Zeichenstunde mit Burlesque-Tänzerinnen: Dr. Sketchy's Anti-Art School in Basel

Savera Kang

Am dritten Mittwoch im Monat ist im Sud in Basel Zeichenstunde. Dann stellen sich bei Dr. Sketchy's Anti-Art School ungewöhliche Models und lassen sich von hochmotivierten Laien und Profis malen. fudder-Autorin Savera Kang war beim letzten Event vor der Sommerpause dabei - und versuchte, die Kurven eines Burlesque-Models adäquat aufs Papier zu bannen. Ob's geklappt hat:



Er taxiert ihren korsettbekleideten Körper, der Blick verweilt für einen Moment an den Fesseln um ihre Knöchel, dann senkt er den Kopf und sein Bleistift fliegt über das Papier. Bettie Bottom Dollar, so nennt sich die junge Frau mit Peitsche in der Hand, rührt sich nicht, ihr Blick geht durch ihn hindurch, durch den ganzen Raum, bleibt unbeirrt von den vielen Augenpaaren, die ihren Körper immer wieder mit den Strichen auf ihren Zeichenblöcken abgleichen. Wir sind bei Dr. Sketchy's Anti-Art School, einer Veranstaltung des Sud in Basel, bei der Burlesque-Performerinnen in wechselnden Outfits posen, während das Publikum zeichnet. Als Outfit gehen in diesem Fall auch Pasties durch - viel mehr trägt Bettie zum Ende des Abends nicht.

Als ich später frage, ob sie nicht gefroren hat, lacht sie: „Bei mir Zuhause ist es kalt, ich war froh, als ich endlich hier war!“ Und dass alle sie anstarren? Auch das kein Problem: „Ich mache sowas schon immer, ich fühle mich wohl in meinem Körper.“ Das ist Burlesque. Das ist sein, wie man ist. Leicht bekleidet, nie nackt, meist neckisch den erfrischend normalen Körper präsentieren. Und neuerdings eben auch stillhalten in den Un-Kunstschulen, die fast täglich irgendwo rund um den Globus stattfinden.

Dr. Sketchy's Anti-Art School wird als Franchise mittlerweile an über hundert Orten weltweit angeboten, am heutigen Abend nicht nur in Basel, sondern auch in Norwich in England und Saskatoon in Kanada. Bettie hatte damit gerechnet, auch performen zu können, doch hier liegt der Schwerpunkt eindeutig auf dem Zeichnen. Aquarellieren ist auch erlaubt. Eigentlich alles, man muss seine Kunst- und Banausenwerke niemandem vorzeigen, darf sie jedoch gerne beim Wettbewerb zum Schluss präsentieren. Die Aufgabe heute: Setze das Model in eine Szene deiner Wahl, erfinde einen Hintergrund.

„Two more minutes remaining in this pose," verkündet Chris, der englischsprachige Moderator, und ich versuche, mein malerisches Gemetzel auf Qualitätspapier durch Schattierungen zu retten. Immerhin erkennt man, dass es eine Frau auf einem Stuhl sein soll. Neidisch schiele ich zu Markus hinüber. Er ist Architekt, seine Bleistifte sind spitz, seine Zeichnungen wohlproportioniert und plastisch.



Während den beiden fünfzehnminütigen Pausen zieht Bettie sich um und die Raucher verschwinden in der Plastikkugel oberhalb des Eingangs. Ich frage einen der Jungs auf der Empore, ob er und seine Gruppe Kunstschüler sind. Nein, sie kommen von der Berufsmaturitätsschule. „Guck, ich kann gar nicht malen“ zeigt er mir seine letzte Skizze. Ich atme auf und nehme wieder Platz.

Die Performerin betritt erneut die Bühne, ihr Accessoire in diesem Set sind zwei riesige Fächer mit denen sie einen Engel mimt. Oder einen Vogel? Egal, es sieht gut aus, ist detailreich und zu schnell vorbei. Es gibt jeweils einige Posen von einer Minute zum Warmwerden und dann zwei-, fünf-, zehn- und zwanzigminütige Posen. Als nächstes legt sie sich hin und formt mit den Fächern eine Muschel. Ich werde ungeduldig und experimentiere mit Filzstiften. Meine Bettie ist jetzt eine blaue Donnergöttin in einem Wolkenmeer. Auch ein Ufo findet im Hintergrund Platz.



Die Idee zur „Zeichenstunde der etwas anderen Art“, wie die Veranstaltung beworben wird, hatte die Künstlerin Molly Crabapple 2005 in New York. Und da sie die Kunstschule, die sie damals besuchte, doof fand, nannte sie das ganze „Anti-Art School“. Unkompliziert ist die Umsetzung auch acht Jahre später in dieser ehemaligen Brauerei in Basel: Es gibt keine Kasse, aber während diejenigen, die ihre Werke für vorzeigbar halten, diese auf dem Bühnenrand ausbreiten, bittet Chris uns um einen Beitrag von 15 Schweizer Franken, um die Kosten zu decken. Er stellt einen Hut auf, entfernt sich und überlässt es den Gästen, ob und wieviel sie hineinwerfen. Als Pay After-Fan zahle ich.

Die Schülergruppe verlässt das Sud, die Hobbyzeichnerinnen und -zeichner bleiben zur Siegerehrung. Das Geschlechterverhältnis ist ausgeglichen, der Altersdurchschnitt bei den Männern jedoch etwas höher als bei den Frauen, ich schätze 40 zu Ende 20. Bettie geht von Bild zu Bild und darf den Sieger küren. Ein florales Ornament gewinnt den Wettbewerb um den schönsten Hintergrund, der Preis ist ein Set Gelschreiber. Gelächter und Applaus.

Bettie, die im Alltag Leanne heißt und ihren Lebensunterhalt mit einem Job bei einer Wohltätigkeitsorganisation bestreitet, zieht sich an und ich verabschiede mich von Markus, dem Architekten: „Bis September!“ - denn dann startet die zweite Saison. Ich kann es kaum erwarten, meinen teuren Block mit billigen Filzstiften zu beleben.  



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