Wo endet Baden? (45)

David Weigend

Wo geht das Badische ins Schwäbische über? Und: inwiefern sind die alten Landesgrenzen von Baden und Württemberg im Dialekt der Menschen heute noch hörbar? Wir wollten diesen Übergang in den eigenen Waden spüren und selber hören. Ein Reisebericht.



1. Hornberg

Die Stadt im Gutachtal erscheint uns als günstiger Ausgangspunkt für die Radtour ins Ungewisse. Immerhin sitzt hier der Hauptsponsor des SC Freiburg und was kann schon badischer sein als der Schriftzug auf der Brust eines Mohamadou Idrissou?



2. Reichenbach

Ein Rentner in Gummistiefeln weist uns den Weg: nach Osten, da geht’s nach Schwaben. Die Straße im Reichenbachtal hat 19 Prozent Steigung. Was tut man nicht alles, um seine Nachbarn kennenzulernen. Die Äste der Apfelbäume hängen tief und schwer von der Reife der Frucht. Kaum Verkehr an diesem nebligen Donnerstagvormittag.



An der Kreisstraße K 5362 liegt auch der Garten von Gertrud Epting. Sie ist von hier, hat „scho die 70 rum,“, trägt einen lila Hauswirtschaftskittel und werkelt im Grünen, als wir sie nach der Grenze zum Schwabenland fragen. „Die isch obe uff de Höh. Da steht rechts so en riesegrooße Baum. S'isch kei Schönheit, eher so e Beese. Da isch die Grenze.“

Und wer wohnt da, hinter der Grenze? „Für uns sin des die Dachdraufschwobe.“ Frau Epting lacht, freundlich, nicht höhnisch. Sie hat ja selbst Verwandschaft „drübbe“. Reden die da anders als hier? Schon, sagt sie: „Die im Schwobe drugge des alles eso breit...“ – sie bewegt die Arme, als wollte sie ein Akkordeon auseinanderziehen.



Wir fahren weiter den Berg hinauf. Bald erscheint linker Hand ein Krämerladen. „Getränke Rittler“ steht dran. Inhaber Jakob Rittler macht Werbung in eigener Sache. Schon um elf Uhr vormittags sitzt er auf dem Holzbock am Eingang und lässt sich sein erstes Ketterer Export schmecken („Ketterer sind netterer“, so der Brauereislogan). Rosa Rittler ist auch da, sie trägt einen türkisen Hauswirtschaftskittel und den Wäschekorb.

„Die Schwobe spreche manches anderschter wie mir“, sagt sie. Sie gibt einige Sprechproben: „Erdäpfel (Kartoffeln), Wiib (Frau), Huus (Haus), i hab, i loss (ich lasse), Matte, Bupp (Puppe).“ Eindeutig alemannisch. Ebenso das, was Jakob Rittler nuschelt: „D'Fohrebihl isch d Grenz“, oder so ähnlich. Jedenfalls zündet er sich eine Zigarette an und winkt zum Abschied.



3. Grenzland

Vorbei am Sägewerk, an Pfifferlingen, an einsamen Bauernhöfen und Busstationen, an denen vier Mal am Tag ein Bus hält (am Wochenende gar nicht), kurbeln wir uns auf die Passhöhe. Der Nebel wird dünner. Wir scheinen im Grenzland angekommen zu sein.



Sogar die Kühe sind hier zweitgeteilt und haben vorne eine andere Fellbeschaffenheit als hinten. Welche nun zu welchem Land gehört, mag jeder selbst beurteilen.



Nun sehen wir auch den Baum, den Frau Epting beschrieben hat, den „Besen“. Wenig später geht es rechts ab zum Windkapf, ein unscheinbarer Berg, 928 Meter hoch. Hier steht das Wirtshaus Zum Deutschen Jäger. Geschlossen. Der Charakter des Verlassenseins wird noch stärker, wenn man den angrenzenden Kinderspielplatz betritt.



Das verrostete Elektrokarussell hätte auch gut in Andrei Tarkowskis „Stalker“ gepasst. Hier spricht man weder alemannisch noch schwäbisch. Enjoy the silence.

4. Mittelweg

Die Worte des Getränkehändlers Jakob Rittler ergeben einen Sinn, als wir die Wandertafel vom Mittelweg sehen: „Fohrenbühl 9,5 km“, steht da. Nun geht es also nach Norden, durch Feld und Wald, die alten Grenze entlang, wie uns ein Mitarbeiter des Rottweiler Vermessungsamts bestätigt, der hier gerade GPS-Daten kontrolliert.



Man fährt, riecht Tannenduft, sieht das Kruzifix am Wegesrand, streift den mannshohen Mais. Der Forst ist moosig, schlammig und düster.

Wenn man ihn gequert hat, eröffnet sich der Fohrenbühl. Hier wird die Trennung zwischen Baden und Württemberg greifbar.



Mitten auf der Wiese stehen die verwitterten Grenzpfeiler aus Sandstein von 1842. Auf der einen Seite das badische Wappen, auf der anderen die drei Hirschstangen des Hauses Württemberg.

5. Im Schwanen

Das Wirtshaus Schwanen ist die letzte badische Bastion vor der Grenze. Mittagstisch in der Gaststube: Man hört „I will survive“ (SWR1), isst Schweinerückensteak „Försterin“ und liest dazu den Schwarzwälder Boten vom Vortag. Hübsch die Überschrift: „Tennenbronn: Nach dem Training zur Schlachtplatte.“



Beim Zahlen kommt man ins Gespräch mit Hans-Jörg Lauble, dem Schwanenwirt. Der Fohrenbühl trenne die Menschen schon, sagt er, wenn auch nicht mehr so stark wie früher. Lauble wuchs auf der badischen Seite auf, im Reichenbachtal. „Meine Schwester ging in Lauterbach zur Schule, auf der württembergischen Seite. Das war mit dem Postbus besser zu erreichen. Aber meine Eltern mussten für sie extra Schulgeld zahlen, weil sie die Gemarkung des Kreises überschritt.“

6. Zu den Dachdraufschwoben

Das machen wir jetzt auch, mit der Försterin im Bauch. Salle, Landkreis Rottweil, Passhöhe: 786 Meter über dem Meer. Das Erste, was kommt, ist wieder ein Gasthaus. Der Adler, die Wü-Konkurrenz des Ba-Schwanen. Dann geht es steil bergab. Man kann es rollen lassen. Und als Rockliebhaber hat man sich dafür natürlich „Behind Enemy Lines“ von Boltthrower in den Walkman geschoben.



Bald wird klar, warum Frau Epting ihre östlichen Nachbarn „Dachdraufschwobe“ nennt: Lauterbach ist von felsigen Steilhängen eingekesselt, so dass einem schnell die Assoziation vom Dach kommt. „Da unten, das sind eigentlich noch keine richtigen Schwaben“, hat Lauble gesagt. „Das geht erst los, wenn man von Schramberg wieder hochfährt, noh Sulgä und auf den Hardt.“



Weil Schramberg auf den ersten Blick nicht sehr gemütlich wirkt, sondern eher wie die Heimstatt des Schattens, folgen wir Laubles Rat. Der Anstieg auf den Hardt erstreckt sich über fünf Kilometer und ist saftig. Man braucht schon mehr als drei Gänge, um die höchstgelegene Gemeinde vom Kreis Rottweil zu erreichen.

7. „Wir sind Schwarzwälder“

Das kulturelle Zentrum der Region scheint die Arthur-Bantle-Halle zu sein: hier findet am 18. Oktober nicht nur die FC Hardt-Rocknacht statt; gestern stieg hier auch das Herbstfest mit Metzelsuppe.

Wir hoffen, dass wir jetzt am Ziel angekommen sind, dass wir irgendjemanden auf der Straße fragen können: „Kennen Sie einen guten Badnerwitz?“ und dann einen vermeintlichen Kracher nach dem nächsten erzählt bekommen. Aber wir werden enttäuscht.



Den Schwabenstiefel will sich in Hardt keiner anziehen, auch nicht der nette Herr Flaig, der uns aufklärt: „Wir hier auf dem Hardt fühlen uns als Schwarzwälder.“ Der bärtige Mann deutet mit seiner Astschere in der Hand, wir kennen das inzwischen, nach Osten und sagt: „Da draußen, bei Mariazell, da fängt des Schwobeländle an. Seedorf, Dunningen, Beffendorf, da wird dann auch die Mundart ganz anders.“

Mag sein, aber unüberhörbar ist auch, dass Flaig schon ganz anders spricht als die Menschen im Reichenbachtal. Er sagt etwa „Pfulgen“, wenn er Kopfkissen meint oder spricht von einem „Struußstock“, wenn er auf einen Blumenstock deutet. Häuser werden auf seiner Zunge zu „Häisern“. Flaig ist hier oben aufgewachsen und er sagt, als Junge vom Hardt orientiere man sich zwar nach Schramberg, aber jenseits des Fohrenbühls habe er keine Kontakte mehr.



8. Polt

Die K 5724 von Hardt nach St. Georgen war früher mal eine Römerstraße aus Kalk. Die Nachmittagssonne wärmt die Haut, man fährt gen Süden und bedauert, nicht noch ein, zwei Stunden Zeit mehr zu haben, um den Ort zu erreichen, an dem die Menschen sagen: „Ich steh dazu: ich bin Schwabe.“

Aber dann fällt mir ein, was Gerhard Polt mal in einem fudder-Interview erzählt hat, als wir uns über Grenzen unterhielten: "Für mich ist erst einmal das Wort Grenze interessant. Das kommt vom slawischen Graniza. Der lateinische Begriff frons, von dem sich das deutsche Wort Front ableitet, hat diesen absoluten Charakter: rechts von der Front schwarz, links weiß. Grenze bedeutet genau das Gegenteil: Der Übergang einer Farbe in die andere."

Foto-Galerie: David Weigend

Tipp: Wartet einen Augenblick, bis die Galerie komplett geladen ist. Ihr könnt euch dann ganz bequem jeweils das nächste Foto anzeigen lassen, indem ihr auf eurer Tastatur die Taste "N" (für "next") drückt.