Notlage

Wohnungslose Menschen in Freiburg haben wegen Corona kaum Rückzugsräume

Anja Bochtler

Alle sollen zu Hause bleiben in Corona-Zeiten. Und was machen diejenigen ohne Zuhause? Die Anlaufstellen versuchen, sie so gut wie möglich zu versorgen – aber die Lage ist angespannt.

Wohnungslose Menschen sind gesundheitlich geschwächter als die meisten anderen, haben keine Rückzugsorte und müssen mit dem Wegbrechen von Angeboten klarkommen. Die Anlaufstellen bemühen sich um eine Notversorgung. Aber vor allem die psychische Unterstützung kommt zu kurz.


Anlaufstellen sind weiterhin geöffnet – jedoch unter anderen Bedingungen

"Es ist eine harte Zeit", sagt Simone Hahn, die Leiterin von zwei Anlaufstellen des Diakonischen Werks, dem Ferdinand-Weiß-Haus an der Ferdinand-Weiß-Straße und dem "Freiraum" für Frauen an der Schwarzwaldstraße. Vor allem für alle mit Ängsten, Depressionen und anderen psychischen Problemen. In den beiden Anlaufstellen geht es derzeit genauso zu wie in der "Pflasterstub’" des Caritasverbands hinter dem Münster, bei der Bahnhofsmission der Evangelischen Stadtmission und im Essenstreff an der Schwarzwaldstraße: Alle Stellen sind zwar weiterhin geöffnet, doch teils, wie bei der Bahnhofsmission, mit stark gekürzten Öffnungszeiten (vier Stunden statt sonst zwölfeinhalb Stunden) und unter anderen Bedingungen.

Statt um Gespräche und Alltagsbegleitung geht es um die Versorgung mit dem Allernötigsten: In der Pflasterstub` gibt es statt einem gemeinsamen Frühstück Vesperpakete zum Mitnehmen, außerdem können die Gäste ihre Post abholen oder ihre Wäsche waschen. Ähnlich ist es im Ferdinand-Weiß-Haus und bei "Freiraum", wo unter anderem Duschen und die Nutzung von Computer und Telefon möglich sind.

Händewaschen, Desinfizieren und Sicherheitsabstand sind Pflicht

Doch niemand darf sich mehr gemütlich hinsetzen, alle Gruppen sind gestrichen, keine Ehrenamtlichen im Einsatz. Und die Hauptamtlichen schützen sich und ihre Gäste, so gut es geht: Händewaschen, Desinfizieren und Sicherheitsabstand sind Pflicht. Wenn überhaupt, dann wird nur noch telefonisch länger beraten. Dafür gebe es bei allen viel Verständnis, sagen Simone Hahn und Nora Kelm, die Pressesprecherin des Caritasverbands. Die meisten Gäste seien über die Corona-Lage informiert, manche sehr besorgt, andere hätten schon so viel hinter sich, dass sie die neue Gefahr nicht mehr übermäßig erschüttere.

Ähnlich sind die Erfahrungen von Sarah Gugel, der Leiterin der Bahnhofsmission, und Anna Faller, der Leiterin des Essenstreffs. Vor dem Essenstreff habe es am Wochenende Probleme mit der Polizei gegeben, weil sich dort zu viele aufgehalten hätten, sagt Anna Faller. Doch mit Appellen klappe es inzwischen gut. Die sonst üblichen, vom Essenstreff-Gründer Horst Zahner gelieferten Menüs wurden durch belegte Brote, Obst und Gemüse ersetzt, alles wird übers Fenster verteilt.

Die Tafeln sind geschlossen

Auch die Bahnhofsmission gibt Brote, Tee und Kaffee aus. Die Versorgung mit Essen ist umso wichtiger, weil der Tafelladen geschlossen ist: Die Lebensmittelspenden der von Hamsterkäufern gestürmten Geschäfte waren zurückgegangen, außerdem seien fast alle ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer ältere Menschen, die zur Corona-Risikogruppe gehören, sagt Annette Theobald vom Verein "Freiburger Tafel".

Wohin gehen die Menschen, wenn sie nirgends mehr bleiben können? Wer in der städtischen Notunterkunft Oase an der Haslacher Straße übernachtet, könne dort derzeit auch tagsüber in den Zimmern bleiben, sagt Boris Gourdial, der Leiter des Amts für Soziales und Senioren. Die Lage sei angespannt: Mehrere Mitarbeiter seien krank, gleichzeitig habe die Zahl der Übernachtungsgäste zugenommen. Eigentlich gebe es 45 Plätze, vergangene Woche kamen 60 pro Nacht. Trotzdem sei das Ziel, die Menschen von den üblichen Viererzimmern in kleinere Zimmer zu verlegen. Das könnte klappen, weil am 16. März rund 100 Plätze im zuvor von Familien und Geflüchteten genutzten Wohnheim an der Wiesentalstraße dazu kamen.

Doch die Umzüge müssten begleitet werden, das Personal sei knapp. Die Gäste seien wegen der Corona-Ängste psychisch noch belasteter als sonst, es gebe mehr emotionale Ausbrüche. Dazu kommt der Aufwand durch verstärkte Sicherheitsmaßnahmen wie Fiebermessen beim Ankommen und teils auch der Einsatz von Atemmasken und Schutzanzügen bei den Mitarbeitern.

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