Abenteuer Ersti: Eine Studienanfängerin und ihre Eltern erzählen

Thomas Goebel

Erstes Semester – neue Zeit: Daheim ausziehen, zum ersten Mal alleine wohnen. "Ich fahr' nach Hause", sagen trotzdem selbst Studierende kurz vor dem Examen, wenn sie übers Wochenende ihre Eltern besuchen oder auf einer Party bei den alten Freunden sind. Wie fühlt es sich an, wenn man gerade fürs Studium von daheim weggegangen ist? Und wie finden das die Eltern? Eine Familie erzählt.

   

Die Tochter

Dass sie in Freiburg gelandet ist, daran ist auch ihr Vater schuld. Der hat in Tübingen studiert – und ihr immer erzählt, dass man dort schwäbisch-streng arbeitet, in Freiburg aber gut lebt. „Ich wollte zum Studium von zu Hause weg“, sagt Carolin Keller. „Aber nicht zu weit.“


Sie ist in Leonberg bei Stuttgart aufgewachsen, 19 Jahre, hat in diesem Sommer ihr Abitur gemacht. Und studiert seit Montag Medizin in Freiburg. „Wenn ich zu Hause geblieben wäre – ich weiß nicht, ob es dann wirklich ein neuer Lebensabschnitt werden würde“, sagt sie. Dabei gefällt ihr Stuttgart eigentlich. „Aber jetzt muss was Neues anfangen!

Carolin hat ein Zimmer im Evangelischen Studentenwohnheim im Stadtteil Mooswald, zwölf Quadratmeter ist es groß. 22 Leute teilen sich ein Wohnzimmer, zwei Küchen, zwei Bäder. „Das reicht“, findet Carolin, „mein Zimmer gefällt mir total gut.“ Und das Alleinewohnen? „Ich wohne ja gar nicht alleine!“

Anders sei es, nicht mehr bei den Eltern zu leben, sich selbst ums Einkaufen kümmern zu müssen, sonst ist das Fach im Kühlschrank eben leer. „Und das Geld“, sagt Carolin, „geht weg wie nichts.“ Aber mehr Freiheit ist es auch: „Selbstständig war ich schon zu Hause. Aber hier mache ich, was mir gefällt – und es muss keiner wissen.“

Carolin denkt nach, bevor sie antwortet; ruhig erzählt sie von ihrem neuen Leben – und trotzdem merkt man, wie sie sich freut: auf ihr Studium und die Selbstständigkeit, auf die Stadt und neue Freunde. Seit Anfang Oktober wohnt sie in Freiburg, Heimweh hat sie bisher nicht, im Gegenteil: Nach dem Umzug wollte sie noch mal eine Woche zu Hause bei den Eltern verbringen – aber schon nach drei Tagen hat sie sich wieder eine Mitfahrgelegenheit nach Freiburg gesucht.

Natürlich  gibt es auch Dinge, die Carolin vermisst: Tennis zum Beispiel. „Das will ich definitiv nicht aufgeben“, sagt sie. Also hat sie sich schon umgeschaut und in der Nähe ihres Wohnheims den SV Rhodia entdeckt. Und dann sind da noch die Freunde aus der Schulzeit, die zurückbleiben oder selbst woanders hingehen. Auch das ist anders in Freiburg: „Man hat niemanden, den man schon lange kennt – und der einen selbst auch schon lange kennt. Einen Menschen, den man in den Arm nehmen kann.“

Zum Glück gibt’s Telefon und Computer; ihr jüngerer Bruder hat sogar ihren Eltern schon beigebracht zu skypen, jetzt können sie sich via Computer und Webcam sehen und sprechen. Das genügt Carolin im Moment – und dass sie nicht allzu weit weg ist von zu Hause: „Zu wissen, ich bin in zwei Stunden da, gibt mir ein Gefühl von Sicherheit, das ich zum Beispiel in Leipzig oder Hamburg nicht hätte.“

Die Eltern

„Es macht mich glücklich, dass sie einen Studienplatz an ihrem Wunschort bekommen hat“, sagt Cornelia Keller, Carolins Mutter. Sie arbeitet als Lehrerin in Stuttgart. Wie sich ihr eigenes Leben verändern wird, weiß sie noch nicht genau. „Das wird jetzt spannend“, sagt sie und lacht.

Zum Beispiel, wie oft Carolin wohl nach Hause kommen wird. Cornelia Keller hat mit ihrer Tochter zusammen das Wohnheimzimmer angeschaut, sie hat geholfen,  ihre Sachen nach Freiburg zu bringen: „Was man so braucht in so einem Zimmer: Zwei Koffer und eine Lampe.“ Auch zum sogenannten Erstsemestertag, zu dem die Uni  neue Studierende und ihre Eltern einlädt, sind Vater und Mutter mitgekommen, auch wenn Siegmut Keller ein wenig spottet: „Das ist wie eine Einschulung für Erwachsene – fehlt nur die Schultüte.“

Trotzdem findet er die offizielle Begrüßung eigentlich gut: „Für mich hat sich damals in Tübingen keiner interessiert.“ 1973 hat er dort begonnen, Wirtschaftswissenschaften zu studieren, heute arbeitet er in der Kultusverwaltung des Landes. Auch Carolins Mutter hat studiert, BWL und Sport in Stuttgart.

Damals, in den Jahren nach ’68, wären sie selbst sicher nicht mit ihren Eltern an der Uni erschienen, da sind sich beide einig: „Oberpeinlich“ wäre das gewesen, sagt Cornelia Keller. Heute gebe es aber weniger Konfrontationen zwischen den Generationen; es sei nicht mehr so nötig, sich demonstrativ abzugrenzen, findet sie.Nach dem „Ersti-Tag“ gehen  alle drei gemeinsam essen, „in ein schönes Lokal, in das sie nicht alleine ginge“, sagt Cornelia Keller. Dann fahren die Eltern wieder nach Hause zurück.

„Die Fahr dauert laut Navigationsgerät genau zwei Stunden – da kann man sich auch mal kurzfristig treffen, wenn was ansteht“, sagt die Mutter, und macht eine kurze Pause. „Wenn Carolin es denn möchte.“

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[Dieser Artikel ist heute ebenfalls auf der 'Frisch gepresst'-Seite der Freiburger Lokalausgabe der Badischen Zeitung erschienen.]