Erfahrungsberichte

Wieso Studierende aus Freiburg sich jetzt für einen Erasmus-Aufenthalt entschieden haben

Anika Maldacker

Nur die Hälfte der für das Erasmus-Programm gemeldeten Studierenden der Uni Freiburg haben sich nun für ein Auslandssemester entschieden. Wir haben einige gefragt, wieso sie es wagen.



Caroline Hein, 21, studiert Embedded Systems Engineering an der Uni Freiburg und macht jetzt ein Erasmus-Semester in Lyngby in Dänemark:

"Ich bin seit Mitte August in der DTU in Lyngby, 15 Minuten nördlich von Kopenhagen. Ich habe mich bereits vor der Corona-Krise, entschieden, diesen Herbst ein Erasmus-Semester zu machen, da ich sehr gerne reise und neue Länder und Sprachen erkunde. Ein anderer wichtiger Grund war, dass die Unis in den nordischen Ländern sehr gut sind, und besonders die DTU, die Technische Uni, eine große Vielfalt an Projekten anbietet, weshalb ich mir dort ein Thema für meine Bachelorarbeit ausgesucht habe. Die Uni in Lyngby hat wieder komplett geöffnet und ich kann meine Vorlesungen live besuchen und andere Studierende kennen lernen, was mich nach einem Online-Semester in Freiburg besonders freut. Alle paar Meter steht Desinfektionsspray und wir müssen einen Meter Abstand halten, allerdings sind hier auch Veranstaltungen mit weniger als 100 Menschen möglich, wie tanzen im Park. Das ist bisher mein Highlight abgesehen von den guten Fahrradwegen. Ich denke, dass das Land sehr gut organisiert ist und auch die Uni im Fall einer zweiten Welle online problemlos weiter gehen könnte."



Nathalie Baumgartner, 20, studiert Medienkulturwissenschaft und Anglistik an der Uni Freiburg, derzeit macht sie ein Erasmus-Semester in Manchester:

"Ich habe mich für ein Erasmus-Semester entschieden, da die Planung dafür schon vor fast einem Jahr begonnen hat und ich viel Zeit und Mühe reingesteckt habe. Ich hätte mich zwar dazu entscheiden können, mich nächstes Jahr noch einmal zu bewerben, aber das hätte bedeutet, dass ich erst im siebten Semester ins Ausland gehen würde. Tatsächlich ist aber genau die Angst vor einem endgültigen Lockdown der Grund, warum ich vorerst online von Freiburg aus an der Uni Manchester studiere. Ich hoffe trotzdem, dass ich bald nach England gehen kann, um wenigstens einmal die Stadt live zu sehen, und meine Kommilitonen persönlich kennenzulernen. Leider hat sich in letzter Zeit die Situation in England, besonders in Manchester, drastisch verschlechtert, weshalb ich schweren Herzens die Entscheidung getroffen habe, vorerst nicht hinzuziehen. Ich sehe momentan keinen Sinn darin, nach England zu gehen, wenn ich dort nur im Zimmer sitzen würde und mit keinen anderen Studierenden Kontakte knüpfen könnte."



Marie-Claire Hoferer, 21, studiert Französisch und Anglistik an der Uni Freiburg und macht derzeit ein Erasmus-Semester in Paris:

"Ich habe mich für mein Erasmus-Semester bereits vor einem Jahr, nach einem zweiwöchigen Sprachkurs in Paris, entschieden. Zu diesem Zeitpunkt war noch keine Rede von dem Coronavirus. Nichtsdestotrotz bin ich sehr froh, mein Auslandssemester ohne größere Schwierigkeiten in Paris anzugehen. Ich bin seit ungefähr einem Monat vor Ort und fühle mich sehr wohl. Falls es in Frankreich, beziehungsweise in der Île-de-France, zum erneuten Lockdown kommen sollte, was im Moment nicht sehr wahrscheinlich ist, werde ich auf alle Fälle vor Ort bleiben und meine Kurse wie gewohnt online durchführen. Aktuell haben wir in Frankreich, auf Grund der vielen Urlaubsreisen, sehr hohe Fallzahlen, jedoch scheint die Situation unter Kontrolle. Man muss sowohl auf der Straße, in Geschäften als auch in der Metro, Bus und Bahn seine Maske tragen. Das war zu Beginn etwas ungewohnt, aber man gewöhnt sich schnell daran."



Miena Heckle, 21, studiert FrankoMedia und Italienisch an der Uni Freiburg und macht gerade ein Erasmus-Semester an der Université de la Réunion in Saint Denis auf La Réunion:

"In meinem Studiengang ist es vorgesehen im 5. Semester ein Auslandssemester zu machen. Das Erasmus-Semester war schon immer eine sehr große Motivation, das Studium durchzuziehen. Dass ausgerechnet jetzt Corona kommen musste, ist natürlich mies, aber ich versuche das Beste daraus zu machen. Da ich am anderen Ende der Welt bin und dort sobald auch nicht weg möchte, sieht es eher schwierig aus, wieder zurück nach Deutschland zu kommen, falls sich die Situation verschlimmert. Bei einem Lockdown könnte ich zumindest von meinem neuen Zuhause aus an Online-Kursen teilnehmen. Ich hoffe einfach nur, dass wir Erasmus-Studierende nicht ausgewiesen werden. Seit einigen Tagen gehört La Réunion zur roten Zone in Frankreich, was beängstigend ist. Allerdings gibt es verhältnismäßig noch wenig Fälle auf der Insel und die Regelungen werden alle sehr streng eingehalten. Ich hoffe die Situation spitzt sich nicht zu und ich versuche positiv zu bleiben. Es ist extrem schade, dass vieles nicht auf hat oder nicht stattfinden kann. Aber auf der anderen Seite ist es sehr angenehm, nicht so viele Touristen zu sehen und die wundervolle Natur und Vielfalt der Insel ungestört entdecken zu können."



Lukas Mugele, 21, studiert Geschichte und Philosophie/Ethik in Freiburg und macht gerade ein Erasmus-Semester in Tartu, Estland:

"Die Entscheidung fiel bereits im Dezember 2019, weil die Bewerbungsfristen immer sehr früh sind. Als die Corona-Krise kam, habe ich lange überlegt, ob ich den Auslandsaufenthalt antreten soll. Mein entscheidendes Kriterium am Ende war die Verfügbarkeit von Präsenzveranstaltungen an meiner Gastuniversität. Nur für Online-Vorlesungen wollte ich nicht in ein anderes Land reisen. Ehrlich gesagt habe ich mir über einen möglichen Lockdown noch keine Gedanken gemacht, da die Situation in Estland wirklich gut ist. Sollte es dennoch dazu kommen, wäre die absehbare Dauer entscheidend. Nach einigen Wochen müsste ich den Aufenthalt dann aber abbrechen, weil dann die Erasmuserfahrung verloren ginge. Estland hat vergleichsweise wenig Corona-Fälle, weshalb auch das öffentliche Leben kaum eingeschränkt ist. Es wird zwar auf das Abstandhalten hingewiesen, jedoch gibt es keine Maskenpflicht. Ich habe bisher nur wenige Menschen mit Maske gesehen. Veranstaltungen sind bis zu 1500 Personen erlaubt, weshalb auch alle Geschäfte, Bars, Clubs oder Restaurants geöffnet haben. Ein Studentenleben ist daher im Moment ohne Probleme möglich."



Seliem Attia, 23, studiert Soziologie und Spanisch an der Uni Freiburg und fliegt am 20. September nach Madrid für sein Erasmus-Aufenthalt:

"Ein Semester im Ausland habe ich schon immer geplant. Natürlich ist der Zeitpunkt nicht perfekt, allerdings muss man sich auch die Frage stellen, ob die Lage in den nächsten Monaten besser wird. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass ich nächstes oder auch übernächstes Semester ein ’normaleres’ Erasmus-Semester absolvieren könnte. Die Wahrscheinlichkeit, dass es in Madrid zu einem erneuten Lockdown kommt, ist sehr hoch. Ich selbst habe mir zwei Optionen überlegt: Falls noch möglich, werde ich zurück nach Freiburg gehen, da ich das Studium auch online von dort weiter machen kann. Andernfalls bleibe ich in Madrid, in meiner WG. Als Vorbereitung dafür habe ich mir eine WG mit großem Balkon gesucht, damit ich auch mal raus kann. Außerdem habe ich drei spanische Mitbewohnerinnen und Mitbewohner, wodurch ich auch in einem Lockdown von der Situation profitieren und mein Spanisch verbessern kann. Die aktuelle Corona-Politik in Madrid ist auch ohne Lockdown etwas anders als in Deutschland. Während das RKI sagt, dass eine Maskenpflicht auf der Straße eher sinnfrei ist, muss man in Madrid sogar alleine im Park eine Maske tragen."



Lea Maier, 21, studiert Jura an der Uni Freiburg und absolviert derzeit ein Erasmus-Semester in Linköping in Schweden:

"Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich das Erasmus-Semester absagen sollte, insbesondere da Schweden lange als Risikogebiet galt. Für mich war ausschlaggebend, dass die Uni Linköping möglichst früh wieder zum Präsenzunterricht zurückkehren wollte. Nachdem ich mit einigen Bekannten gesprochen hatte, die mir über die Situation in Schweden berichten konnte, war ich mir relativ sicher, dass es kein Problem sein wird, Dinge zu unternehmen und neue Leute kennenzulernen. Im Moment halte ich es für sehr unwahrscheinlich, dass Schweden seine Strategie im Kampf gegen das Virus ändert und doch auf einen Lockdown setzt, daher habe ich mir keinen Plan zurecht gelegt. Sollten die Grenzen geschlossen werden, würde ich zurück nach Hause fliegen. Schweden setzt viel auf Eigenverantwortung und Abstand halten. Eine Maskenpflicht gibt es nicht und auch sonst gibt es wenig Maßnahmen, wie wir sie in Deutschland kennen. Die Uni kehrt in den Präsenzmodus zurück. Ich werde ab kommender Woche meinen Sprachkurs einmal die Woche auf dem Campus haben und es ist wieder möglich sich auf dem Campus zum Lernen zu treffen. Als Erasmusstudentin ist das toll, wir können an den Wochenenden viel machen. Besonders gut ist, dass Veranstaltungen mit beschränkter Teilnehmerzahl möglich sind und man so Leute kennenlernt."



Nico Wessner, 21, macht an der Uni Freiburg sein Medizinstudium und ist gerade für sein Erasmus-Semester in Coimbra in Portugal:

"Das Auslandsemester in Coimbra war lange im Voraus geplant. Als das Coronavirus kam, wurden nach und nach fast alle Erasmusplätze meiner Freunde wegen Covid-19 von ihren Gastuniversitäten abgesagt. Ich beschloss es trotzdem zu wagen. Ein Erasmusaufenthalt bedeutet für mich die Herausforderung in einem fremden Land heimisch zu werden. Das Coronavirus macht dies vielleicht schwieriger, aber keinesfalls unmöglich.
Coimbra war bis jetzt noch nie Risikogebiet. Ich weiß, dass es zu einem Lockdown kommen könnte, das Risiko bin ich jedoch bereit zu tragen. Die Situation ist nicht anders als in Deutschland. Die Hygiene und Abstandsregeln werden ähnlich konsequent eingehalten. Im Gegenteil hat die aktuelle Situation sogar einige Vorteile. Die Stadt ist nicht von Touristen überlaufen und die Zimmersuche war sehr leicht. Ich hatte die Befürchtung, dass die Studentenstadt wie leergefegt sein würde. Ohne öffentliches Leben, ohne soziale Kontakte, alles online und ich der einzige Erasmusstudent, der sich her gewagt hat. Tatsächlich jedoch haben sich alleine in Medizin 40 Erasmusstudenten eingeschrieben, in meinem Wohnhaus leben Brasilianer, Spanier und Italiener und mit einem Mentoringprogramm habe ich Anschluss zu den portugiesischen Studenten gefunden."



Nina Rogler, 22, studiert Mathematik und Französisch auf Lehramt in Freiburg und macht ein Erasmusjahr in Strasbourg:

"Ich studiere im dritten Jahr Französisch auf Lehramt und ich konnte es schon zu Beginn des Studiums kaum erwarten, ein Jahr lang in Frankreich zu studieren. Als die Infektionszahlen immer weiter stiegen, habe ich schon überlegt, ob ich noch ein Jahr warte. Aber wer weiß schon, was in einem Jahr ist? Ich habe auf mein Bauchgefühl gehört. Jetzt bin ich froh, im Elsass zu sein. Ich habe mir eine schöne WG gesucht, die für den Fall von Online-Veranstaltungen ein guter Ort zum zuhause bleiben ist. Während in Freiburg das kommende Semester eher online stattfindet, finden in Strasbourg alle Veranstaltungen unter Auflagen in Präsenz statt. Wir müssen beim Eingang in jedes Gebäude unsere Hände desinfizieren, drinnen immer Masken tragen und in den Hörsälen Platz zwischen uns lassen. Durch die Anwesenheit an der Uni habe ich schon viele Leute kennenlernen können, Franzosen und Internationale. Sollte es in Strasbourg nochmal einen Lockdown geben, dann soll es so sein, und ich bleibe optimistisch, dass es nicht nochmal so schlimm wird wie im März."



Franciska Klippel, 23, studiert in Freiburg Rechtswissenschaften, zieht aber ab 16. September für ein Erasmus-Semester nach Surrey in England:

"Für mich fiel die Entscheidung für ein Auslandssemester vor der Pandemie Anfang Februar. Bei der Studienplatzannahme war das Thema bereits präsenter, beträchtlich weniger attraktiv erschien mir ein Studienaufenthalt aber nicht. Ich fühle mich von der Betreuung insbesondere auf Seiten der britischen Universität gut aufgehoben und immer aktuell informiert. Falls es während meinem Aufenthalt zu einem erneuten Lockdown kommen sollte, würde ich vermutlich an eine Rückreise nach Freiburg denken, falls die Situation dort besser ist, als im Vergleich zu Surrey. Momentan bin ich sehr optimistisch und freue mich sehr auf mein Auslandssemester. Innerhalb von Großbritannien ist die Region Surrey nicht stark von der Pandemie betroffen. Trotzdem sind die Kontaktbeschränkungen strenger als in Freiburg. Lediglich Personen aus zwei Haushalten dürfen sich treffen. Die Uni vermittelt allerdings ein positives Gefühl indem sie – soweit möglich – auf Face-to-Face Teaching-Methoden setzt, aber dabei betont, dass die Gesundheit der Studierenden und Mitarbeiter nicht in Gefahr gebracht werden darf. Während dem Semester wird es weniger soziale Angebote geben, als man es von einem Erasmus-Austausch kennt und vieles wird ins Digitale verschoben."



Miguel Falcone, 22, studiert Linguistics in Freiburg, absolviert aber gerade ein Erasmus-Semester in Valencia:

"Ich habe mich trotz Corona für ein Auslandsemester entschieden, weil ich nicht glaube, dass sich im nächsten Semester die Situation verbessern wird. Ich persönlich hatte nie ein Problem mit dem Tragen der Masken, was hier in Spanien ab dem Verlassen der Wohnung obligatorisch ist. Falls es in Spanien zu einem Lockdown kommen sollte, würde ich die Anweisungen befolgen und mein Leben weiter leben. Ferner habe ich Familie in Nordspanien, bei denen ich im Falle einer erneuten Quarantäne unterkommen könnte. Vorzeitig nach Deutschland zurückkehren, würde ich nicht. "



Jonas Vollmer, 23, studiert in Freiburg Umweltnaturwissenschaften und Umwelthydrologie, und macht gerade ein Erasmus-Semester in Hvanneyri in Island:

"Ich habe mich bereits im Februar für den Auslandsaufenthalt an der Agricultural University of Iceland in Hvanneyri beworben. Im Mai wurde ich gefragt, ob ich wegen Corona meinen Auslandsaufenthalt in Island auf das Sommersemester verschieben möchte. Das war für mich keine Option, da die Fälle von Infizierten in Island gering waren und ich mir vorstellen konnte, dass es aufgrund der geringen Anzahl von nur 300 Studenten an der Uni Präsenzvorlesungen gäbe. Zum Glück wurden Deutsche bis kurz nach meiner Ankunft in Island noch ohne Corona-Test in das Land gelassen. Jetzt gibt es neue Regelungen, die einem Lockdown ähneln. Jeder der jetzt nach Island möchte, muss bei der Ankunft einen Coronatest machen, für ein paar Tage in Quarantäne und anschließend einen zweiten Coronatest machen. In Island ist fast alles auf Normalbetrieb. In den Vorlesungen sind nicht mehr als zehn Leute, deshalb ist alles in Präsenzveranstaltungen möglich. Trotzdem wird auf dem Campus sehr auf Hygiene geachtet. Komplikationen gibt es mit der Versorgung, da der nächste Supermarkt weiter vom Wohnort und dem Universitätsgelände entfernt sind. Vor den Supermärkten bilden sich oft lange Schlangen, da nur eine begrenzte Anzahl von Personen zeitgleich einkaufen gehen dürfen. Masken hingegen werden nur von den Mitarbeitern getragen. Ich und die fünf anderen Erasmusstudent sind überraschend wenig von der Pandemie und generell von der Außenwelt beeinflusst."

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