10 Dinge, die ich an der Schule hasse: Eine Schülerin rechnet mit dem deutschen Schulsystem ab

Anna Leiber

Der Titel spricht für sich: In "Schulfrust – 10 Dinge, die ich an der Schule hasse" zieht die Berlinerin Viviane Cismak nach 13 Jahren Schulzeit Bilanz. Sie rechnet in ihrem Werk, das sie hauptsächlich neben der Abiturvorbereitung geschrieben hat, ab mit dem deutschen Bildungssystem. fudder-Autorin Anna Leiber sprach mit der 19-Jährigen, die ihr Abi mit einem Notendurchschnitt von 1,8 machte und jetzt Jura studiert, darüber, was in deutschen Schulen so alles schief läuft.



Viviane, wann entstand die Idee zu deinem Buch?

Viviane Cismak: Die trug ich schon lange mit mir herum. Während meiner gesamten Schulzeit hatte ich ja die Möglichkeit, viele negative Dinge mitzuerleben und darüber nachzudenken. So wuchs der Gedanke praktisch mit der Zeit, die ersten Kapitel entstanden dann aber erst vor einem Jahr. Das war allerdings nur ein kleiner Anfang. Richtig losgelegt habe ich schließlich Anfang des Jahres, so dass das Buch noch vor dem Abi fertig war. Nur die Kapitel über die Abiprüfungen selbst habe ich im Nachhinein geschrieben und dem Verlag nachgereicht.

Für deine Lehrer war es also das passende Abigeschenk, oder?

Ja, das könnte man so sagen.

Du rechnest ziemlich schonungslos mit der Schule und den Lehrern ab, so dass der Eindruck entsteht, der Schulalltag sei für dich eine Qual gewesen. Stimmt das denn?


Das wird ehrlich gesagt häufig vermutet, aber das war überhaupt nicht der Fall. Ich habe die Schule nie gehasst und hatte während meiner 13 Jahre auch viele positive Erlebnisse. Was jedoch gegen Ende zum wachsenden Schulfrust geführt hat, das waren die zahlreichen Fehler im deutschen Bildungssystem.

Wie haben eigentlich deine Freunde, deine Familie und vor allem die Lehrer auf das Buch reagiert?

Also meine guten Freunde kannten den Inhalt schon während der Entstehung. Viele teilten meine Meinung und fanden die Idee wirklich gut. Meine Mutter allerdings hat davon erst erfahren, als das Buch schon geschrieben und fertig für die Veröffentlichung war. Da habe ich das mal so ganz beiläufig erwähnt. Sie war natürlich sehr überrascht, aber verärgert eigentlich nicht. Meine Lehrer haben sich erstaunlicherweise nie bei mir persönlich gemeldet. Ich weiß nur über mehrere Ecken, dass viele sich angegriffen fühlen und verärgert über meine Beschreibungen sind. Das kommt in meinen Augen daher, dass sich zahlreiche Lehrer durch ihre Verbeamtung in Sicherheit glauben und nicht mit solcher Kritik von Schülerseite rechnen. Aber mein Weckruf war, denke  ich, ziemlich notwendig.

Du kritisiert in deinem Buch unter anderem den deutschen Bildungsföderalismus. Bei deinem Umzug von Hessen nach Berlin konntest du dieses Phänomen selbst erfahren. Was ist dir am meisten in Erinnerung geblieben?

Das waren sicherlich mehrere Sachen. Zunächst muss man wissen, dass ich nach der 11. Klasse alleine nach Berlin gezogen bin. Ich hatte wie viele andere in meinem Alter auch die Vorstellung „Mit 18 bin ich weg“ und wollte einfach mal raus in  eine Großstadt. Und da stand ich nun  mit meinen zwei Koffern in Berlin – zunächst ohne Wohnung, ohne Job, aber mit einer neuen Schule und einem anderen Schulsystem. Was mir schon an meinem ersten Tag auffiel, war eine krasser Niveau-Unterschied. Das beste Beispiel ist für mich immer Geschichte. Die Sachen, die wir in Berlin lernten, hätten unseren Lehrer in Hessen zur Verzweiflung gebracht. Das waren absolut einfache Basics. Auch in anderen Fächern fiel mir auf, dass Berlin deutlich hinter Hessen lag.

Dann war es in Berlin doch sicher ein Leichtes für dich, gute Noten zu schreiben, oder?

Tja, das hatte ich mir eigentlich auch gedacht. Allerdings wurde ich mit einem sehr willkürlichen Bewertungssystem mancher Lehrer konfrontiert, so dass ich eben nicht die Überfliegerin war. Wir bekamen zum Beispiel Noten für unser Schriftbild – und  das in der Oberstufe.

Was muss  passieren, damit aus Schulfrust Schullust werden kann?

Da könnte ich eine Reihe von Aspekten aufzählen.  Am wichtigsten ist jedoch, dass sich Lehrer ihrer Verantwortung bewusst werden sollten. Ihre Aufgabe ist es,  den Generationen von morgen Bildung  zu vermitteln. Und das sollte weder willkürlich noch subjektiv geschehen. Was sicherlich wünschenswert wäre, ist eine Kontrollinstanz gegen eben solche Noten, bei denen man sich fragen muss, wie sie zustande gekommen sind. Dazu gehören auch unangekündigte Unterrichtsbesuche. Wenn die Lehrer davon schon Wochen vorher etwas wissen, dann sieht doch die Stunde vollkommen anders aus als normalerweise. So war es bei uns meistens. Was Deutschland außerdem auf jeden Fall braucht, ist ein Zentralabi. Ich habe es selbst erlebt wie es ist, wenn jegliche Vergleichbarkeit fehlt. Hinter einem Abi in Hessen steckt viel mehr Arbeit und Anforderung als es in Berlin der Fall ist.

Du studierst jetzt Jura an der FU in Berlin. Wie gefällt es dir bisher?

Viel kann ich noch nicht sagen, das Semester ist ja noch jung. Fest steht aber, dass mir das Studium sehr gut gefällt und Jura genau das Richtige für mich ist.

Mehr dazu:

Viviane Cismak
Schulfrust – 10 Dinge, die ich an der Schule hasse
Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2011
240 Seiten, 9,95 Euro
ISBN 3862650650 [Bild 1: © lightpoet - Fotolia.com; Bild 2: Moritz Thau]