Nachbarschaft

Zwei Freiburger bringen mit der App "Teile deine Mahlzeit" Menschen und Essen zusammen

Viola Priss

Keine Zeit, Lust oder Möglichkeit, selbst zu kochen? In solchen Situationen will die App "Teile deine Mahlzeit" helfen – auch in Zeiten von Corona. Ein Freiburger Paar hat sie entwickelt, das Konzept stammt aus Holland.

Achtung, Déja-vu: Im ganzen Block riecht es nach leckeren Dampfnudeln, aber Dir fehlt es an Zeit, Talent oder – krisenbedingt – an Gästen, um diese selber zu kredenzen. Durch die App "Teile Deine Mahlzeit" kannst Du Gutes tun, für wenig Geld Selbstgemachtes essen, deine Nachbarn kennenlernen und Müll vermeiden.


Nachbarschaftssinn nach holländischem Vorbild

"Es gab zwei Situationen in meinem Leben, in denen ich sehr froh war, dass andere für mich etwas mitgekocht und manchmal sogar gebracht haben", sagt Franziska, Mitbegründerin von "Teile Deine Mahlzeit". Lange Zeit lebte die gelernte Sozialpädagogin in Holland, wo das Prinzip "Zuhause abgeholt" (Niederländisch: "Thuisgekookt") schon lange etabliert ist. "Entweder mangelte es an Zeit oder Nerven, sich damals selbst nach einem langen Tag selbst an den Herd zu stellen", erzählt sie. Gleichzeitig sollte es auch nicht ständig der Döner um die Ecke sein. Als sie dann von der Möglichkeit hörte, sich online eine Portion des Abendessens um die Ecke mitzubestellen, war sie sofort begeistert.

"Als ich vor zwei Jahren meinem Freund in meiner neuen Freiburger Heimat begegnete, erinnerte ich mich an diese Zeit zurück und erzählte ihm davon". Sofort war auch Omar von der Idee begeistert und meinte direkt: "Das braucht es hier auch!" Aber erst, als die beiden vor zwei Jahren Eltern wurden, Omar arbeitend und Franziskas Familie nicht vor Ort, wurde aus der Not eine Tugend. Keiner sollte mehr auf mitkochende Freunde, Verwandte oder Lieferdienste angewiesen sein, wenn es in der nahen Umgebung Menschen gibt, die die ganze Lasagne ohnehin nicht allein schaffen, fanden die beiden. "Teile Deine Mahlzeit" war geboren.

Einfach eine Portion mehr kochen

Nach der Registrierung kannst Du die App auf Deinem Handy verwenden und rausfinden, wo in Deiner Nähe gerne mitgekocht wird – oder Essen anbieten. Ebenso funktioniert auch die Website als Vermittler zwischen Menschen und essen. Damit der Nachbar-Koch Bescheid weiß, gibt der eine Uhrzeit zur Anmeldung und Abholung der ausgewählten Speise an. Ist es dann soweit, kannst Du normalerweise mit Deiner eigenen Tupperbox losziehen und Dir Deine Portion abfüllen lassen.

Um allerdings derzeit in Sachen Infektions-Risiko auf Nummer Sicher zu gehen, ist eine Essenslieferung an die Tür des Bestellenden für beide Seiten am sinnvollsten. So wird ein direkter Kontakt vermieden, die Lunch-Boxen oder Dosen können gespült und bei der nächsten Lieferung wieder abgeholt werden. So, wie derzeit auch Einkäufe für Erkrankte ausgeliefert werden. Einzelheiten dazu erfolgen, im nachbarschaftliche Grundkonzept der App, in gegenseitiger Absprache und Vertrauen.

Vor Betrug geschützt ist man außerdem, bespricht man Einzelheiten doch via FaceTime. Und das kann Tage in der Isolation doppelt bereichern. Ursprünglich war die Idee, dem Kochenden einen fairen Betrag im Rahmen zwischen 5 und 10 Euro, je nach Aufwand, entgegen zu bringen. Durch die aktuelle Krise, ist Dir natürlich frei gestellt, ob und wie preislich an die Situation der Empfänger angepasst Du das handhaben willst. Derzeit profitieren die beiden Freiburger mit ihrer Idee nur auf Spendenbasis der Nutzer. An ein Trinkgeld für das junge Gründerpaar solltest Du also auch denken.

Genialer Nebeneffekt: In der Krisenzeit hilft die App, anderen zu helfen

"Dann kam die Coronakrise dazwischen", erzählt Franziska den Verlauf der App-Entwicklung. "Wobei, richtig dazwischen kam sie eigentlich nicht." Vielmehr bekam die App durch die Krise eine ganz neue Dimension. Wer nun in Quarantäne lebt, das Haus nicht verlassen kann, darf oder will, wer in einem entscheidenden Beruf hart arbeitet und keine Zeit zum Einkaufen und Kochen hat, wird gerade aktuell dankbar sein, wenn für ihn mitgekocht wird.

"In diesen Fällen ist es vorgesehen, dass derjenige, der kocht, das Essen bei dem, der es bestellt auch vorbeibringt", fügt Franziska hinzu. Jetzt brauche es also umso mehr Menschen, die ihr Essen gerne über die App teilen wollen, damit das Ganze schnell noch bekannter würde. Von Freunden, Bekannten und Familie bereits mehrfach optimiert und schließlich für "genial" befunden, ist das Werk nun online und steht in den Startlöchern, Hausköche und Hungrige zusammen, wenn auch nicht an einen Tisch, zu bringen.

"Physical Distancing" statt "Social Distancing"

Die App will dabei nicht in Konkurrenz zur lokalen Gastronomie zu stehen. Die App richtet sich, besonders im Moment, vielmehr an diejenigen, die durch Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit oder Arbeitsausfall aufgrund der Erkrankung die Lieferservices der hiesigen Restaurants nicht in Anspruch nehmen können. Oder an jene, die neu in Freiburg sind und über kein großes soziales Netzwerk, dass die Mitverpflegung übernehmen kann, verfügen. So können Kontakte über Essen geknüpft werden. Möglicherweise schaust Du so noch via Skype zu, wie Dein Gemüseeintopf vor sich hin blubbert und nach der Krise verabredet ihr euch zum gemeinsamen Kochen? Der sozialen Fantasie sind hier allein aktuell, nicht aber für die Zukunft Grenzen gesetzt.