Straßenmusik

Zwei Musiker aus der Ukraine bereichern die Freiburger Innenstadt

Tim Bergfeld

Das Ehepaar und Musiker-Duo "Grazia Duo" bringt Leben in die Freiburger Innenstadt. Mit Geige und Akkordeon interpretieren die beiden Ukrainer populäre Stücke auf neue Art.

An einem warmen Morgen im August steht Ihor Pliushko, 25, bei dem Café an der Ecke Schusterstraße/Herrenstraße an den Stehtisch gelehnt, seinen Cortado vor sich. Er ist ein sympathischer Typ, sein Englisch ist nicht perfekt, aber verständlich. "An dieser Stelle spielen wir häufig, es ist ruhig und viele Leute bleiben stehen". Ihor und seine Frau Anastasiia Pliushko (25) spielen als "Grazia Duo" an verschiedenen Orten in der Freiburger Innenstadt Straßenmusik. Sie sind Profimusiker – und stammen aus der Ukraine. Freiburg kannten sie bereits vor dem Ukrainekrieg, weil sie zuvor schon insgesamt fünf mal in der Stadt Auftritte gehabt haben. Anastasiia spielt Geige, Ihor Akkordeon, beide haben ihr Instrument in Kharkiv in der nordöstlichen Ukraine studiert. Sie kamen in den ersten Tagen nach Kriegsbeginn nach Südbaden - ein Glücksfall, denn ein paar Wochen später hätte Ihor nicht mehr ausreisen können. Männer im wehrpflichtigen Alter dürfen die Ukraine nicht verlassen, da sie im Land bleiben und es gegen die russischen Invasoren verteidigen sollen.

Die beiden leben mit ihrer einjährigen Tochter in Deutschland

Seit rund fünf Monaten leben Ihor und Anastasiia zusammen mit ihrer einjährigen Tochter in Freiburg. Es war schwer für sie, eine Wohnung zu finden. Zunächst kamen sie bei einer Gastfamilie unter. Viele Ukrainer hätten es nicht leicht, sagt Ihor, die hätten auch keine extra Geldquelle wie das Paar als Straßenmusiker. Anastasiia spielt auch bei einigen Aufführungen im Orchester des Theater Freiburg mit. Die kleine Familie erhält Kindergeld und ist krankenversichert, außerdem erhalten sie Sozialleistungen. Von diesen Zuwendungen und ihrer Straßenmusik können die drei gut leben. Ab und an schicken sie Geld an ihre Verwandten in Poltawa, nicht weit entfernt von Kharkiv.

Ihor sagt: "Ich hoffe, dass die Ukraine in Zukunft zur EU gehören wird und wir in verschiedenen Ländern in Europa Musik machen können". Ob er mit Frau und Kind irgendwann in die Ukraine zurückkehren will, weiß er noch nicht. "Das kommt darauf an, wann die Ukraine wieder sicher ist". In Kharkiv hat das Paar auch studiert und sich kennengelernt. Kharkiv ist die zweitgrößte Stadt der Ukraine, sie liegt nicht weit von Russland entfernt und steht immer wieder unter Raketenbeschuss. "Ich kenne Leute, die verletzt wurden und einige, die gestorben sind", sagt Ihor.

Ihor ist dankbar in Deutschland zu sein

Seit Ihor und Anastasiia in Deutschland sind, fühlen sie sich sicher. "Unserer kleinen Tochter geht es gut", sagt Ihor und wenn das Musiker-Paar spielt, dann übernehmen andere Ukrainer das Babysitting. "Unsere Tochter soll aber auch Deutsch lernen", sagt Ihor. Wenn sie auf den Freiburger Straßen auftreten, spielen sie populäre Musik wie das Intro der Serie "Game of Thrones", Filmmusik von "Fluch der Karibik" und "It’s My Life" von Bon Jovi. Die Leute sollen die Lieder erkennen und zum Zuhören stehenbleiben. Die beiden schaffen es, diese Lieder neu zu interpretieren, obwohl jeder die Stücke kennt, ist es doch eine neue Erfahrung. Jeder, der Geld in den Geigenkoffer wirft, oder einfach so zum Zuhören stehenbleibt, freut sich über die musikalische Kulisse.

In Freiburg und in allen Städten in Deutschland gibt es Regeln zum Aufführen von Straßenmusik. Es ist fest vorgegeben, wann man mit welchen Instrumenten, wie lange, wo spielen darf. "Es ist kompliziert, aber ich habe schon viel schlimmeres erlebt", sagt Ihor. Er ist dankbar, in Deutschland zu sein: "Ich mag Freiburg, vor allem die Leute und die Natur. Es ist eine Familienstadt!"