9flats: Wohnen und wohnen lassen

Christoph Müller-Stoffels

Sommerzeit, Urlaubszeit, Reisezeit. Reisen kostet Geld, und da die eigene Wohnung während einer Reise ungenutzt, aber bezahlt ist, kann man sie eigentlich auch vermieten. Eine Reihe von Online-Services hat sich darauf spezialisiert; 9flats.com ist vor kurzem dazugekommen. Wir stellen den Service und seine Wettbewerber vor und diskutieren die Gefahren, die der Vorgang birgt.



Urlaub machen und mit der eigenen Wohnung gleichzeitig die Urlaubskasse aufbessern. Oder Urlaub machen und eine fremde Wohnung beziehen, statt ein teures Hotel zu bezahlen. So oder ähnlich lauten die einladenden Argumente von Kurzzeit-Mietwebsites wie 9flats.com. Und das klingt tatsächlich verlockend.


Musste man früher noch umständlich über Craiglist oder ähnliches die Annonce eingeben, mühsam den Kontaktherstellen (relativ mühsam, denn wir reden über Tage der Post-Handy-und-www-Zeitenwende) und schließlich die eigene Wohnung für einen Zeitraum einem Fremden überlassen, kann man heute ein Profil erstellen, sich präsentieren, die potenziellen Gäste kennenlernen und per Transaktion Geld hin und her schieben. 9flats erhebt dafür nur eine kleine Gebühr.

Man gibt Stadt und Reisezeit ein und bekommt mögliche Unterkünfte und Preise aufgelistet. Für den Zeitraum vom 9. bis 11. September etwa werden in Freiburg neun Zimmer und Wohnungen aufgelistet, deren Preise es teilweise in sich haben. Am günstigsten kommt man noch mit einem Privatzimmer beim Schwabentor weg. 30 Euro soll es kosten. Ein als "Pilgerzimmer" betiteltes Angebot soll dagegen ganz unchristliche 200 Euro kosten, während ein Zimmer in der Wiehre ("Freiburgs schönste Wohnlage") schon ab knapp 59 Euro zu haben ist. Die Preise verstehen sich pro Nacht, inklusive Handtüchern und Bettwäsche, die man auch anbieten muss, will man seine eigene Wohnung Gästen überlassen.



9flats ist nicht der erste Service, der solche Leistungen anbietet. Genau genommen ist es ein Copycat von Airbnb.com. Dieses Vorbild geriet unlängst in die Schlagzeilen, als eine Userin in ihrem Blog unter der Überschrift „Violated: A traveler’s lost faith, a difficult lesson learned“ von ihrer Erfahrung mit Airbnb.com berichtete. Hierin beschreibt EJ, dass sie ihre Wohnung eine Woche lang einem Fremden überließ, der mit einer Gruppe von Menschen einzog, hauste, zerstörte und stahl – und die Wohnung in einem furchtbaren Zustand hinterließ. Unbrauchbares und verbranntes Inventar, unidentifizierbare Spuren im Bad, gestohlene persönliche Papiere und Daten.

Zwar berichtet EJ auch, wie sich Airbnb.com und das San Francisco Police Department (SFPD) aufopferungsvoll um sie gekümmert hätten, aber sie zeigt auch ganz klar die Gefahren auf, die bei einem solchen Tauschgeschäft bestehen. Denn man lässt einen Unbekannten nicht nur in seinem Wagen mitfahren (auch das birgt Risiken), sondern lädt ihn in seine Wohnung, wo man schlechtestensfalls alle Spuren der eigenen Existenz deutlich sichtbar ausgebreitet hat.

Airbnb.com hat direkt Maßnahmen ergriffen, die Authentifizierung der User zu erhöhen, damit ein solcher Fall nicht wieder vorkommt, hat das vorbildlich über die eigene Website und über TechCrunch kommuniziert und ging sehr professionell mit dem Fall um. Das SFPD hat inzwischen einen Verdächtigen verhaftet. Und die Welt dreht sich weiter. Nur EJ hat, wie sie schreibt, ihr Vertrauen verloren und glaubt nicht, jemals wieder offen auf eine fremde Person zugehen zu können.

Schon lange vor Airbnb, 9flats oder HomeAway gab es ein kostenloses Projekt: CouchSurfing. Hier zahlte niemand, sondern man stellte einfach eine Couch, ein Bett oder ein ganzes Zimmer (sehr selten ganze Wohnungen) zur Verfügung und nahm ähnliches in Anspruch, wenn man selbst auf Reisen war. Man mag etwas romantisch veranlagt sein, wenn man dieses Geben und Nehmen sympathischer findet, als den Austausch von klingender Münze.



Sicher ist, dass man auch bei CouchSurfing gewisse Verhaltensmaßregeln beachten sollte, die die amerikanische Reisejournalistin Chris Gray Faust in einem Beitrag für ihr Blog zusammengefasst hat. In erster Linie geht es darum, dass man sich mit der Auswahl des Gastes Zeit lassen sollte. Hektik führt zu Fehlern. Außerdem sollte man so viel wie möglich herauszufinden versuchen. In Zeiten von Facebook, Twitter und natürlich Google ist das meist erstaunlich einfach. „Wenn man eine Gruppe Bier saufen und aus einem riesigen Trichter trinken sieht, könnten das nicht die allerbesten Mieter für dein Zuhause sein“, zitiert sie die Tipps von HomeAway, einem ebenfalls etablierten Service.

Der wichtigste Tipp ist allerdings, auf das eigene Bauchgefühl zu vertrauen. Denn eines sollte man sich bei einem Tauschgeschäft Geld gegen eigene Wohnung immer vor Augen führen: Man ist kein Hotel und kann selbst im letzten Moment einen Rückzieher machen. Und das ist in der Regel besser, als mit derartigen Konsequenzen zu tun zu haben, wie das bei EJ der Fall war. Sie sagt, dass sie in ihrer Wohnung nicht mehr leben kann. Denn eigentlich sind Services wie 9flats, ob nun bezahlt oder gratis, eine tolle Sache.

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[Bild 1: Fotolia; Bild 3: fudder-Archiv]