Erfahrungsbericht

Zwei Freiburger reisen per Rad durch Europa und helfen Geflüchteten

Anika Maldacker

Ein Freiburger Paar reist derzeit mit dem Fahrrad durch Europa. Ihre Route führte sie zunächst Richtung Balkan. In Bosnien haben sie einer Hilfsorganisation bei der Versorgung von Geflüchteten geholfen.

Sie wollen nicht nur unbeschwert reisen, sondern auch helfen: Als Marek Fritz und Anne Höfer ihre einjährige Auszeit von Studium und Job planen, merken sie, welch großes Privileg es ist, einen deutschen Pass zu haben. Die beiden Freiburger haben im Laufe der vergangenen Jahre den Plan gefasst, per Fahrrad den Süden Europas zu bereisen. Da die Reise zunächst gen Balkan gehen sollte, ist dem Paar schnell bewusst geworden, dass sie vielen Menschen begegnen würden, die in Europa Schutz suchen. Also entscheiden sie, sich an der kroatisch-bosnischen Grenze für Geflüchtete zu engagieren – und erleben eine intensive Woche.

"Wir sind beide offen für alternative, klimaschonende Lebensformen und halten uns sehr gerne in der freien Natur auf", sagt Marek, als er am Telefon von den Beweggründen der Reise berichtet. Der 27-Jährige ist im Sommer mit seinem Geologie-Studium fertig geworden. Anne (32) ist Sonderschullehrerin und macht gerade ein Sabbatjahr. Anfang August macht sich das Paar in Freiburg mit den Rädern auf die Reise gen Südwesten – auch um Europas Menschen und Kulturen kennenzulernen. In der Schweiz überqueren sie die Alpen, dann geht’s durch die italienischen Dolomiten und durch den slowenischen Nationalpark Triglav. Ein fixes Kilometerziel, das sie an einem Tag schaffen wollen, haben sie nicht. "Manchmal schaffen wir 30 bis 50 Kilometer, im Sommer waren es teils 100 Kilometer", sagt Marek Fritz. Da sie mit Zelt und Schlafsack ausgestattet sind, übernachten sie meistens draußen – auf Wiesen, Weiden oder Äckern. "Wir mögen es, uns dem Rhythmus der Natur anzupassen", sagt Marek, "also ins Bett zu gehen, wenn es dunkel ist und aufzustehen, wenn es hell wird". Auf dem Balkan treffen sie viele gastfreundliche Menschen, die ihnen Essen vorbeibringen.

Die Freiburger wollen an der bosnisch-kroatischen Grenze helfen

Nach zwei Monaten kommen die beiden an ihrem ersten Ziel an, der Grenzstadt Velika Kladuša in Bosnien und Herzegowina. Auf die 45.000-Einwohner-Stadt an der kroatischen Grenze sind Marek und Anne über die deutsche Initiative "Wir packen’s an", die Nothilfe für Geflüchtete organisiert, aufmerksam geworden. Die Gruppe vermittelt einen Kontakt an die kleine Vor-Ort-Organisation Rahma, die Geflüchtete mit dem Notwendigsten versorgt. Schon vor der Reise sammelt das Paar Spenden bei Freunden und Familie. Mehr als 3000 Euro seien zusammengekommen, so Marek Fritz. "Wir wollten nicht nur als Zuschauer durch den Balkan fahren", sagt er.

Das Geld übergeben die Freiburger Anfang Oktober in Velika Kladuša persönlich an die Menschen hinter Rahma. Außerdem wollen sie selbst mithelfen. Die Organisation arbeitet im Verborgenen, denn Hilfe für Geflüchtete wird von den Behörden nicht gern gesehen. Auch Marek und Anne müssen aufpassen, wer sie dabei sieht, wenn sie Geflüchteten Kleidung und Essen vorbeibringen. Morgens packen sie Essenspakete. Über Facebook-Messenger kommuniziert die Organisation mit Betroffenen. "Oft kamen tausende Nachrichten am Tag an, mit der Bitte um Hilfe", berichtet Marek. Die Geflüchteten brauchen neue Kleidung oder Nahrungsmittel.

Geflüchtete berichten von Pushbacks an der Grenze

Psychisch kommen die Freiburger an ihre Grenzen. Sie treffen Menschen, die von bosnischen oder kroatischen Polizeikräften niedergeschlagen wurden. Auch von Pushbacks, also dem gewaltvollen Zurückdrängen durch kroatische Polizeikräfte an der Grenze, berichten Flüchtlinge. Die beiden Freiburger sprechen mit Geflüchteten, beispielsweise aus Afghanistan, die vor Gewalt, Krieg und aus Angst um ihr Leben flohen. Sie bleiben eine Woche. Die Begegnung mit einem gleichaltrigen Afghanen bleibt Marek Fritz besonders in Erinnerung. "Seine zwei Kinder – eins wurde im Flüchtlingslager Moria geboren – kennen kein anderes Leben, als das auf der Suche nach Schutz."

Nach einer Woche queren sie weiter Grenzen – ziehen durch Montenegro, die albanischen Berge und weiter nach Griechenland. "Es ist absurd, dass das für uns mit einem deutschen Pass so leicht ist und Schutzsuchende mit Gewalt abgewiesen werden", sagt Marek. Immer wieder machen sie Halt und wandern. In der Nähe der griechischen Stadt Kalambaka schauen sie sich die Meteora-Klöster an. In der griechischen Küstenstadt Patras besteigen sie eine Fähre. Bald legen sie im italienischen Bari an. In Italien wollen sie den Winter verbringen. Auch dort wollen sie sich in einer Initiative engagieren, die Geflüchteten hilft. Es soll nicht ihr letztes Engagement bleiben. Im Laufe der Sommerferien 2022 wollen sie wieder in Freiburg ankommen. "Nach Velika Kladuša werden wir sicher zurückkehren ", sagt Marek Fritz.
Info:

Der Verein "Wir packen’s an" ist ein gemeinnütziger Verein aus Berlin-Brandenburg, der direkte Hilfe zu notleidenden Menschen auf der Flucht an der EU-Außengrenze bringt.