Zwischen Nationalstolz und brennender Flagge: Public Viewing in Freiburg

Daniel Laufer

4:0 gegen Portugal - und 9.000 Freiburger haben beim Public Viewing kräftigst mitgefeiert. Darunter: fudder-Autor Daniel Laufer, der sich von einem Libanesen Nationalstolz erklären ließ und einen Flaggenverbrenner traf:



Ich sehe sie schon, als ich am Bahnhof aus der Straßenbahn steige. Drei Männer in Deutschland-Fahnen gewickelt, sie tragen sie wie Umhänge und sehen dabei aus wie die heiligen drei Könige mit billigstem Dosenbier. Ich folge ihnen, dorthin, wo alle hingehen: zum Public Viewing auf dem Strabag-Gelände. Mich erwartet bereits ein Meer aus schwarzrotgold. Rund 6000 Leute vergnügen sich an den Ständen mit Bratwurst, Crêpes und allem, was man zum Fußballschauen eben so braucht.

Gerade noch erklärt einer der zehn Fernsehmoderatoren, warum Deutschland statistisch gegen Portugal wahrscheinlich sicher gewinnen wird, da ertönt auch schon die Nationalhymne. Ein Typ mit Kurzhaarschnitt starrt mich entgeistert an und grölt irgendwas, was durchaus „Einigkeit und Recht und Freiheit“ heißen könnte. Überzeugt bin ich davon nicht, da geht es mir wie Ali. Er ist Libanese und gekommen, um Deutschland spielen zu sehen. Jetzt ärgert er sich.

„Die Zuschauer singen nicht mit, das finde ich nicht so gut.“ Ich wundere mich: Eigentlich bin ich Empörung eher dann gewohnt, wenn mal alle mitsingen — schnell ist die Rede von Party-Nationalismus. Ali findet: „Deutschland hat zu wenig Nationalstolz. Hitler ist weg, die Deutschen können ruhig wieder stolz sein.“
„Aber man sieht hier doch schon viele deutsche Flaggen.“
„Ja — nur singen und tanzen die Leute nicht mit. Sie haben noch Angst.“

Angst, mit der man spielen kann. Alis Kumpel Kani steht daneben. Er ist kein Portugiese, heute aber mit Ronaldo-Trikot unterwegs. „Eigentlich bin ich ja für beide Mannschaften“, sagt er, „aber ich wollte die Deutschen ein wenig provozieren.“



Von mir aus kann das Spiel losgehen, ich will nur noch schnell ein Bier und stelle mich an. 50 Andere haben die gleiche Idee, das dauert. Von der Leinwand sehe ich nichts, höre nur die „Ohs“ und „Ahs“. Eine junge Frau in der Schlange bricht in Hysterie aus. „Scheiße, wir verpassen alles!“, ruft sie ihrer Freundin zu. Dann drängelt sie sich vor und bestellt. Als ich meinen Becher schließlich habe, sind schon einige Minuten gespielt. Ich weiß nicht, wie viele — von der Mitte des Platzes kann ich die Zeit nicht lesen. Immerhin sehe ich den Ball, das ist wichtig.

Dann fällt Götze im Strafraum, Müller verwandelt den Elfer und die Dinge nehmen ihren Lauf. Staub wird aufgewirbelt, jemand wirft mit grünem Holipulver. Durch meine Sonnenbrille sehe ich bald nichts mehr, auf dem Strabag-Gelände hat die DFB-Elf einen Sandsturm bewirkt. Und sie macht weiter Dampf.

Thomas gefällt das. Er steht hinter seinem Campingstuhl, der Schal wie bei allen schwarzrotgold — „make friends“, steht da drauf. Thomas ist Schweizer und mit Freunden aus Basel angereist.
„Zum Fanmeile schauen“, wie er sagt. „Wir sind Deutschland-Fans!“



„Hattet ihr nicht selbst erst genug Grund zum Feiern?“ Ich erinnere mich dunkel an einen Sieg gegen Ecuador. „Ja, die Schweiz hat gewonnen“, antwortet Thomas, „aber die Deutschen spielen dafür guten Fußball! Außerdem wollten wir heute mal schauen, wie’s beim Finale sein wird. Zu Deutschland gegen Brasilien kommen wir dann wieder.“

Die Chancen auf das Achtelfinale stehen gut. Zur Pause führt Deutschland mit 3:0 und nicht nur Angie im TV scheint ganz entzückt, auch Katharina und Cee. „Es wird Zeit, dass Deutschland mal wieder den Titel holt“, erklärt er. Seine Verlobte hat sich gleich zwei Fahnen in die Haarpracht gepackt und auch Cee hat sich dekoriert.



„Ich bin eigentlich der Türke hier. Aber meine Verlobte hat gesagt, ich soll dies und jenes anziehen — also hab ich das gemacht.“ „Bei euch macht also die Frau die Ansagen“, stelle ich vorsichtig fest. Katharina lacht. „Beim Deutschlandspiel schon!“ Naja, die Türkei ist ja gar nicht qualifiziert. Aber Cee juckt das nicht sonderlich. „Bei Deutschland ist doch auch ein Türke dabei!“

Am Ende kann sich Ali eigentlich nicht mehr beschweren. Deutschland gewinnt mit 4:0 und als der Schlusspfiff ertönt, tanzt und springt die Meute durch die Gegend. Die Jubelschreie sind so ausgelassen, als hätte die Partie bis eben noch kippen können. Man ist betrunken und glücklich und zeigt das sehr laut. Männer nehmen andere Männer auf die Schulter, damit sie vernünftig in den Freiburger Abendhimmel urschreien können.

Ich gehe zum Ausgang, vorbei an einem Mann mit Flyers-Kappe, Kanada-Pflastern im Gesicht und den Tre Kronor auf der Brust — hier kommt alles zusammen. Hunderte Fans pilgern in Richtung Innenstadt, die Heinrich-von-Stephan-Straße ist für den Verkehr gesperrt. Wäre das eine Demo, würde wohl gleich geräumt, aber nein, heute ist nur Deutschland.

Ein älterer Polizist steht an der Ecke zur Wilhelmstraße. Ein paar Frauen springen auf ihn zu, dann fallen sie ihm kreischend um den Hals. Der Mann schaut etwas unbeholfen. Ich frage ihn, wie oft ihm das heute schon passiert sei. Er verteidigt sich. „Mein Gott, ich kann’s ja nicht ändern. Das waren bestimmt zehn Stück, die Leute kommen und umarmen einen halt.“ Finden Sie das schön?
„Ist doch in Ordnung.“



Mein Ziel ist das Dreieck. „Public Viewing Aftershow, geöffnet immer 30 Minuten nach Spielende“, steht auf dem Flyer. Vor der Türe stehen die ersten Leute Schlange. „Was glaubt ihr, gibt’s hier?“, frage ich einen Mann, der ansteht. „Party und Nutten?“, überlegt der. Falsch. Der Flyer verspricht einiges, die „Wahl zum Crazy-Fan“ zum Beispiel und natürlich die „Miss Spieltag-Wahl“.

Ich trinke schnell ein Bier, um mich zu beruhigen. „Wir sind schwarz, wir sind weiß, wir sind heiß auf den Titel“, dröhnt es schon aus den Boxen. So nach und nach findet sich die Club-Crowd ein, um darauf zu tanzen. Schnell schiebt der DJ noch den „Traum von Amsterdam“ dazwischen. Ich schaue eine Weile zu, dann bestelle ich vorsichtshalber einen Gin Tonic.



„Darfst du während der Arbeit trinken?“, fragt der Barkeeper. Er hat meine Kamera gesehen. Ich überlege: Darf ich? Und was, wenn ich muss? Dann gibt es neben mir großes Trara. Jemand namens „Naddel“ wird begrüßt, und das so begeistert, als hätte „Naddel“ und nicht Müller an diesem Abend drei Tore erzielt. Einen Versuch war’s wert, aber: Sorry Crazy-Fan, sorry Miss Spieltag — ich gehe jetzt heim.

Draußen ist es mittlerweile dunkel. Der Weg zur Bahn führt vorbei am Platz der alten Synagoge. Eine Gruppe sitzt dort auf einem Teppich in der Wiese und trinkt Bier, darunter auch Felix. Das Spiel hat er nicht gesehen, die Fans schon. Jetzt hockt er da und hantiert mit einem Feuerzeug. „Es gibt kein Deutschland“, erklärt Felix mir. „Alle Staaten sind ein fiktives Konstrukt. Man sollte die Weltbürgerschaft einleiten, sodass jeder die gleichen Rechte hat.“

„Meinetwegen. Aber können sich die Leute nicht trotzdem über einen Sieg freuen?“
„Die können sich alle freuen — aber nicht so kacknational!“ Er überlegt kurz. „Außerdem ist dieses Fußball-Gehabe am Ende doch nur ein Scheiß-Konsumfest.“ Dann steht Felix auf und fackelt vor mir eine Deutschland-Flagge ab.



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