5 Antworten von Jonas Byaruhanga: Mit Tanz gegen Homophobie in Uganda

Miriam Jaeneke

Sie mixen Elemente aus afrikanischem und modernem Tanz. Und sie greifen gesellschaftliche und politische Tabuthemen auf. Am Donnerstag und Freitag kommt die Keiga Dance Company aus Uganda ins E-Werk. Eines der beiden Stücke, "Orientation", thematisiert die problematische Situation der Homosexuellen in Uganda. Warum Tanz ein gutes Medium für den Kampf gegen Diskriminierung ist, hat Choreograph und Tänzer Jonas Byaruhanga beantwortet.



Herr Byaruhanga, wie politisch kann Tanz sein?


Jonas Byaruhanga
: So politisch, wie es nur geht, denke ich. Durch Tanz lassen sich ebenso gut soziale Probleme ausdrücken wie politische. Tanz kann auch als Vehikel für politische Botschaften benutzt werden. Er kann genauso politisch sein, wie wenn jemand am Mikrofon eines Rednerpults steht und über politische Inhalte spricht.

Unsere Stücke beziehen sich einerseits auf die Realität, aber andererseits machen wir Kunst. Wir möchten etwas ausdrücken, aber gleichzeitig wollen wir unterhalten. Ich kann es ohne Weiteres Infotainment nennen, weil wir Informationen vermitteln möchten, aber gleichzeitig wollen, dass der Zuschauer längere Zeit am selben Platz sitzt, ohne sich zu langweilen.
Die Bühne soll also kein Rednerpult sein, wo sich jemand ein Mikrofon schnappt und über bestimmte Ideologien spricht. Aber die Tatsachen, von denen wir ausgehen, beruhen schon auf unseren Überzeugungen.

Wie ist „Orientation“ entstanden?

Los ging es per Internet, weil wir die Recherche während unserer letzten Tour vor ungefähr zwei Jahren begonnen haben. Dann wollten wir mehr darüber erfahren, wie Homosexuelle in Uganda stigmatisiert werden. Wir redeten mit Homosexuellen, die in Uganda leben. Das dauerte einige Zeit, weil es schwierig war, an sie heranzukommen. Sie trauten uns zunächst nicht und wollten erst mit uns sprechen, nachdem sie Einblick in unsere Arbeit erhalten hatten. Keiner von ihnen fühlte sich wohl bei der Vorstellung, gefilmt oder auf Band aufgenommen zu werden, was wir eigentlich unbedingt wollten. Aber das haben wir absolut respektiert.

Bei dem Stück arbeiten wir mit Bewegung, und mit der Idee, dass Homosexuelle in Uganda zur Zeit nicht sicher sind, mit der großen Angst, die seit dem Gesetz gegen Homosexuelle entstanden ist. Wir sprechen Texte ins Mikrofon, die Musik ist teilweise von den Musikern meiner Gruppe aufgenommen worden, teilweise von Homosexuellen selbst. Sie schreien dabei nichts heraus, sie spielen einfach. Ich dachte, das wäre eine gute Inspiration für die Tänzer.

Wie schwierig ist die Situation für Homosexuelle in Uganda?


Ich habe die “Keiga Dance Company” unter anderem gegründet, um Probleme zu thematisieren, die in unserem Alltag eine Rolle spielen. Wenn wir also nicht jetzt das Thema Homosexualität ansprechen, dann weiß ich nicht, warum es die Company gibt.

Vor einigen Jahren brachte ein Parlamentsmitglied den Gesetzesvorschlag ein, Homosexualität mit lebenslanger Haft und „schwere“ Homosexualität mit der Todesstrafe zu ahnden. Bis dahin hatten die Menschen in Uganda dem Thema nicht wirklich Beachtung geschenkt; nun begannen manche, die Lüge zu verbreiten, Homosexuelle würden sich an kleinen Kindern vergehen. Der Hass auf Homosexuelle nahm innerhalb kurzer Zeit enorme Ausmaße an und gipfelte in dem Lynchmord an David Kato. Seitdem leben alle Homosexuellen stigmatisiert und in Angst.

Aber aufgrund des ganzen Drucks von Seiten der internationalen Gemeinschaft hat die Regierung nichts getan, um den Gesetzentwurf voranzutreiben. Gerüchten zufolge setzte Obama den Präsidenten von Uganda unter Druck, fragte, was los sei. Aus der internationalen Gemeinschaft sprachen sich so viele gegen das Anti-Homosexualitäts-Gesetz aus, dass unsere Regierung um die finanzielle Unterstützung der liberalen Länder bangte.

Führen Sie “Orientation” auch in Uganda auf?

Jedes Jahr erarbeiten wir eine Choreographie mit einer sozialen Problemstellung, die Uraufführung findet in Uganda statt. Leider konnten wir „Orientation“ nicht in Uganda uraufführen. Wir haben das Stück einigen Journalisten gezeigt und Leuten, die sich für unsere Arbeit interessieren, sowie unseren Freunden und Familien. Alle rieten uns, es nicht öffentlich aufzuführen, weil wir dadurch in Schwierigkeiten geraten könnten – ich denke da an Selbstjustiz. Ich nehme an, die Menschen wären wirklich sauer auf uns gewesen. Wir entschlossen uns daher, es nicht zu zeigen. Denn niemand von uns ist schwul, daher hat auch keiner von uns das Bedürfnis zu sagen: Hier sind wir, wir stehen dafür ein.

Als wir es in Tansania aufführten, mussten wir viele Änderungen am Stück vornehmen, Elemente rausnehmen, andere einfügen. Jetzt zeigen wir es fast genauso wie bei der Premiere in Düsseldorf. Unser Stück entwickelt sich stetig weiter, wird dadurch vielleicht besser, vielleicht provokativer, vielleicht weniger kommunikativ – das ist schwer vorherzusehen. Solange wir es aufführen, verändert es sich. Denn die Themen unserer Stücke begegnen uns alltäglich, daher sind die Stücke für uns nie abgeschlossen. Es gibt immer Dinge, die hochkommen und die wir dann einbauen wollen.

Haben Sie denn Angst, nach Uganda zurückzukehren, nachdem Sie das Stück im Ausland gezeigt haben?

Nein. Mit Sicherheit wäre es mir nicht ganz geheuer, das Stück zurzeit in Uganda aufzuführen, weil die Situation dort immer noch aufgeheizt ist. Das Ganze hat sich noch nicht beruhigt, so dass wir es wirklich für besser halten, es im Moment nicht aufzuführen. Solange wir das aber nicht tun, ist alles in Ordnung, so lange sind wir sicher.

Die Keiga Dance Company


Jonas Byaruhanga
gründete die Keiga Dance Company im Jahr 2004; inzwischen gehört sie zu den wichtigsten Tanzgruppen Ostafrikas. Sie soll jungen Menschen die Möglichkeit bieten, künstlerisch auszudrücken, was sie bewegt. 2010 gastierte die Truppe bereits mit ihrem Stück über weibliche Genitalverstümmelung im E-Werk.



Mehr dazu:

  Was: Keiga Dance Company mit "Exclusive to no one" und "Orientation" und anschließendem Publikumsgespräch
Wann
: Donnerstag, 7. Juni 2012 und Freitag, 8. Juni 2012, jeweils 20.30 Uhr
Wo
: E-Werk Freiburg, Kammertheater
Eintritt: 13 Euro, ermäßigt 9 Euro       [Bilder: Christine Steinhardt]