Abschied vom Klub Kamikaze: Der Nightlife-Guru sagt Danke und Adieu

Nightlife-Guru

Hemmungslos tanzen, spontan sein, zeigen, was man fühlt und keine Angst vor Peinlichkeiten haben - sechs Jahre war der Klub Kamikaze eine beliebte Anlaufstelle und das erweiterte Wohnzimmer für viele Freiburger Nachtschwärmer. Am Samstag öffnet das Kami die Tür für eine letzte Nacht. Der Nightlife-Guru erinnert sich - und sagt Danke und Adieu!



"Schlechteste Anlage der Stadt“, „Disc Jockeys ohne Musik- und Technikverständnis“, „nur noch Teenie-Publikum“ – das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus den zahlreichen beißenden Kommentaren, die sich Jan Ehret und Markus Gut seit Eröffnung des Kamikaze anhören mussten. So viel Negativkritik hätte manch andere, die sich auf dem harten Parkett des Nachtlebens bewegen, in den sicheren Clubtod geschickt. Aber Gut und Ehret ließen sich davon nicht beirren. Sie machten weiter, Woche für Woche, Monat um Monat. Dass eines Morgens der Beat in dem Gewölbekeller verhallt und für immer verstummt, dass eines Nachts dort niemand mehr auflegen würde, schien in ungreifbarer Ferne.


An diesem Samstag trifft dennoch ein, was lange Zeit niemand für möglich gehalten hätte: Der Klub Kamikaze öffnet seine Tür ein letztes Mal, für eine letzte, wilde Nacht; die Stamm-DJs, die diesem kleinen Kellerclub sein musikalisches Profil verliehen haben; die Stammgäste, die diesen Ort ihr zweites Wohnzimmer nannten; Neugierige und Erstankömmlinge in Freiburg, die wissen wollen, was „das Kami“ war. Was war dieser Club? Was geschah dort?

Eröffnet vor nahezu sechs Jahren im Dezember 2006, entwickelte sich das Kamikaze sehr schnell zu einem Ort an dem ein beliebtes Swinger-Motto galt: Alles kann, nichts muss!

Elektroclash, Elektro-Punk und Indierock konnten es dort in der Anfangszeit besonders gut. Das Knallerbsenkommando um François Super U und Carla Commodore hielt Einzug und servierte „Elektropopindierockgedöns“. Die Gute-Musik-Crew um Jan Obri und Tom Lissy feierte mit „Locas In Love“ ihre Konzert-Premiere. Neon Rave und Bad Taste-Partys von Alex Hässler alias Der Pornoladenerbe setzten dem Ganzen noch einen drauf. Laut, bunt, wild, voller Schweiß, Rauch, Nebel und Blitzlichtgewitter waren die ersten beiden Jahre. Und sehr neonfarben.

Wenn alle Technik versagte – so Unrecht hatten die Kritiker nie -, wenn der Bass ausfiel, wenn die Nebelmaschine keinen Qualm mehr produzierte, leuchteten immer noch die unzähligen Glowsticks an Handgelenken, in den Haaren und Knopflöchern der Gäste. Und das Publikum stieß grelle Schreie aus und sorgte für seinen eigenen, skurrilen Soundtrack.



In Berlin genüge es, mit einem Kochlöffel auf einen Topf zu schlagen, um die Leute zum Tanzen zu bringen, sagte der britische Disc Jockey und Produzent Ewan Pearson vor einigen Jahren. Was hätte er über „das Kami“ der Jahre 2007 und 2008 gesagt? Hemmungslos tanzen, spontan sein, zeigen, was man fühlt und keine Angst vor Peinlichkeiten haben – so könnten diese Jahre zusammengefasst werden.

In der Folge erweiterten Markus Gut und Jan Ehret das Programm. Die Jungs von Rebel Music bekamen feste Spielzeiten und brachten mittwochs ihren Reggae-, Dancehall- und Roots-Sound nach Oberlinden. An Donnerstagen gab es Neon Rave oder Die Kleine Tanzbar. Seit 2009 hatte das Kamikaze auch an Dienstagabenden geöffnet. Unter dem Label „Suicide Tuesday“ traf Hip-Hop auf Dubstep, Drum and Bass, Jungle und Elektro. Newcomer wie der unvergleichliche Kollektiv B durften sich das erste Mal vor Publikum ausprobieren. Vergangenes Jahr zog Tante Käthe mit ihrem Hofstaat nach Freiburg, und mit ihr der Electro Swing ins Kamikaze. Bunt wie eine Zauberkugel, durcheinander wie eine Schneekugel, die zu kräftig geschüttelt wurde.

Doch damit nicht genug. Tief unter der Freiburger Altstadt durften Spontan-Bands wie die Nackten Brüste ihre Sinnlos-Konzerte ausrichten. Bartträger luden zum kollektiven Schurerlebnis ein. Höhepunkt und Wendepunkt in der Kapitalisierung des Trash: Die Tattoo-Party im April 2011 und das – nicht allzu ernst zu nehmende – Versprechen vom freien Eintritt auf Lebenszeit für alle, die sich das Club-Logo tätowieren lassen.

Realkeeper stellten spätestens jetzt die Frage, ob das noch Club war. Nein, war es nicht, denn vom Kamikaze ging kein Resident-DJ hervor, der die Welt mit seinen Sets erobert hat. Auch ein Label, das einen ganz bestimmten Sound geprägt hat, gab es nie. Und der Musik wegen reiste niemand an die Dreisam. Und dennoch: Der Gewölbekeller in Oberlinden war ein Ort, der seine Gäste jugendlich leichtsinnig und unbekümmert werden ließ.

Danke dafür, Klub Kamikaze. Und: Adieu!



Mehr dazu:

Was: Klub Kamikaze - Closing Party mit Jan Ehret, Caspar Camaro, Eiskaltes Händchen, Kollektiv B, Käptn' Hässler alias Der Pornoladen Erbe
Wann: Samstag, 24. November 2012, 23 Uhr
Wo: Klub Kamikaze  

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Besuche des Nightlife-Guru im Kamikaze

 

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