahren, lässt das Hörvermögen im Hochtonbereich nach. Deshalb können zum Beispiel viele von ihnen auch das Grillenzirpen im Sommer nicht wahrnehmen.“

Und genau da setzt Mosquito an: Der schrille Ton, den das Gerät regelmäßig ausstößt, sei mit seinen 16 bis 18 Kilohertz etwa so hoch, als würde ein Kind unkoordiniert auf seiner Blockflöte herumquietschen, erklärt Karduck. So würden innerhalb von acht bis zehn Minuten alle jugendlichen Störenfriede und Randalierer in einem Umkreis von 15 bis 20 Metern Umgebung vertrieben, verspricht der Hersteller Compound Security.

Klingt stark nach Schädlingsbekämpfung. Und genau so wird die akustische Keule auf der Hersteller-Homepage auch vermarktet: „Leidet ihr Geschäft unter dem asozialen Verhalten von Jugendlichen? Ärgern Sie sich über Teenagerbanden, die in Ihrer Straße herumhängen und Ihr Leben unerträglich machen? Mosquito ist eine unschädliche Lösung für ein modernes Zivilisationsproblem.“

„Wohl kaum“, wirft Ohrenarzt Winfried Karduck ein, „denn rein technisch könnte solch ein Gerät höchstens funktionieren, wenn in Freiburg nur Jugendliche und Rentner herumlaufen würden. Die dazwischenliegenden Altersklassen werden immer Gefahr laufen, die hohen Frequenzen zu hören – das hängt von ihrem Gehörvermögen ab.“ Gesundheitlichen Schaden könne „Mosquito“ zwar nicht anrichten, versichert Karduck „aber menschlich ist der Apparat ein ziemlicher Schlag unter die Gürtellinie.“

 



Es ist nicht der erste Versuch, mit akustischen Signalen Menschen von öffentlichen Orten zu vertreiben. In Großstädten wie München, Hamburg oder Berlin läuft in den U-Bahnstationen klassische Musik – ein Mittel, um Obdachlose und Junkies zu vergraulen. Besonders sollen sich dafür Melodien von italienischen Opern eignen – ohne Gesang. Dauer-Beschallung für Dauergäste.  Genau wie Mosquito. Zielgruppengerechte Vertreibung ohne Kollateralschäden. Immerhin will man ja nur „herumlungernde, und störende Jugendbanden“ vertreiben. Dabei haben die Hersteller aber eins vergessen: Die Jugendlichen selbst. Alt von Jung kann man mittels unterschiedlicher Tonhöhen also annähernd trennen. Verschiedene Frequenzen für „böse“ und „gute“ oder aber erwünschte und störende Jugendliche oder Kleinkinder gibt es allerdings nicht.

Genau aus diesem Grund wurde in Osnabrück vor wenigen Wochen ein unter dem Vordach eines Einkaufszentrum montiertes Mosquito-Gerät vom Gesundheitsamt entfernt, mit dem Punks vertrieben werden sollten. "Einem Studenten waren im Vorbeigehen die seltsamen Geräusche aufgefallen", erklärt Klaus Thiem, Stadtrat der Grünen in Osnabrück, die sich für die Entfernung des Geräts eingesetzthatten, da Babys, Kleinkinder, Kinder und Jugendlichen im öffentlichen Raum schließlich das Recht auf körperliche Unversehrtheit garantiert sei.

Die Betroffenen in Frankreich nehmen es gelassen: „Wir lassen uns nicht vertreiben, sondern wir machen die Musik einfach lauter“, sagen Jugendliche in Paris. Sie haben inzwischen auch entdeckt, dass man sich im Unterricht mit den Ultraschallwellen toll von Kurvendiskussionen oder Gedichtinterpretationen ablenken kann – ohne dass der Lehrer davon etwas mitbekommt.

In Frankreich wird Mosquito übrigens unter dem freundlicher klingenden Namen „Beethoven“ verkauft.

Aber Beethoven ist ja bekanntlich auch taub gestorben.



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Compounded Security