Wir sind Popstars!

Markus Hofmann

Seit gestern ist Bahar Kizil (18) ein kleiner Popstar – die 18-jährige Freiburgerin ist in die neue Girlgroup "Monrose" gewählt worden. Markus hat das Finale live im TV-Studio in Köln verfolgt. Er berichtet euch von großen Gefühlen – und einer Schülerband aus Freiburg, die sich eine neue Sängerin suchen muss.



Kann es etwas Traurigeres geben als einen Cowboy, der sein Pferd verloren hat? Vielleicht eine Jungsband, der die Sängerin abhanden gekommen ist. Eben dieses bittere Schicksal droht der Freiburger Band Sand am Meer (Foto unten) an diesem Donnerstagabend in Köln. Sand am Meer – das ist Bahars Band. Genauer gesagt: Sie war es. In wenigen Stunden wird Bahar in die neue Popstars-Girlgroup Monrose aufgenommen werden. Die vier Jungs aus Freiburg zweifeln nicht daran, dass es so kommen wird. Trotzdem sind sie zum Finale nach Köln gefahren – Bahar hat sie eingeladen.



Popstars 2006. Es ist eines dieser nicht gelösten TV-Rätsel, warum das bereits tot gesagte Casting-Format in diesem Herbst eine Renaissance erlebt hat. 5000 Kandidatinnen, durchschnittlich 3,5 Millionen Zuschauer pro Sendung – der TV-Kanal Pro7 feiert seine Sendung als „erfolgreichste Popstars-Staffel aller Zeiten“. Im schnelllebigen Fernsehgeschäft ist dies erstaunlich, denn es ist immerhin schon sechs Jahre her, seitdem die No Angels als erste Retortenband aus dem Popstars-Labor in die Charts marschiert sind. Dass bei der Zielgruppe das Popstars-Fieber grassiert, zeigt sich daran, dass ganze Schulklassen in diesen Tagen nur über eine Frage diskutieren: Wer kommt in die Band? Selbst die türkische Tageszeitung Hürriyet zeigte die Freiburger Kandidatin Bahar am Finaltag auf der Titelseite (unten): „Haydi, bütün oylar Bahar’a“ – „Stimmt heute alle für Bahar“.



Zwei Stunden vor der Finalshow sitzen die Jungs von Sand am Meer bei Nieselregen in einem grünen Peugeot vor dem TV-Studio im Kölner Stadtteil Mülheim und essen Schokoladenkekse – das hebt die Laune. Mit ihren langen Gesichtern passen die vier Freiburger recht gut in dieses triste Kölner Veedel, dessen Trostlosigkeit den TV-Entertainer Harald Schmidt immer wieder zu Hohn und Spott inspiriert: „Hier in Mülheim ist das WM-Fieber kurz vor dem Siedepunkt. Heute habe ich schon die ersten Ratten mit Schweinsteiger-Frisur gesehen.“ Ungefähr zur WM-Zeit konkretisierten sich auch Bahars Popstar-Pläne – dann ging alles ziemlich schnell. „Dass sie im Finale steht, wissen wir schon seit zwei Monaten“, sagt Gitarrist Niko Hetzel (18).

Vor eineinhalb Jahren haben Niko, Pablo Kurz (17, Schlagzeug, Julius Reinartz (18, Keyboard) und Mateo Bialokozowicz (17, Bass) Sand am Meer gemeinsam mit Bahar gegründet. Sie proben in der Wiehre, ihr einziges Konzert gab die Deutschrockband Ende April im Kulturzentrum „Z“. Zum Finale haben die Jungs ein Transparent mitgebracht. Darauf zu sehen ist der Name der Band – und eine liebevoll gezeichnetes Portraitbild von Bahar. „Wenn sie heute rausfliegt, freuen wir uns natürlich heimlich auch ein bisschen“, sagt Pablo, der Schlagzeuger. „Und wenn sie reinkommt, besaufen wir uns.“

Eine Stunde vor Showbeginn ähnelt das TV-Studio in Mülheim ein bisschen einer Abschlussfeier von Abiturienten in einem Gymnasium, bei dem gleich die Jahrgangsbesten vorgestellt werden. Die Eltern der sechs Kandidatinnen stolzieren mit wichtiger Miene durch das Foyer, Zahnspangen-Teenies huschen umher, Kölner Fashion Victims schmuggeln ihre Gesichter vor die TV-Kameras, um sich später im Fernsehen betrachten zu können. Überall spannungsvolle Vorfreude - es knistert!

Man mag das Popstars-Casting als absatzfixiertes Kunstprodukt kritisieren. Man mag Pro7 unterstellen, das Casting sei ein abgekartetes Spiel. Dieser Abend in Köln aber ist gelungene TV-Unterhaltung. Millionen TV-Zuschauer sehen fesselnde Dramen, große Gefühlen und echte Tränen. Sie sehen, wie Senna, Bahar und Mandy in die Band gewählt werden. Sie sehen Bahars Einzelperformance, bei der sie Michael Bublès „Feeling Good“ mitreißend interpretiert.

Nicht zu sehen ist dagegen, wie Bahar vor ihrem ersten Auftritt auf dem Weg zur Bühne stoppt, um ihren Eltern die Hand zu drücken. Nicht zu sehen ist, wie die beiden Juroren Dieter Falk und Nina Hagen bei Bahars Performance begeistert abgehen, während Detlef D! Soost, das dritte Jurymitglied, nicht mal auf die Bühne schaut. Nicht zu sehen ist der eifrige Pro7-Charge, der das Publikum als Applausautomat immer dann zu Beifall animiert, wenn es die Dramaturgie vorsieht. Nicht zu hören ist das genervte Stöhnen der Zuschauer im Studio, wenn Moderator Olli P. die Show mal wieder für ein Gewinnspiel unterbricht.

Und nicht zu sehen sind auch die Gesichter von Sand am Meer, als Bahar um kurz vor halb elf in die Band gewählt wird. Die vier Jungs erheben sich sofort von ihren Sitzen und strecken ihr Transparent in die Höhe. Sie klatschen nicht in diesem Moment, aber es sieht so aus, als ob sie ziemlich stolz auf ihre Sängerin sind. „Wir waren unglaublich angespannt“, erzählt Pablo später. „Als Bahar in die Band gewählt wurde, haben wir uns sehr gefreut.“

Viele Casting-Bands haben die Halbwertszeit eines angebrochenen Himbeerjoghurts. Trotzdem wissen die Jungs von Sand am Meer: Bahar wird nun erstmal in eine andere Welt verschwinden. Anfang Dezember steht sie bei „The Dome“ in Düsseldorf mit Tokio Hotel, Rosenstolz und Yvonne Catterfeld auf der Bühne. Dass sich mit diesem Finale was verändert, haben Pablo, Mateo, Julius und Niko schon bei der After-Show-Party im E-Werk festgestellt. „Krass, die ist jetzt voll drin“, sagt Schlagzeuger Pablo am nächsten Tag. „Wir konnten kaum mit ihr reden. Bahar wurde dauernd von irgendwelchen Journalisten und Managern umringt.“ In den kommenden Tagen werden die verbliebenen Mitglieder besprechen, wie es weitergeht mit der Band. Vermutlich werden sie eine neue Sängerin suchen. Mädels, macht euch bereit für ein Casting!

Fotos: Markus Hofmann / Pro7