fudder-Interview

ZMF-Sprecherin: "Corona ist nicht unsere einzige Sorge"

Gina Kutkat

Wegen Corona wurden alle Musikfestivals in Deutschland abgesagt – auch das Zelt-Musik-Festival in Freiburg. Was bedeutet das für die Zukunft? Schafft es das ZMF durch die Krise? Sprecherin Hanna Teepe im Interview.

Am 16. April war es offiziell, dass das ZMF 2020 nicht stattfinden wird. Wie hast du die Entscheidung erlebt?

Hanna Teepe: Ich kann mich noch gut erinnern. Der erste große Einschnitt war die Absage des AnnenMayKantereit-Konzerts Mitte März. Im April kam die Erklärung der Bundesregierung, dass alle Großveranstaltungen abgesagt sind und mir wurde bewusst, dass das endgültig heißt, das Festival findet dieses Jahr nicht statt. Die Entscheidung kam aber nicht aus heiterem Himmel, wir hatten uns auch in den Wochen vorher damit auseinandergesetzt, Pläne geschmiedet und mit den Bands kommuniziert. Es war nicht schockierend, aber trotzdem war ich wehmütig.

Was war besonders hart?

Das ganz endgültige Gefühl, dass es kein ZMF 2020 geben wird, das überkommt mich auch jetzt immer wieder. Wir waren vor drei Wochen auf dem Mundenhofgelände und standen auf dem Schotterplatz, auf dem jetzt die Zelte stehen würden. Das Wetter war schön und erinnerte mich an die sieben letzten Sommer, die ich auf diesem Festival verbracht habe, das war schon hart.

"Es wird schon interessant, wenn man alles mal durchkalkuliert."

Was bedeutet die Absage finanziell für ein großes Festival wie das ZMF?

Ich kann das nicht in eine Summe fassen. Wir haben unsere laufenden Betriebskosten wie Büromiete, Versicherungen und zwei Angestellte. Letzteres kann durch Kurzarbeit abgefedert werden. Wir erhalten die institutionelle Förderung der Stadt Freiburg, um die 45.000 Euro. Normalerweise bekommen wir noch eine Förderung vom Land, die ist aber für unser kostenloses Programm bestimmt und kommt dieses Jahr nicht. Das ist schon eine hohe Summe, die da wegfällt. Vor allem, wenn man keine Einnahmen hat. Es wird interessant, wenn man alles mal durchkalkuliert.
Hanna Teepe, 29, ist seit 2018 Pressesprecherin des Zelt-Musik-Festivals. Sie kommt ursprünglich aus Nürnberg und kam zum Studium der Fächer Französisch, Medienwissenschaften und Kunstgeschichte nach Freiburg. Sie ist ein echtes ZMF-Gewächs und war erst Praktikantin, dann Fahrerin und schließlich Pressesprecherin.

Wird das ZMF die Krise überstehen?

Ich denke, dass Corona nicht die Krise Nummer eins für das ZMF ist. Es ist definitiv nicht ohne, aber uns kommt zugute, dass wir keinen großen laufenden Betrieb haben. Unser nächstes Konzert wird wahrscheinlich im Juli 2021 sein – bis dahin kann viel passieren. Die Auseinandersetzung mit Dietenbach wird für uns spannender; der neue Stadtteil soll direkt bis an den Mundenhof reichen und es gibt jetzt schon Sorgen, dass die Musik dann zu laut ist. Wir stehen in gutem Kontakt zur Stadt; das Thema ist jetzt zwar nicht tagesaktuell, aber ich hab das schon im Hinterkopf. Im Herbst werden wir besprechen, wie es weitergeht. Mit Corona, aber auch mit den neuen Strukturen.

Mitten in der Corona-Zeit ist Marc Oßwald als Geschäftsführer zurückgetreten, für ihn kam Dieter Pfaff. Wie war das?

Dadurch, dass Marc Oßwald nicht mehr fürs ZMF, sondern nur noch für Vaddi Concerts zuständig ist, hat sich auch für uns einiges geändert. Wir sitzen nicht mehr mit dem Vaddi-Team zusammen, sondern haben unser eigenes Büro. Absprachen und Abläufe ändern sich dadurch natürlich. Dieter Pfaff kennt das Festival sehr gut, aber er ist nicht so sehr in dem täglichen Business drin.
ZMF On Air

"Dont’t stop the music – support our artists" lautet der Leitgedanke des Projekts. Vom 15. Juli bis 2. August – in dieser Zeit sollte das ZMF stattfinden – gibt es auf zmf-on-air.de täglich Streams. Der Ertrag einer Spendenaktion wird unter allen beteiligten Künstlern gleichmäßig verteilt.

15. Juli – El Flecha Negra eröffnen unser online ZMF
17. Juli – Äl Jawala
20. Juli – Seven Purple Tigers RAMPE Gewinner 2020
21. Juli – Jess Jochimsen & Sylvia Oelkrug kabarettistische Lesung mit musikalischer Untermalung
22. Juli – Trommelkreis mit Murat Coskun
31. Juli – Hard2Handle

Wie haben die Leute auf die Absage reagiert?

Es hat jetzt keiner "Juhu" geschrien. Ich habe mehrmals gehört "Was? Das ZMF findet nicht statt? Jetzt wird es wirklich ernst!". Das war für viele ein Einschnitt. Ein Sommer ohne ZMF ist nicht vorstellbar für die meisten – auch für mich persönlich – seit 38 Jahren ist das eine feste Institution. Die Absage hat viel mitfühlende Reaktionen hervorgerufen.

"Das ganz endgültige Gefühl, dass es kein ZMF 2020 geben wird, das überkommt mich auch jetzt immer wieder."

Wie viele Tickets hattet ihr für das ZMF 2020 verkauft?

Etwa 16.000 Tickets. Wir waren guter Dinge, auch, was das Programm anging. Das war alles homogen und es wäre wirklich ein cooler Sommer geworden. Ein Großteil der Konzerte konnten wir auf den nächsten Sommer verlegen, wie Fettes Brot, Bosse, Dieter Thomas Kuhn, Pixies, Les Yeux des la Tête oder Meute. Es folgen jetzt auch noch ein paar. Und ein neues Konzert ist auch schon im Vorverkauf: Hubert von Goisern. Die Tickets behalten ihre Gültigkeit, es gibt aber auch die Gutscheinlösung: Wer einen Termin nicht wahrnehmen kann, kann seine Karte umwandeln.

"Die Auseinandersetzung mit Dietenbach wird für uns spannender; der neue Stadtteil soll direkt bis an den Mundenhof reichen und es gibt jetzt schon Sorgen, dass die Musik dann zu laut ist."

Wie sehen die Pläne aus, die Verluste zu kompensieren?

Momentan sind wir mit unserem Online-Festival beschäftigt. Das ist unser Versuch, eine Alternative zu schaffen. Was total schwierig ist, weil das ZMF von der Atmosphäre lebt. Es gibt ein buntes Programm aus Konzerten und Mitmachaktionen, DJ-Sets und Workshops, dafür haben wir eine eigene Plattform zmf-on-air.de, die wurde von einem Sponsor initiiert. Die Videos sind hochwertig und aufwendig produziert von unserem Partner Tecstage, der sich auch freut, etwas zu tun zu haben. Wir rufen die Öffentlichkeit dazu auf, Geld zu spenden, das dann den Künstlerinnen und Künstlern zu Gute kommt. Wir als ZMF verdienen daran kein Geld.



Dem ZMF wird oft vorgeworfen, die Tickets seien zu teuer, was sagst du dazu?

Da muss ich mich öfters rechtfertigen. Aber unsere Tickets sind nicht teurer als anderswo. Kultur kostet und die Gagen der Künstler steigen, weil sie weniger CD’s verkaufen. Dazu kommt noch unsere ganze Infrastruktur, die einfach ein Wahnsinnsgeld kostet.

"Ob auch wir im nächsten Sommer wieder normal Konzerte unter den gewohnten Umständen machen können, kann ich nicht sagen."

Habt Ihr Forderungen oder Wünsche an die Politik?

Generell finde ich es immer schade, dass die administrativen Hürden so hoch sind. Beispielsweise machen wir jetzt auch im Online-Stream ein kostenloses Rahmenprogramm, das kulturell wertvoll ist, erhalten dafür aber keine öffentliche Förderung. Da wünscht man sich manchmal vom Ministerium in Stuttgart ein bisschen mehr Unterstützung.

Haben die Menschen bald wieder Lust auf volle Konzerte in einem Zelt?

Ich glaube, Lust haben viele Menschen jetzt schon wieder. Das fehlt den meisten ganz schön schnell; die Leute wollen was tun und den Sommer genießen. Theoretisch kann man ja jetzt unter strengen Auflagen wieder Konzerte machen, aber die Umsetzung halte ich für schwierig. Für Pop-und Rockkonzerte des ZMF ist das nicht denkbar. Und generell größere Konzerte sind für mich gerade schwer vorstellbar. Genauso, wie es Anfang März für mich schwer vorstellbar war, dass das ZMF abgesagt wird. Ich halte alles für möglich und unmöglich und es kommt natürlich darauf an, ob ein Impfstoff gefunden wird.

Was würdest du jetzt normalerweise machen, kurz vorm offiziellen Festivalbeginn?

Die Zelte würden stehen, die Produktion wäre gestartet. Unsere Praktikantin wäre im Einsatz, ich würde sie einarbeiten und hätte einen sehr vollen Büroalltag. Mit dem Büro wären wir natürlich schon aufs Gelände gezogen. Mein soziales Leben würde jetzt für die nächsten drei Wochen zurückstecken, denn Festivalzeit heißt von früh bis spät am Start und wenig Schlaf.


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