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Zwischen Wut und Selbstmitleid: Mein Gap Year in der Pandemie

Celine Hog

Ein Gap Year im Stillstand: fudder-Autorin Celine Hog hat vergangenes Jahr ihr Abitur gemacht, danach wollte sie ein Jahr Auszeit nehmen und verreisen. Daraus wurde nichts. Nun versucht sie einen Sinn in der Auszeit zu finden.

So hatte ich mir meine Auszeit zwischen Schule und Studium nicht vorgestellt. Während der Oberstufe hat mich die Hoffnung auf Freiheit, auf Feiern mit Freunden, auf einen Langstreckenflug motiviert – und nicht die Vorstellung, nach dem Abschlussjahr tagelang im Bett zu liegen und Netflix zu schauen. Andererseits kam es nicht überraschend, dass mein Gap Year auch von dem Coronavirus überschattet wird. Immerhin wurde mein gesamtes Abitur davon beherrscht. Vor einem Jahr hätte ich mir nicht im Traum vorstellen können, dass die Abiturprüfungen tatsächlich verschoben werden könnten – aber genau so kam es. Abiball, Abifahrt – alles ausgefallen.


In einer der letzten Stunden hatte unsere Deutschlehrerin jedem ein Tagebuch geschenkt und kommentiert, wir wären nun sowas wie Zeitzeugen. Wir sollten den Satz: "Sobald ich den Fuß das letzte Mal aus der Schule setzte..." vervollständigen. ", dann bin ich frei", hatte ich ergänzt. Frei sein war 2020 und ist 2021 aber eher relativ. Die Frage nach dem Danach, war für mich schwer zu beantworten. Sollte ich wie einige meiner Freunde direkt mit dem Studium beginnen? Nein, dafür war ich mir noch zu unsicher, wohin es gehen soll. Mein ursprünglicher Plane, eine Reise nach Südamerika zu machen, war nicht möglich. Außerdem hatte ich wenig Lust mehr als 9000 Kilometer von Zuhause festzustecken und zuzuschauen, wie mein Geld langsam dahinschwindet.

Wochenlange Suche nach einem Nebenjob

Als sich Ende September die Corona-Lage immer mehr zuspitzte und einige Freunde, deren Reisepläne ebenfalls ins Wasser gefallen sind, sich spontan noch ein FSJ suchten, überlegt ich mir, das auch zu tun. Ich entschied mich dagegen und für ein sechswöchiges Praktikum bei der Badischen Zeitung, das wegen der steigenden Fallzahlen leider abgesagt werden musste. Bei meinem Nebenjob in der Gastronomie hatte ich mir bereits für die Zeit freigenommen und als ich wieder arbeiten hätte können, kam – was auch sonst – Lockdown Nummer zwei. Glücklicherweise hatte ich schon vor einigen Jahren ein Sparkonto angelegt und da ich auch noch bei meinen Eltern wohne, waren meine finanziellen Sorgen nicht allzu groß. Aber meine Gedanken schwanken zwischen: "Passt schon, ich gebe kein Geld auf Partys aus" und "Ohje, die Zahl auf dem Konto wird auch immer kleiner".

Also habe ich wochenlang einen neuen Nebenjob gesucht oder alternativ nach einem Online-Praktikum. Ich hatte Glück in der Jobsuche und arbeite nun ab und zu im Supermarkt, der mir immerhin ein bisschen Routine und Alltag zurückgibt.

Die Situation ist echt enttäuschend

Ich könnte jetzt natürlich behaupten, ich hätte im Lockdown autodidaktisch gelernt, ein Instrument zu spielen, aber ehrlich gesagt, habe ich meine Zeit wahrscheinlich wie jeder Zweite verbracht. In einem meiner wöchentlichen Videoanrufe mit zwei Freundinnen haben wir beschlossen – sofern es die Lage zulässt – im Sommer nach Spanien zu reisen. Immerhin motiviert mich das, mein Spanisch aufzubessern. Viel passiert aber nicht – weder bei mir noch bei ehemaligen Mitschülern, deren Pläne von der Pandemie durchkreuzt wurden. Die ganze Situation ist wahnsinnig enttäuschend und phasenweise finde ich es nicht leicht, mich aus dem Loch aus Selbstmitleid, Wut und Planlosigkeit zu kämpfen. Es erscheint mir unfair, dass mein freies Jahr, das Jahr in dem mir alle Türen hätten offen stehen sollen, in dem ich hätte gehen können, wohin ich will, nicht so stattfindet, wie ich es mir gewünscht habe. Aber mir ist klar, dass sehr viele Menschen deutlich härter von der Pandemie betroffen sind. Mir bleibt nichts anderes übrig, als die Situation zu akzeptieren, wie sie ist und auf eine baldige Verbesserung zu hoffen.

Verzweifeln nützt nichts. Aufmunternd finde ich den Gedanken, dass sich viele Gleichaltrigeso fühlen, wie ich mich fühle: Verloren. Es ist, als wäre das Leben auf "Pause" gedrückt worden und wir warten verzweifelt, dass jemand den "Start"-Knopf findet.

Das einzige Gute an der Sache: Der Erwartungsdruck dieses Jahr zu etwas besonders Coolem machen zu müssen, fällt weg. Das Reisen läuft mir nicht davon. Immerhin ist nun wirklich Zeit, um sich auf die Berufsorientierung zu fokussieren, sich zu informieren und vielleicht sogar ein Schnuppersemester anzufangen. In einer zweiwöchigen Quarantäne habe ich somit zumindest einmal einen vorläufigen Plan A fürs Studieren formuliert: Journalismus. Wo, weiß ich noch nicht so Recht, habe dieses Jahr aber hoffentlich noch Zeit, die Städte zu besuchen, die in Frage kommen.

Ich versuche, das Beste aus meinem Gap Year rauszuholen und gebe die Hoffnung auf einen einigermaßen normalen Sommer nicht auf.