Abenteuer Selbstständigkeit: Wie es ist, als junger Erwachsener ein Unternehmen zu gründen

Meike Riebau

Seit der Erfindung der Ich-AG hat es einen Boom an Geschäftsgründungen gegeben. Ob als Ausweg aus der Arbeitslosigkeit oder als neue Herausforderung. Zwei Jung-Unternehmer aus der Region haben uns von ihrem Weg in die Selbstständigkeit berichtet. Ein Weg, der bei dem einen in der Insolvenz endete, bei dem anderen jedoch zu einer Erfolgsgeschichte werden könnte.



Ein Jüngling zog aus, um sein Glück zu machen. Er erfand ein magisches Süppchen und die Leute rissen es ihm aus den Händen. Fortan lebte er glücklich und steinreich bis ans Lebensende. Ganz so läuft es im wahren Leben nicht. Aber die Geschichte von Ireneus Frost aus Freiburg weist zumindest gewisse Parallelen auf: Der junge Kaufmannslehrling hat in seinem Ausbildungsbetrieb, einem Feinkostgeschäft, immer viel Restobst und Gewürze zur Verfügung. Aus einer Laune heraus beginnt er, wilde Kreationen zu mixen: Erdbeermarmelade mit grünem Pfeffer, Mirabelle mit Rosmarin. Daraus werden zunächst Weihnachtsgeschenke für Freunde. Diese verschenken die Aufstriche weiter, und Ireneus’ Marmelade ist im Bekanntenkreis eine heiß begehrte Ware.


Nach seiner Ausbildung bekommt er zunächst einen Jahresvertrag bei einem Delikatessengeschäft, der dann allerdings nicht verlängert wird. Ein neuer Job ist nicht in Sicht und aus Freiburg will der 25-Jährige auch nicht weg. Also erkundigte er sich nach anderthalb Monaten Arbeitslosigkeit nach der Möglichkeit, selbstständig zu werden. „Zunächst dachte ich an ein Käsefachgeschäft.“ Aber dann fallen ihm seine Marmeladen ein. Warum nicht etwas herstellen und verkaufen, von dem er bereits weiß, dass es gut ankommt?

Glück im Marmeladenglas

Der 25-Jährige macht sich kundig, besucht zwei Existenzgründerseminare der Bundesagentur für Arbeit und startet im April 2007 mit einem eigenen Online-Versand für Marmeladenaufstriche. Neben dem Onlineverkauf stellt er sich an fünf Tagen in der Woche auf Freiburgs Wochenmärkte, vom Münstermarkt über Herdern bis in die Vauban, und verkauft seine Produkte auch an Feinkostläden.

Angst vor dem Misserfolg hat er keine. „Ich habe mir gedacht, ich probiere und riskiere es, wenn es nicht klappt, lerne ich dazu.“ Seine Familie sieht die Gründungsidee etwas skeptischer. „Das schaffst du nie“, sagt seine Mutter zu Beginn. Auch die anderen Markthändler sind misstrauisch, als der Jungspund das erste Mal anrückt: Marmeladen habe doch jeder zweite im Angebot, und diese seien mit knapp vier Euro noch ein wenig teurer als der Durchschnitt.

Doch weit gefehlt: Vor Arbeit kann sich der 25-Jährige heute kaum retten. Neben Marmeladen bietet er verschiedene Essigsorten und Senf an – alles auf Feinkostniveau. „Reichtümer häufe ich zwar nicht an, aber es reicht zum Leben.“

Mittlerweile arbeitet Ireneus Frost zwar wesentlich mehr als früher, etwa 60 bis 80 Stunden pro Woche. „Aber es macht mir nichts aus, da ich mir die Arbeit und das Tempo selbst einteilen kann,“ sagt der Freiburger.



Damit erfüllt Ireneus Frost für die Existenzberaterin Christina Gehri von der IHK Südlicher Oberrhein schon eine der wichtigsten Voraussetzungen für einen gelungenen Unternehmensstart. „Man muss sich darüber im Klaren sein, dass es nach der Existenzgründung erst richtig losgeht mit der Arbeit.“ Für die Industrie- und Handelskammer berät die 43-Jährige jährlich 400 bis 500 Existenzgründungswillige und lässt sich den Businessplan und die Geschäftsidee vorstellen. Zur Hochzeit der Ich-AG gab es mehr Menschen, die aus der Arbeitslosigkeit in die Selbständigkeit zu flüchten versuchten.

„Damals habe ich etwa 30 bis 40 Prozent der Antragsteller vor der Selbstständigkeit abgeraten – heute sind es nur noch etwa 15 Prozent,“ schätzt die Betriebswirtin. Aber selbst eine gute Idee und Arbeitswille reichen nicht immer. „Nicht jeder ist eine Unternehmerpersönlichkeit“, sagt die Beraterin.

Mit dem Golf-Shop übernommen

Bei Stefan L. (Name von der Redaktion geändert) verläuft die Existenzgründung nicht ganz so glücklich: Golf war gerade als neue Trendsportart ausgerufen worden, als der 30-Jährige seinen Golf-Shop in bester Stadtlage eröffnet. Er verschuldet sich für die Geschäftsgründung, nimmt Kredite bei Banken und der Familie auf. Neben der Ausstattung für das Geschäft schafft er einen Firmenwagen an und sponsert im Golfclub ein Turnier. Zunächst scheint alles gut zu laufen, auch wenn der Jungunternehmer nach einem Jahr noch nicht die Gewinnschwelle erreicht hat. Er braucht frisches Kapital, einen neuen Kredit. Stefan denkt sich, „das ist völlig normal in dieser Phase, die nächste Saison wird der Knaller.“

Doch im Winter bleibt der Laden leer, und die Idee, Golfreisen nach Mallorca ins Programm aufzunehmen, ist wenig erfolgreich: Die Geschäftsreise auf die Balearen bezahlt er mit neuen Schulden. Auch die nächste Golfsaison bringt nicht den erwünschten Erfolg.

Mittlerweile hält sich Stefan lieber im Golfclub auf, wo er an der Bar anschreiben lässt. Rechnungen bleiben ungeöffnet und unbezahlt, irgendwann wird der Leasingwagen abgeholt, das Ladenlokal gekündigt und die Ware zurückgefordert. Es kommt zur Geschäftsaufgabe. Heute läuft ein Haftbefehl wegen Betrugs und Unterschlagung gegen den früheren Existenzgründer.

Nach Christina Gehris Erfahrung zögern viele junge Unternehmer zu lange, bis sie Hilfe suchen oder über eine Insolvenz nachdenken: „Sie kommen erst, wenn es schon zu spät ist. Dabei ist die Insolvenz dafür gedacht, Unternehmen zu retten. Schieflagen sind im unternehmerischen Leben immer wieder möglich. Rechtzeitig und mit professioneller Hilfe an den Ursachen gearbeitet, sind sie aber oft überwindbar.“

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