Spiritualität

Yoga-Kolumne (9): 5 Tipps, neue Gewohnheiten in deinen Alltag zu integrieren

Janina Roeseler

Langsam kehrt das Leben zurück und damit vielleicht auch wieder alte Gewohnheiten. Dabei kann man die Erkenntnisse der vergangenen Wochen einfach in seinen Alltag integrieren. Yoga-Lehrerin Janina Roeseler gibt Tipps.

Ich hoffe, du bist gut in die neue Woche gestartet und spürst, dass Veränderung in der Luft liegt. Am Montag durften kleine und mittelgroße Geschäfte erstmals wieder ihre Türen öffnen. Und mit dieser Lockerung kehrt das Leben in die Stadt ein Stück weit zurück.

Yoga-Kolumne (1): Hi, ich hoffe Du bist okay?

Auf meinem Weg zur Arbeit habe ich im Tanzbrunnen das erste Pärchen tanzen sehen. Vorher gab es ein Eis bei Mariotti. Diese kleinen Dinge des Alltages wieder aufblühen zu sehen, tut sowohl dem Herz als auch dem Kopf unglaublich gut! Sie vermitteln ein Gefühl von Hoffnung und Normalität und signalisieren, dass wir uns nach längerer Zeit des gefühlten Stillstandes wieder nach vorne bewegen.

Auch wenn der Alltag jetzt wieder zurückkehrt, hoffe ich, dass du weiterhin bedacht mit dir und deinen Mitmenschen umgehen wirst. Das Vergessen liegt leider in der Natur des Menschen.
Janina Roeseler

Janina ist ursprünglich ein Nordlicht, hat sich nach ihrer dreijährigen Weltreise aber in Freiburg niedergelassen und will hier auch nicht mehr so schnell weg. Sie ist mit Herz und Seele Yogalehrerin bei Yoga Jetzt und im Ommm Yoga. Janina hat mal was mit Marketing und Business studiert und ist bei Zündstoff für den Onlineshop und die PR zuständig.

Für fudder schreibt Janina ab jetzt regelmäßig eine Yoga-Kolumne, in der sie uns hilft, mit uns selbst in der Quarantäne klarzukommen, unseren Körper und Geist gesund zu halten und somit einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten.
Web: janinaroeseler.com

Corona hat viele Türen zugemacht. Zeitgleich haben sich neue Türen geöffnet. Für mich im wahrsten Sinne des Wortes, denn ich bin in der letzten Woche tatsächlich umgezogen und öffne jetzt wirklich jeden Tag eine neue Tür. Die Frage ist, was wir aus den letzten Wochen mitnehmen werden – jetzt, wo alles langsam wieder wie vorher scheint.

Wie du auch in Zukunft bei dir bleiben und die Erkenntnisse der letzten Wochen anwenden kannst:

1. Erschaffe beziehungsweise bewahre dir selber einen Kraftort

In Zeiten wie diesen, in denen um uns herum nichts mehr sicher scheint, ist es ganz essentiell, sich einen Ort zu erschaffen, der unberührt vom Chaos da draußen sein darf. Sicherlich hast du schon einmal einen Ort besucht, der so kraftvoll und magisch war, dass du in dem Moment ganz tief berührt warst und innerlich still geworden bist? Prana Veda, ein Resort für Yoga und Meditation an der Nordküste Balis, war zum Beispiel so ein Ort für mich. Das Gute ist, dass du dir so einen Ort selber jederzeit erschaffen kannst, ohne dass du dazu eine große Reise in ferne Länder unternehmen musst. Einen Ort des Rückzuges, eine Art Refugium. Ein Ort, an dem du deine Akkus wieder aufladen kannst und der dich darin unterstützt, dir selbst täglich auf ein Neues zu begegnen und näher zu kommen. Es ist ganz egal, wie viel Platz du dafür zur Verfügung hast. Suche dir einen Ort in deiner Wohnung aus, an dem du dich besonders wohl fühlst und der für dich der Inbegriff deines Zuhauses ist. Schau, dass dieser Ort sauber und aufgeräumt bleibt. Weniger ist mehr. Es braucht keinen pompösen Altar im klassischen Sinne. Ein paar frische Blumen, eine Kerze, vielleicht ein schönes Bild oder ein Zitat, das dir am Herzen liegt. Nutze diesen Ort täglich, um bei dir einzuchecken. Ein paar Minuten reichen schon aus. Beobachte deinen Atem und erlaube deinen Gedanken und Gefühlen, mit dir zu sitzen. Mit der Zeit wirst du merken, dass dieser Ort eine gewisse Energie abspeichert, die du dann ganz einfach anzapfen kannst. Im Zuge meines Umzugs bin ich auch gerade dabei, mir einen solchen neuen Ort einzurichten und habe mir gerade einen schönen Kinder-Wandteppich mit Regenbogenmotiv bestellt unter dem ich jeden Morgen ein paar Minuten lang still sitze, bevor ich meinen Tag beginne.

2. Entautomatisiere dich

Vielleicht kennst du das selber sehr gut – dieses Gefühl, wie ferngesteuert durch den Tag zu funktionieren? Von A nach B zu hetzen, einen Kaffee nach dem anderen inhalierend. Der Fernseher läuft zur Berieselung beim Essen und das bewusste Kauen wird auch überbewertet. Mit einem Glas Wein geht alles auch ungekaut irgendwie runter. Abends liegst du dann im Bett und fragst dich, was du heute eigentlich gemacht hast. Ich kenne solche Tage aus der Vergangenheit nur allzu gut! Mit etwas Achtsamkeit kannst du kleinere Alltagshandlungen zu einem meditativen Ereignis werden lassen. Dafür musst dich dich weder in den Himalaja in eine Höhle zurückziehen noch auf einem schicken Medita-tionskissen verweilen. Benutze ab heute zum Zähneputzen deine ungewohnte Hand. Du wirst auf einmal merken, wie bewusst du deine Zähne putzt, weil du es eben nicht mehr im Autopilo-ten*innenmodus machen kannst. Auch beim Kochen kannst du ab heute deine andere Hand benutzen. Wenn du zur Arbeit fährst, wähle statt deiner Standardroute eine andere Strecke und verlasse deine gewohnten Bahnen. Beobachte, wie die Entautomatisierung deines Alltags unmittelbar mehr Präsenz und Lebendigkeit mit sich bringt.

3. Setze dir selber neue Maßstäbe

Wir sind es gewohnt, stets nach links und rechts zu schauen. Das Gras ist irgendwie immer grüner bei dem Nachbarn oder der Nachbarin. Ich versuche zum Beispiel, vor dem Schreiben meiner Kolumne möglichst keine anderen Blogs zu lesen. Warum? Weil ich mich sonst in meiner Arbeit eingeschränkt fühlen würde. Wenn wir ehrlich sind, wurde alles schon mindestens einmal gesagt, geschrieben oder gemacht, und ich erfinde das Rad hier definitiv nicht neu. Wenn ich hingegen von Herzen schreibe, weil ich gerne schreibe, ist es am Ende egal, ob jemand anderes bereits etwas Ähnliches in die Welt hinausgetragen hat. Du liest meine Zeilen aus einem bestimmten Grund. Und vielleicht sprechen sie dich an. Vielleicht berühren sie dich sogar und regen dich an, wieder mehr auf den Grund deines Lebens vordringen zu wollen. Orientiere dich ab heute statt an anderen wieder mehr an etwas, das dir Freude bereitet und ein Lächeln in dein Gesicht zaubert. Prüfe stets, was dir gut tut! 174 Mal die Likes auf Social-Media zu checken, hilft vielleicht. Vielleicht lähmt dich das aber auch eher in deiner Kreativität und im authentisch Du-Selbst-Sein. Frage dich: Was wirkt sich positiv auf meine Stimmung aus? Was spornt mich innerlich an? Wofür stehe ich im Leben ein? Es gibt so viele schöne Dinge, an denen du dich orientieren kannst, die nichts mit reiner Leistung, Umsatzsteigerung oder Äußerlichkeiten zu tun haben. Finde sie für dich. Und mit ihnen deinen inneren Frieden.

4. Entdecke die Menschen um dich herum in einem neuen Licht

Wer kennt sie nicht: Die Schubladen, in die wir Menschen gerne schnell stecken. Wir haben oft eine vage Vorstellung, wie die Person wohl sein mag. Manchmal basieren diese Vorstellung auf Informationen Dritter. Bevor wir uns dessen wirklich bewusst sind, ist die Schublade zu. In diesen Schubladen sind schon manche Menschen versauert, ohne dass sie die Möglichkeit hatten, uns vom Gegenteil zu überzeugen. Wenn jedoch eins sicher ist, dann, dass alles ständig in Bewegung ist und sich verändert. Wenn wir seit dieser Woche wieder einen Teil unseres Alltages aufnehmen dürfen, kann es doch auch sein, dass XY sich verändert hat? Ich möchte dich hiermit ermutigen, die Menschen in deinem Leben immer wieder auf ein Neues zu sehen. Ungefiltert und unvoreingenommen. Schau, ob es dir möglich ist, ihnen mit Lebendigkeit und einem geöffneten Herzen zu begegnen. Vielleicht willst du das jetzt nicht hören, aber auch du bist heute schon nicht mehr die Person, die du gestern warst. Gib den Menschen um dich herum häufiger eine zweite, dritte und vielleicht auch vierte Chance sich zu entfalten, sich neu zu definieren und dich zu überraschen.

5. Grenzen sind gesund. Und wichtig!

Auch wenn wir jetzt wieder mehr unter Menschen zurück dürfen, musst du dich nicht verpflichtet fühlen, jede Gelegenheit direkt beim Schopf zu packen. Es ist völlig okay, wenn du weiterhin die Innenstadt meidest und dich mittlerweile sogar in deiner eigenen Gesellschaft ganz wohl fühlst. Früher habe ich zu allem Ja und Amen gesagt und vieles mit mir machen lassen. Ich war wirklich nicht gut darin, meine Grenzen klar zu kommunizieren. Zu groß war meine Angst, nicht gemocht zu werden. Ich wollte für niemanden eine Last sein und gleichzeitig keine Angriffsfläche bieten. Ich hatte keinen blassen Schimmer, wie ich mich selber abgrenzen sollte und es hat dreißig Jahre gedauert bis ich an einem Punkt angelangt bin, wo ich es mir selber eingestehen kann, wenn jemand meine Grenzen überschritten hat und ich diese klarer aufzeigen muss. Nicht, weil ich diese Person nicht mag oder sie nicht respektiere, sondern weil ich mich selber mehr respektiere und mehr mag. "Do no harm but take no shit" oder wie es zu Deutsch etwas sperriger heißt: Schade niemandem, aber erlaube auch niemandem, dir zu schaden. Deine Grenzen aufzuzeigen bedeutet nicht, dass du andere gegen eine Mauer laufen lässt. Vielmehr ist es ein Akt der Selbstliebe. Du schützt und vertraust auf deinen Selbstwert. Jeder Mensch hat eine individuelle Schmerzgrenze. Wir wachsen alle unterschiedlich auf und sind anders konditioniert. Eine klare Kommunikation ist daher das A und O. Wenn du wirklich wahrhaft leben möchtest, musst du dir der Spielregeln klar werden, die dein Leben bestimmen sollen. Frage dich regelmäßig: Was ist für mich wichtig, um meine Grenzen wahren zu können und wie kann ich diese nach Außen kommunizieren?

Ich hoffe, dass du weiterhin optimistisch bleibst und du dich auch in Zukunft an die ein oder andere Kolumne zurück erinnern wirst. Ich bleibe hier, wenn du mich brauchst.

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