Zehn Minuten im Sternwaldtunnel (25)

David Weigend

Er ist 302 Meter lang, hat knapp zwei Billionen Reichsmark gekostet und birgt viel Grafitti: der Sternwaldtunnel. Eigentlich durchquert man ihn ja immer mit der Höllentalbahn. Wir haben das lieber zu Fuß gemacht. (Mit Fotogalerie)



Afterhour am Sternwaldeck

Vor etwa einem Jahr ging ich nachts am Sternwald entlang. Ich war auf dem Heimweg von einer Fete am Waldsee. Am Geländer oberhalb des Sternwaldtunnels blieb ich stehen und sah hinab aufs Gleisbett. Ein stählernes Idyll, flankiert von Tannen ringsum, in Sichtweite der Wiehrebahnhof.

Dann hörte ich Schritte. Sie kamen nicht von der Straße oder vom Wald, sondern von unten. Es war unheimlich. Aus dem Tunnel kam ein Mann. Um vier Uhr morgens. Der Mann hatte eine Taschenlampe, die er aufs Gleis richtete. Seine Schuhsohlen knirschten im Dammschotter. Der Mann trug eine Mütze und ging gemächlich zum Wiehrebahnhof.

Seit diesem Augenblick ließ mich der Gedanke daran nicht mehr los, auch einmal in diesen Tunnel zu gehen. Ich träumte sogar davon. Im Sommer las ich eine Kurzgeschichte von Friedrich Dürrenmatt, in der es um Zugreisende geht, die in einen Tunnel fahren, der dann absurderweise nicht mehr aufhört. Der Zug rast immer schneller ins dunkle Nichts. Diese Vorstellung fand ich ganz reizvoll.



Instanzen

Leider bin ich weder Sprayer, noch besonders tollkühn. Deshalb bin ich nicht auf eigene Faust in den Tunnel gestiegen, sondern habe mich an jemanden von der Deutschen Bahn gewandt und ihn gefragt, wie das denn sei mit einer Tunnelbegehung.

Nun ist nicht alles ganz so einfach bei der Bahn. Es gibt einen freundlichen Pressesprecher in Stuttgart, den man zuerst kontaktieren muss; der wiederum fragt einen Kollegen in Freiburg, wie es denn aussehe. Eng, so die Antwort. Wegen des Lokführerstreiks. Letzlich hat es doch geklappt. Rechtzeitig zu Weihnachten.



Tunnel auf Papier

Bevor ich Tunnelluft atmen darf, werde ich zu einer Art theoretischen Einführung in ein Bahngebäude an der Wilhelmstraße gebeten. Im dritten Stock gibt es ein Besprechungszimmer. Auf dem Tisch liegt eine rote Mappe mit der Aufschrift „Sternwald Tunnel“. Ich lese ein wenig. Der Tunnel ist 302 Meter lang und in 27 Felder aufgeteilt. Er wurde zwischen 1931 und 1933 gebaut, als Münchner-Freiburger Coproduktion, wobei der Ausbruch der Tunnelröhre „in neuer österreichischer Bauweise erfolgte.“ Der Bau kostete 1 199 934 34, 34 Reichsmark.

1934 durchfuhr der erste Zug den Tunnel, von Freiburg nach Seebrugg. Man stößt im Bauprotokoll auch auf solch schöne Sätze wie den über die Gebirgsbeschaffenheit am Sternwaldeck: „Der Gneis ist flaserig, tief verwittert und zerdrückt. Das Gebirge musste durchweg mit Sprengstoff gelöscht werden.“



Tunnel zum Anfassen

Wenig später am Wiehrebahnhof. Mittagszeit. Es hat gerade ein wenig geschneit, fein wie Puderzucker. Der 12.13 Uhr-Zug fährt im Bahnhof ein und an der vereisten Oberleitung spritzen grüne und blaue Funken. Dietmar Biller, Bezirksleiter Fahrbahn, drückt mir eine orangene Signalweste in die Hand. Dann lässt er für eine Viertelstunde die Strecke sperren, für alle Fälle. Wir gehen los, mit roten Nasen und leicht fröstelnd. Von Schwelle zu Schwelle. Sie stammen aus den 1930er Jahren. Seltsames Gefühl. 200 Meter weiter stehen wir vorm Eingangsportal.

Ich muss kurz daran denken, wie ich vor einem Jahr oben am Geländer hockte. Biller schaltet die Taschenlampe an. Ich wundere mich, wie lange es im Tunnel taghell bleibt. Biller war im Mai zum letzten Mal hier und hat die Gleisanlage überprüft, auch die Technik der Oberleitung. Manchmal verirrt sich ein Dachs oder ein Reh hierher. Wenn ein Zug die Tiere überfährt, muss Biller den Förster rufen.

An den Wänden des Tunnels befinden sich rechts wie links sieben Schutznischen im Abstand von 40 Metern. In einer sehen wir Farbeimer, die Graffitikünstler zurückgelassen haben. Die gesamte Wandfläche ist mit Graffiti bemalt. Biller findet das nicht so toll.



Der Schuh

Der Tunnel krümmt sich etwa auf halber Distanz linkswärts. Nach einer kurzen, dunklen Strecke scheint wieder Tageslicht hinein. Ich stolpere über einen verdreckten Schuh, der im Gleis liegt. Hoffentlich sei da kein Fuß dran, scherzt der Pressesprecher, der ebenfalls mitgekommen ist. Zehn Minuten reichen, um das Gebäude zu durchwandern. Man kommt unterhalb des Holbeinpferds wieder heraus. Die Böschungen sind völlig vermüllt.



Das Messgerät

Unklar bleibt die Sache mit dem Messgerät. Bevor wir vom Dunkeln verschluckt wurden, erzählte Biller, dass es da einen Professor gebe aus Stuttgart, der zweimal im Jahr in den Tunnel kommt. In einer der Schutznischen sei nämlich ein Messgerät installiert, das die Bruchstelle des Rheingrabenrisses kontrolliere.

Der Riss der Rheingrabenplatte geht angeblich direkt durch Feld 19 des Tunnels und er verläuft auch unterhalb der Villa Mitscherlich, wo ausgewählte Kunststudenten in ihren Ateliers werkeln. Jedenfalls haben wir dieses Messgerät wohl übersehen. Oder es befindet sich einige hundert Gleismeter weiter, im Lorettobergtunnel.

Atemberaubend war sie zwar nicht, die Tunnelbegehung. Aber die Erfüllung eines kleinen, unspektakulären Traums. Der Pressesprecher, Herr Breßmer, sagt zum Abschied: „Wissen Sie, ich bin auch für den Katzenbergtunnel zuständig. Der wird gerade gebaut. Gut neun Kilometer lang. Ne andere Hausnummer. Vielleicht sieht man sich da mal."

Foto-Galerie

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