Netzgeschichten

Zwei Freiburger Studierende erörtern in ihrem Blog die Corona-Krise

Christina Braun

"Alltag in der Krise" haben zwei Freiburger Masterstudierende ihren Blog genannt, in dem sie den gesellschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise auf den Grund gehen wollen. fudder hat sie gefragt, was ihr Ziel ist.

Vor knapp einer Woche haben die Masterstudierenden der Kulturanthropologie Tobias Becker (23) und Lea Breitsprecher (23) das partizipative Blogprojekt "Alltag in der Krise" gestartet. Mit dem Blog wollen die beiden die verschiedensten Beobachtungen aus der Krisenzeit sammeln und damit dokumentieren, wie die Corona-Krise unseren Alltag verändert. Fudder hat die beiden Studierenden gefragt, warum gerade die Disziplin der Kulturanthropologie dabei helfen kann, die aktuellen Ereignisse besser zu verstehen.


"Klopapier – ein Analyseversuch in drei Lagen", so heißt ein aktueller Beitrag, der auf eurem Blog "Alltag in der Krise" zu finden ist. Habt ihr eine Antwort auf das Corona-Phänomen des Klopapier-Hamsterns gefunden?

Tobias: "Nein, aber das war auch gar nicht unser Ziel. Wir wollten damit nicht erklären, warum die Menschen auf einmal so viel Klopapier kaufen, sondern warum gerade so viel darüber gesprochen und mit welchen Erklärungen eigentlich argumentiert wird. Dabei hat uns besonders interessiert, welche gesellschaftlichen und kulturellen Aushandlungen sich an dieses "Phänomen" Klopapier anheften und warum dieser sonst ziemlich unbeachtete Alltagsgegenstand derzeit zu einem so starken Symbol geworden ist."

Wer hatte die Idee für das Blogprojekt und was hat es mit eurem Studium der Kulturanthropologie zu tun?

Lea: "Die Idee kam uns während eines Telefonats. Wir wollten uns beide im Rahmen einer Hausarbeit zum Thema Ressourcen und Ressourcenknappheit mit Corona beschäftigen. Schnell ist uns aufgefallen, dass es vollkommen verkürzt wäre, dabei nur auf eine ökonomische Perspektive zu setzen. Dann haben wir an die allgegenwärtigen Live-Ticker gedacht und uns gesagt: "Wie cool wäre es, parallel zu der aktuellen Situation auch darüber zu schreiben."

Für Fachfremde in zwei kurzen Sätzen erklärt: Was macht eigentlich ein Kulturanthropologe bzw. eine Kulturanthropologin?

Tobias: Zwei Sätze schaffe ich nur mit vielen Semikolons (lacht). Als Kulturanthropolog*innen fragen wir danach, wie Menschen ihren Alltag gestalten. Aktuell heißt das: Wie gehen Menschen in der Corona-Krise mit den aktuellen Herausforderungen und Problemen um und welche neuen Formen des sozialen Zusammenlebens formieren sich, wenn Alltag in die Krise gerät? Ein großes Potenzial der Kulturanthropologie liegt darin, dass sie sowohl auf das blickt, was gerade problematisch ist, als auch darauf, was gerade produktiv neu entsteht – und damit trägt sie dazu bei, die gegenwärtig Situation besser zu verstehen.

Eigentlich würdet ihr gerade mitten in den Vorbereitungen für ein Forschungsprojekt im Rahmen des Freiburger Stadtjubiläums stecken. Unter dem Titel "Alltag findet Stadt" habt ihr euch seit Monaten mit den "Normalitäten" des Freiburger Alltagslebens beschäftigt. Ein Buchprojekt und eine Ausstellung waren geplant – und dann kam Corona. Warum ist die aktuelle Situation aus kulturanthropologischer Sicht trotzdem interessant?

Lea: Wie das Stadtjubiläum wird auch unser Projekt nach hinten verschoben – aber auf keinen Fall aufgehoben. Inhaltlich ist das, was gerade passiert, für uns aber besonders interessant, weil das Alltagsleben ja auch während Corona weitergeht - es ist nur völlig auf den Kopf gestellt. Eine spannende Frage ist dann: In welcher Weise werden die Normalitäten, die vor Corona da waren, auch nach Corona weiterbestehen?
Tobias: Außerdem könnte man darüber nachdenken, ob die Diagnose des Projekts nicht mehr "Alltag findet Stadt" sondern "Krise findet Stadt" heißen müsste.

Euer Blog ist nicht nur zum Lesen da, sondern sammelt als partizipatives Projekt Beiträge von verschiedenen Autor*innen. Warum ist es euch wichtig, dass der Blog viele verschiedene Perspektiven wiederspiegelt?

Tobias: Die aktuelle Corona-Lage hat sehr viele unterschiedliche Dimensionen. Dabei spielt sich an unterschiedlichen Orten sehr viel gleichzeitig ab. Das können wir zu zweit gar nicht alles im Blick haben. Deshalb war es uns wichtig, auch Kulturwissenschaftler*innen von anderen Standorten und aus anderen Ländern einzuladen, um die Vielstimmigkeit dieses Phänomens abbilden zu können.
Lea: Man kann sich das wie eine Post-It-Wand vorstellen, an der ganz viele kleine Zettelchen drankleben, die ein großes Ganzes ergeben. Wir wollen Notizen sammeln, damit die Gedanken aus dieser Zeit nicht verloren gehen und später weitergedacht werden können.

Die Beiträge auf eurem Blog bezeichnet ihr als "kulturwissenschaftliche Notizen". Was kann man sich darunter vorstellen?

Lea: "Kulturwissenschaftlich" sind die Notizen, weil sie mithilfe größerer Strukturen und Kategorien verstehen wollen, was gerade passiert. "Notizen" steht dafür, dass die Beiträge in ihrer Form sehr heterogen und auch unabgeschlossen sein dürfen. Wie der Klopapier-Artikel: Der liefert zwar keine Antworten, aber er wirft Fragen auf.
Tobias: "Notizen" verstehen wir nicht nur bezogen auf Texte, sondern auch auf Fotos, Videos und kleine Schnipsel, die uns im Alltag begegnen. Für die Kulturanthropologie, die sich vor allem auch subtilen Details annimmt, um Alltag und aktuelle Ereignisse zu verstehen, ist es besonders relevant, auch solche kleinen Beobachtungen zu dokumentieren.

Kann ich auch als Fachfremde*r einen Beitrag für den Blog einreichen?

Lea: Natürlich sprechen wir inhaltlich eher Kulturanthropolog*innen an, aber Corona berührt ja doch jedes Alltagsleben und jeder oder jede hat etwas dazu zu sagen. Gerade Fotos und kleine Erfahrungsberichte können gerne von den unterschiedlichsten Seiten eingeschickt werden.

Die Corona-Pandemie hat unser Leben in den letzten Wochen grundlegend verändert. Wie geht ihr persönlich durch den Alltag in der Krise?

Lea: "Ich bin gerade bei meiner Familie in Murg am Hochrhein. Einerseits bin ich frustriert, nur zu Hause sitzen zu müssen, andererseits will ich die Zeit produktiv nutzen - ohne damit zu romantisierend zu klingen. Man darf auch mal unzufrieden sein mit der Situation, auch wenn man sich gleichzeitig vor Augen führen muss, dass andere von der Krise deutlich stärker betroffen sind.
Tobias: "Ambivalenz ist das Stichwort der Stunde: Ich schwanke zwischen "es hat sich natürlich nicht alles komplett geändert" und "es ist eben doch nicht der normale Alltag". Vermutlich machen derzeit viele eine ähnliche Erfahrung: Manches hat sich grundlegend gewandelt und anderes ist dennoch stabil geblieben.

Auch wenn wir uns gerade noch mitten in der Krise befinden, diskutieren Expert*innen bereits, inwiefern das Coronavirus unseren Alltag auf lange Sicht verändern wird. Wenn ihr eine Prognose stellen müsstet: Wie wird unser Leben nach Corona aussehen?

Tobias: "Ich will mich da mit einer Prognose noch nicht so weit aus dem Fenster lehnen. Als Kulturanthropologen betonen wir die Offenheit von Prozessen und haben dabei nicht unbedingt das Ziel, vorherzusagen, was passieren wird. Generell kann man aber festhalten, dass die Möglichkeit besteht, dass sich die aktuell improvisierten Veränderungen zu etwas Dauerhaftem verfestigen können. Was auf lange Sicht fester Teil unseres Alltags wird und was nur temporäre Brückenlösung bleibt, werden wir erst nach der Krise sehen."