fudder-Interview

Wieso Medizinstudierende wegen der Verschiebung des Staatsexamen unzufrieden sind

Anika Maldacker

Das zweite Staatsexamen für Medizinstudierende wird in Baden-Württemberg um ein Jahr verschoben – zum Ärger vieler Studierender. Wieso erklärt ein Freiburger Student der Bundesvertretung der Medizinstudierenden.

Viele von Baden-Württembergs Medizinstudierenden, die kurz vor dem zweiten Staatsexamen stehen, sind unzufrieden: Der zweite Abschnitt der Ärztlichen Prüfung wurde in Baden-Württemberg und Bayern auf die Zeit nach dem Praktischen Jahr (PJ) verschoben. In den restlichen Bundesländern finden die sogenannten M2-Prüfungen jedoch statt. Was das für die Studierenden bedeutet, erklärt der Freiburger Medizinstudent Tobias Henke aus der Bundesvertretung der Medizinstudierenden (BVMD) in Deutschland.

Wieso fühlen sich viele Medizinstudierende und die Bundesvertretung der Medizinstudierenden durch die Verschiebung der Prüfung benachteiligt?

Tobias Henke: Dazu muss ich kurz den Normalzustand erklären. Üblicherweise werden Medizinstudierende in Deutschland nach fünf Jahren Studium, Mitte April, beim zweiten Staatsexamen geprüft. Die Prüfung ist bundesweit dieselbe und sie wird auf drei Tage aufgeteilt. Man bereitet sich drei bis vier Monate darauf vor. Wenn die Prüfung erfolgreich bestanden wurde, geht man ins Praktische Jahr. Durch die Covid-19-Pandemie hat das Bundesgesundheitsministerium deutschlandweit das Stattfinden des M2 in einer Verordnung geregelt. Diese sieht vor, das M2 hinter das Praktische Jahr (PJ) zu verschieben. Die Länder können aber auch, wenn verantwortbar, das M2 stattfinden lassen. Dadurch ist ein föderaler Flickenteppich entstanden, der den Begriff "Staatsexamen" ad absurdum führt. Lediglich Bayern und Baden-Württemberg haben sich dafür entschieden, das M2 zu verschieben. Das führt nun aber dazu, dass die Studierenden, die jetzt ins PJ gehen, nach dem PJ innerhalb kurzer Zeit im zweiten und dritten Staatsexamen geprüft werden. Das kritisieren wir als BVMD, weil es auch für viele Studierende eine lange Zeit mit einem hohen psychischen Druck mit sich bringt.

Wieso ist das so schlimm diese Prüfung um ein Jahr zu verschieben?

Viele bereiten sich mit einem 100-Tage-Lernplan auf die M2 vor. Die Prüfungen hätten Mitte April stattgefunden. Es ist unmöglich, dass das jetzt Gelernt in einem Jahr noch in vollem Umfang da ist. Zwischen M2 und M3, dem dritten Staatsexamen, liegen dann wohl nur wenige Wochen. Bis 2014 gab es einen solchen Ablauf schon, er wurde von allen "Hammerexamen" genannt und zum Vorteil aller abgeschafft. Diese archaische Prüfung nun wieder zu exhumieren, erzeugt einen enormen psychischen Druck. Wir finden es auch problematisch im Vergleich zu den anderen zehn Bundesländer, die die M2-Prüfung dennoch jetzt durchführen, weil der Gleichheitsgrundsatz in Prüfungen dabei in seinen Grundfesten erschüttert wird.
Info:

Das Praktische Jahr (PJ) beginnt nach dem 10. Semester und dauert knapp ein Jahr. Kurz zuvor wird das zweite Staatsexamen geschrieben, danach das dritte, das eine mündlich-praktische Prüfung am Krankenbett ist. Im PJ, dem letzten Jahr der Ausbildung für Medizinstudierende geht es darum, die Theorie in der Praxis anzuwenden und den ärztlichen Praxisalltag kennenzulernen. Es ist noch in drei Tertiale aufgeteilt, die als Stationen in der Inneren Medizin, der Chriurgie und der Allgemeinmedizin, beziehungsweise einem Wahltertial stattfinden.

Wieso geht Baden-Württemberg einen solchen Sonderweg?

Das ist eine epidemiologische Einzelentscheidung, die wir zuerst einmal respektieren. Ob das Staatsexamen geschrieben werden kann, oder nicht, können wir als Bundesvertretung der Medizinstudierenden nicht einschätzen. Wir waren dafür, die M2 in der Pandemie entfallen zu lassen. Das klingt zwar drastisch, das zweite Staatsexamen ist zwar eine qualitätssichernde Prüfung, aber nicht die einzige. Dort fallen ohnehin jährlich nur wenige Prozent durch. Nun haben wir wieder einen föderalen Flickenteppich bei den Lösungen. Wir hätten uns eine bundeseinheitliche Lösung gewünscht.

Überall fallen derzeit Prüfungen aus, müssen Menschen umplanen und mit Unsicherheiten auskommen, beispielsweise auch die Abiturienten. Wieso wehrt ihr euch so bei der getroffenen Entscheidung?

Beim Abitur haben die Länder ja eine einheitliche Lösung gefunden. Wieso nicht auch beim Staatsexamen für Medizinstudierende? Es wird nun problematisch für Studierende, die ihr PJ in anderen Bundesländern machen wollten und schon eine Wohnung gemietet haben, weil nun auch das PJ von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich beginnt. Normalerweise beginnt das Praktische Jahr in ganz Deutschland zum gleichen Zeitpunkt. Das ist nun nicht mehr der Fall und das macht es schwer, sein PJ in verschiedenen Krankenhäusern zu machen. Man könnte dafür ja auch ins Ausland. Ich habe von Fällen gehört, die ihr PJ teils in der Schweiz machen wollten, und es nun nicht absolvieren können und eine Strafe von mehreren hundert Euro zahlen müssen. Vom Land gibt es dazu auch keine Ansage.

Es wird auch kritisiert, dass das Praktische Jahr nicht einheitlich bezahlt wird. Was hat es damit auf sich?

Das ist eine Thematik, die wir seit Jahren versuchen anzusprechen. Es ist geregelt, dass man im PJ nicht mit mehr als dem Bafög-Höchstsatz vergütet werden darf. Wenn der überall gezahlt werden würde, wäre es gut. Das ist aber nicht der Fall. Es wird zwischen 0 und dem Bafög-Höchstsatz entschädigt. Es ist nicht für jeden Studierenden realistisch, 40 bis 50 Stunden die Woche zu arbeiten und dabei nichts zu verdienen. Da fordern wir auch außerhalb von Corona eine einheitliche Regelung. Aber gerade während der Pandemie, wo man davon ausgehen kann, dass die Belastung im PJ höher als sonst ist, ist es noch wichtiger, auf dieser Forderung zu beharren.
Zu Person:

Tobias Henke, 20, studiert im 5. Semester Medizin an der Uni Freiburg. Er engagiert sich auch bei der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e. V. (bvmd) und ist dort Bundeskoordinator für Gesundheitspolitik 2019/20.

Die Freiwilligen Medizinstudierenden, die sich auf den Aufruf von Theresia Bauer gemeldet haben, verdienen ja teilweise mehr als Studierende im PJ. Ist das fair?

Man kann das nicht miteinander vergleichen. Im PJ erhält man eine Aufwandsentschädigung, keine Bezahlung. Der Fokus soll auf einer guten Lehre liegen. Sinn der Deckelung auf die Bafög-Höchstsätze ist, dass Studierende ihren PJ-Aufenthalt auch danach aussuchen, wo die Lehre gut ist, nicht die Bezahlung am höchsten. Dass die Freiwilligen den Mindestlohn bekommen oder sogar Tariflohn, ist richtig, weil bei ihnen nicht die Lehre im Fokus steht.

Teilweise schwingt bei Medizinstudierenden, die ins PJ kommen auch die Angst mit, im PJ wegen der Pandemie verheizt zu werden?

Mit kriegsrhetorischen Begriffen wie Zwangsrekrutierung oder diesem muss vorsichtig umgegangen werden. Aber: Natürlich ist es besorgniserregend, dass es nicht mal genügend Schutzmasken für Ärztinnen und Ärzte oder Pflegende gibt. Vermutlich werden die Studierenden auch stärker als sonst für Arbeiten eingesetzt, die nicht der Lehre dienen. Das kann man in Krisensituationen okay finden, aber genauso gut können Studierende dann sagen, dass es nicht okay ist, zwei Prüfungen in kurzem zeitlichem Abstand durchzuführen.

Ihr hattet auch eine Petition lanciert, wo ihr unter anderem gefordert hattet, dass die M2-Prüfung abgesagt wird.

Ja. Mehr als 100.000 Menschen hatten diese Petition unterschrieben, in der wir forderten, die Prüfung einmalig entfallen zu lassen, vor allem aber eine bundeseinheitliche Lösung zu schaffen. Das Bundesgesundheitsministerium hat die Petition ignoriert und daran vorbei entschieden. Das finden wir natürlich schade.