Zwischen Rockbrett und Jazzpop: Viertel vor vier gewinnen Rampe 2011

Janos Ruf & Alex Ochs

Für musikinteressierte Fasnachtsmuffel und Karnevalsflüchtlinge bleibt das Jazzhaus am Schmutzigen Dunschdig Anlaufstelle Nummer eins in Freiburg. Unter 49 Bands wurden fünf ausgewählt, die die Chance erhalten, sich im Rampenlicht in Szene zu setzen. Der Sieg ging an die junge Freiburger Jazz-Combo "Viertel vor vier"

Seit 2004 geben sich im Jazzhaus am Schmutzigen Dunschdig Nachwuchsbands aus der Regio die Klinke in die Hand. Auf dem Spiel stehen neben Geld, Ruhm und Ehre die Kür zur ZMF-Tourband 2011 sowie – und das ist neu – ein Showcase bei der Kulturbörse 2012. Neben den vier Jurymitgliedern hat auch das Publikum eine Stimme: Jeder Zuschauer darf drei Jetons in Sektkübel werfen und so für seine Band(s) abstimmen.

23.30 Uhr, als letzte Band haben Gree ihr Set gerade beendet, da trullern die Plastikmünzen nur so rein in das Töpfchen der Rockformation aus Lahr. Ähnlich viele – oder sind es doch mehr? – wandern in den Kübel mit der Aufschrift „Viertel vor vier“, einer jungen Freiburger Jazzcombo. Alles deutet auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen hin – das schließlich die Jazzer für sich entscheiden. Doch was wird die Jury sagen?



Als erfrischendes Halbdutzend entpuppen sich The Squires, bei denen insbesondere Sänger Elias Baumgartner heraussticht: Mal klingt der dunkle Lockenschopf wie Edo Zanki, mal wie Freddy Mercury, dann wieder wie ein Soulsänger.

Auf dem Bass-Fragment des Rap-Klassikers „Rapper’s Delight“ von der Sugarhill Gang aufbauend, servieren die Freiburger den Queen-Kracher „Another one bites the dust“ und erweisen darin sogar noch Suzanne Vegas Hit „Tom’s Diner“ Reverenz. Ein Leckerbissen für Musikliebhaber. Anschließend folgen eine Jazzpopnummer und ein Discobeat mit mörderischem Rockriff. Und dann nehmen die Jungs wieder einen Gang raus, werden einen Tick zu soft. Die rockigen, groovigen Nummern mit kleinen Ausflügen in den HipHop stehen ihnen jedoch gut zu Gesicht.



Als zweite gehen Viertel vor vier zu viert an den Start. Zwei stehen, zwei sitzen: Vier schmächtige Kerlchen, die aussehen wie frischgebackene FG-Abiturienten, trauen sich was und spielen ein rein instrumentales Set. Das Saxofon liefert eine warme Klangfarbe, die Trompete gesellt sich verführerisch hinzu, und obwohl Viertel vor vier ohne Bass auskommen, haben sie eine Rhythmussektion auf der Bühne.

Drummer und Gitarrist verschmelzen im Sitzen phasenweise zu einer Einheit, indem Yannik Sandhofer beide Saiteninstrumente in einem spielt – mit seiner Gitarre. Jazz oder Soulpop mit Bläserappeal, der durch den Kopf ins Blut geht und trotz Gemurmel im Saal beim Publikum gut ankommt. Musikalisch-technisch gut, einer der Favoriten auf den Sieg.



Endlich – so nennen sich vier Herren mit Kurzhaarfrisuren und Geheimratsecken. Sie nölen und grölen pathosschwangere, schwer verständliche deutsche Texte à la „Ich werde trotzdem weiter leiden/ Auch wenn ich meine Tränen vergeude.“

Nehmt die Böhsen Onkelz, die Ärzte und Campino, dampft das Niveau gehörig ein – und herauskommt: Endlich. Das klingt nach der feinen Instrumentalcombo disparat, grobschlächtig und anstrengend – zumindest an diesem Abend.

Auch die Hymne auf Hamburg gerät eher zum Seemannsgarn, das der Klabautermann holen soll. Heimat-Country-Trash-Geschreddel, bei dem man sich fragt: Ist das jetzt tatsächlich ernst oder ironisch gemeint? Comedy gar? Abgehangene Posen und überschaubare Akkorde tun ihr Übriges. Ab in die Elbe damit! Oder wie singt die Band? „Ich spiel das einzige Lied, das ich kenn‘/Eine Story ohne Happyend.“ In dem Fall: ja. Endlich. Vorbei.



Lediglich die weizenbierumtosten Gerstensaftjünger mit dem süffig-sanften-süffisanten Namen Herr und Frau Pilsschorle haben eine Dame an Bord – die einzige Musikerin an diesem Abend. Schade nur, dass sie mit ihrem Saxofon nicht so oft zum Zuge kommt. „Wir sind eine Schlagerkapelle“, witzelt der singende Lockenschopf im Karohemd, und flutet das Gewölbe mit fluffigem, enstpanntem Poprock, garniert mit deutschen Texten. So was kommt an und erzeugt „Ah!“s und „Oh!“s.

Nett, sweet und fehlerfrei – streichzart wie Philadelphia; einer Band, die 2009 bei der Rampe als ZMF-Tourband hervorging. Und Sänger Jogi liefert den besten O-Ton des Abends: „Ich brauch weniger Gesang auf meinem Monitor. Ich schrei‘ mir krass die Ohren weg!“. „Aber uns nicht!“, retourniert eine weibliche Stimme aus der Menge. Doch das lässt der nicht auf sich sitzen. Später fragt er: „Seid ihr bereit?“ – „Ja!“, gellt es aus hunderten Kehlen. Die Antwort von der Bühne: „Schreit nich‘ so rum, ihr Penner! Wir versuchen hier, Kunst zu machen!“ Kunst? Gutes Stichwort. Und nun zu etwas GANZ ANDEREM. Einer Band, die aus dem Rahmen fällt.



Gree stammen als einzige nicht aus Freiburg, rocken alternativ bis progressiv, sind so laut wie alle vier Vorgängerbands zusammen und spielen Musik aus einem anderen Orbit. Zeit- und raumentrückt weben die vier Vollblutmusiker einen dichten Soundteppich, atmosphärisch, intensiv, psychedelisch, seventies-geschwängert. Mit dem Loop-Pedal schichten sie irre Gitarrensounds zu turmhohen Wänden, jagen sie durch fette Effektbretter und beherrschen dabei gekonnt und souverän Hardrock- und Heavy-Metal-Elemente sowie Laut-Leise-Wechsel à la Mogwai.

Sie tackern ein Gitarrenbrett an die Wand, das es in sich hat. Nach zehn (!) Minuten abwechslungsreichem Instrumentalrock erhebt Stefan Miehle seine Stimme: einfühlsam, überraschend hoch – ein toller Kontrast. Ihr erster Song dauert 15 Minuten! „Wir haben noch zwei Songs“, verrät Stefan, sonst Shouter/Sänger bei der Ska-Band No Authority.

Die Band Gree hat eine Idee, eine Vorstellung von dem, was sie musikalisch machen will. Packend, mitreißend, dringlich und fesselnd wuchten die vier ihr Klangbild in beeindruckender Präzision und Perfektion auf die Bretter, die – den Sieg bedeuten? Nein, Gree landen auf dem zweiten Platz und Dritter wird die Combo Herr und Frau Pilsschorle. Sieger wird am Ende das Jazzquartett, da gehen Jury und Publikum konform: Viertel vor vier gewinnt.

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Foto-Galerie: Janos Ruf

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