Wir sind Helden: Heimspiel der Gutmenschen

Benedict Glockner & David Weigend

Die Helden bieten an diesem Samstagabend im gut gefüllten Zirkuszelt selbst Zweiflern so gut wie keine Angriffsfläche: Ohne Verrenkung, musikalisch solide und natürlich unbekümmert spielen sie einen beachtlichen Gig.



Der deutschen Popgruppe Wir sind Helden glückt es einmal mehr, ein großes Wir-Gefühl zu erzeugen, fast ohne Anbiederung. Natürlich ist es ein Heimspiel für Sängerin Judith Holofernes, die 1996 ihr Abitur an der Staudingerschule gemacht hat und dementsprechend viele Anspielungen in ihre Ansagen und Zwischendrin-Dialoge einflechtet:

Die Judith, die als Kind Wasser aus dem Bächle getrunken hat; die Publikumsanreden „Liebes Freiburg, liebe Bongospieler, liebe Jack-Wolfskin-Jackenträger, liebe Niedrigenergiehausbesitzer, liebe Fünfkindermacher…“ Ja, auch die PUR für Langzeitstudis kommen nicht immer am Klischee vorbei. Selbst die Mülltrennung und „Freiburg, grünste Stadt Deutschlands“ nehmen Holofernes und Restfamilie als Aufhänger für vorhersehbare Ansagen. Hallo Freiburg, liebes Studentenpack!



Studentenpack, das könnte auch auf die Helden selber zutreffen. Irgendwie erinnern sie immer noch an die Slacker-WG von nebenan. Vier Platin-ausgezeichnete Vorzeigeheroes aus der Generation Umhängetasche, impertinente Gutmenschen, die selbstredend die Tibetfahne am Schlagzeug hängen haben und – „Achtung, jetzt wird’s ernst! – die Ärzte ohne Grenzen unterstützen.

Das Prinzip „Wir sind Helden“ changiert textlich zwischen ironischem Appell und persönlicher Befindlichkeitsaufnahme: Wir müssen nur wollen, wir sind gekommen, um zu bleiben, ich weiß nicht weiter, ich erkenn mich nicht wieder, ich will mein Leben zurück. Die Heldenkunst besteht darin, Verse, wie sie pubertierende Grüblerinnen in ihr Tagebuch schreiben, mit großer Leichtigkeit zu einer Popstrophe zu veredeln:

Ich sehe, dass du denkst
Ich denke dass du fühlst
Ich fühle dass du willst
aber ich hör dich nicht ich



Die Musik der Helden ist aus dem Bauch bis unverkopft, reitet manchmal auf der Neuen Deutschen Welle und eignet sich immerhin besser zum Joggen als „Juli“ und „Silbermond“. Judith Holofernes ist zwar im Vergleich zu Mias Mieze die deutlich schlechtere Sängerin, tut dafür aber nicht so künstlich.

Schlagzeuger Sebastian Roy, einst Kicker beim TUS Rüppurr, macht ein Solo, das klingt wie ein Sparwitz und somit exemplarisch ist für die ständige Selbstironisierung der Helden. Bassist Mark Tavassol gibt optisch den Skaterboy, spielt aber unauffälliger als Pennywise und Konsorten. Gitarrist / Keyboarder Jens Eckhoff, gekleidet in schweißtreibendem Polyester, ist das Riff-Rückgrat der Band, die verstärkt wird von drei Bläsern.

Jeder Held würde einzeln wohl nicht viel hermachen, aber gemeinsam funktionieren sie wie ein Zaubertrick.

Der Zugabenteil beginnt mit einem Bruch: Frau Holofernes liest einen Abschnitt aus der im Februar erschienenen Bandbiographie. Mutig, die Stimmung so runterzubremsen, aber es klappt. Einmal ruft ein Fan: „Judith, ich will ein Kind von dir.“ Judith: „Aber ich hab doch schon eins.“ Fan: „Noch eins.“ Holofernes: „Okay, gehen wir nachher zu mir.“ Verschnaufpause.



Dann der Endspurt mit „Du erkennst mich nicht wieder“, „Denkmal“ und „Die Nacht“. Dies ist der letzte Song, eine traurig-weiche Decke, mit der die Helden ihre Fans zum Abschied zärtlich umhüllen. Bis 2010 soll es der letzte Gig im Breisgau gewesen sein. Schade. Ihr seid Helden.

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