Erfahrungsbericht

Wieso ich mich in der ukrainischen Flüchtlingshilfe engagiere

Antonia Asel

Die schlimmen Bilder aus dem Ukrainekrieg haben in fudder-Autorin Antonia Asel den Wunsch geweckt, ehrenamtlich zu helfen. Nun kümmert sie sich um eine Kindergruppe in Freiburg – und stieß bald an ihre Kommunikationsgrenzen.

Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine und der täglichen Konfrontation mit den Folgen des Krieges, habe ich mich dazu entschlossen, so gut ich kann, zu helfen. Es kommt mir furchtbar ungerecht vor, dass Menschen alles verlieren, während ich mich, allein aufgrund meines Geburtsortes in einer derart privilegierten Lebenssituation befinde.

Auf der Suche nach Koordinatoren von Hilfswilligen bin ich im Internet auf eine Mailadresse der Stadt Freiburg gestoßen. Schon 24 Stunden, nachdem ich meine E-Mail verschickt hatte, habe ich eine Antwort erhalten. Angeboten wurde mir eine Einsatzstelle im Flüchtlingsheim St. Christoph in der Nähe der Freiburger Messe. Umschrieben war die Einsatzstelle als eine Art Kindergarten für drei- bis siebenjährige Kriegsgeflüchtete. In kurzer Zeit habe ich auch die anderen Freiwilligen kennengelernt und mich abgesprochen. Bereits nach ein paar Sätzen in diesem ersten Gespräch hat sich die zuständige Sozialpädagogin dafür gerechtfertigt, dass die Kindergartengruppe zum Teil auch afghanische Kinder besuchen sollten. Sie würde eine große Differenz zwischen der Bereitschaft sich ehrenamtlich für ukrainische oder andere Flüchtlinge zu engagieren feststellen.

Auch andere Flüchtlingskinder brauchen Hilfe

Diese Bemerkung, fast schon eine Entschuldigung, hat mich zum Nachdenken angeregt. Ich war zwar zuvor schon in der Flüchtlingshilfe aktiv, aber auch bei mir hatte sich der Wunsch nach Engagement erst durch die Ukraine-Krise wieder verstärkt. Mir ist bewusst geworden, dass die explizite Hilfe für Geflüchtete aus der Ukraine zwar durchaus nobel ist, weitere Kriege, außerhalb Europas und dem aktuellen Medienberichtsschwerpunkt, dabei aber nicht ausgeblendet – oder gar abgewertet werden dürfen. Mein Wunsch nach Engagement für geflüchtete Kinder aus der Ukraine ist danach explizit zum Engagement für vor Krieg geflüchteten Kindern geworden.
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Im Anschluss an unsere Kennenlernrunde hat man uns die sehr großzügigen und voller Kinderspielzeug bestückten Räumlichkeiten gezeigt. Noch ein wenig planlos haben wir dabei unsere Vorstellungen hinsichtlich der uns freigestellten Organisation und Gestaltung der Kita ausgetauscht. Die Kinder sind dann zwar alle erschienen, wie bereits von der Sozialpädagogin angeteasert, allerdings zum Teil mit einer Verspätungen von über einer halben Stunde. Diese sind bei einer Wegzeit von unter zwei Minuten vor allem damit zu erklären, dass es sich bei ihnen teilweise um Waisenkinder handelt, die in großen Gruppen von wenigen Erwachsenen betreut werden und, dass den Kindern und Erwachsenen außerdem jegliche Tagesstruktur fehlt.

Kein Deutsch, kein Englisch

Als die Kinder nacheinander eingetroffen sind, ist uns schlagartig zudem die größte Schwierigkeit und insbesondere deren Ausmaß bewusst geworden: Weder können wir auf Deutsch noch auf Englisch mit den Kindern, den Eltern oder den Betreuern kommunizieren. Betätigt haben wir uns deshalb intuitiv der Zeichensprache. Während ich versucht habe, eine Vierjährige, die auf der Türschwelle zur Salzsäule erstarrt war, zum Spielen zu motivieren, indem ich auf jeden im Raum befindlichen Spielgegenstand zeigte, hatten meine Kolleginnen bereits angefangen selbst von winzigen Plastiktellern imaginären Kuchen zu essen, um den Kindern das Spiel mit dem Kaufmannsladen schmackhaft zu machen.

Nach einiger Zeit begannen die Kinder sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Es schien als würden sie nun ihre Lage, in einem Raum voller Spielzeug frei über ihr weiteres Tun entscheiden zu können, genießen. Allmählich hatten sich einige Gesten der Kommunikation manifestiert. Hatte ein Kind ein Puzzle beendet, hatte ich das mit einem erhobenen Daumen und einem "Super" kommentiert, was die Kinder prompt nachahmten. Routinen wie dieser erhobene Daumen bilden in der Kita inzwischen die Basis des Vertrauens , weil sie uns eine Art der Kommunikation ermöglichen. Erst einmal eingespielt, sind die drei Stunden wie im Flug vergangen.

Verständigung per Google-Übersetzer

Übrig waren am Ende zwei ukrainische Kinder, die versucht haben, mit mir, wie untereinander auf Ukrainisch zu reden. Während sie mir fest in die Augen geblickt und nacheinander ein einzelnes Wort, betont langsam wiederholt haben, habe ich fieberhaft versucht irgendeine sprachliche Parallele zum Deutschen zu finden. Weil mir dies nicht gelingen wollte, waren die Kinder sichtlich frustriert. Deshalb habe ich mein Handy aus meiner Hosentasche gezogen, in dem Versuch, per Spracheingabe bei Google-Übersetzer einen Treffer zu landen.

Als hätten sie mein Vorhaben geahnt, haben die Beiden darauf gewartet, dass ich mein Handy entsperre, um es mir dann aus der Hand zu reißen und blitzschnell bei Google die Spracheingabe zu öffnen und das Wort meinem Handy nun im selben Tonus wie zuvor mir zuzusprechen. Leider kann mein Handy scheinbar genauso gut beziehungsweise schlecht Ukrainisch wie ich, sodass der Kommunikationsversuch erstmal gescheitert schien.

Doch ist aus Zufall ist dann doch ein Zeichentrickvideo auf Youtube aufgetaucht. Als Bildunterschrift konnte ich "ukrainisches Geburtstagslied" lesen, just in dem Moment, in dem ein Mitarbeiter des Flüchtlingsheims eintrat und erklärte, es werde gerade in der ukrainischen WG-Geburtstag gefeiert und die Kinder sollten allein dorthin zurücklaufen, denn es gäbe Kuchen.
Info: Wessen Interesse am ehrenamtlichen Engagement geweckt wurde, kann sich bei der Stadt (ukraine@stadt.freiburg.de) oder dem Flüchtlingsheim melden. Viele Projekte sind angedacht und bedürfen weiterer Ehrenamtlicher. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass die zeitliche Verpflichtung frei wählbar und ziemlich flexibel ist.