Zurück ins Nest

Wieso ich in der Pandemie wieder zu meinen Eltern gezogen bin

Max Wolfsperger

Unser Autor hat seine Unabhängigkeit in Freiburger WGs geliebt, nun wohnt er seit wenigen Wochen wieder zuhause bei den Eltern – auch wegen der Pandemie. Wieso es sich wie ein Rückschritt anfühlt, hat er für fudder aufgeschrieben.

18.30 Uhr. Meine Eltern rufen meine Schwester und mich zum Abendessen. Das ist meine neue, alte Realität fürs Erste. Ich bin vor zwei Jahren zuhause ausgezogen und habe in Freiburger WGs meine Unabhängigkeit gelebt und genossen. Ein Jahr Pandemie und ich sitze wieder in meinem Kellerzimmer.

Über die Weihnachtspause kam dieser Gedanke zunehmend auf. Ich war im Dezember sowieso schon jedes Wochenende bei meinen Eltern. Würde ich wirklich wieder zurückziehen? Über Monate hinweg hatte ich das verneint. Ich bin sicherlich besser durch die Pandemie gekommen als viele andere. Auch durch die Unterstützung meiner Eltern. Im ersten Lockdown waren es noch Gehaltskürzungen in meinem Nebenjob als Filmvorführer in einem Freiburger Kino, im zweiten Lockdown stehe ich nun ohne einen da. Ich habe mich zwar selber für die Kündigung entschieden, aber nicht damit gerechnet, dass es so schwierig wird, einen neuen Nebenjob zu finden. Der Arbeitsmarkt ist überrannt in den wenigen Bereichen, die Studierenden die nötige Flexibilität neben dem Studium gewährleisten. Und dann kommt man an den Punkt, an dem man entscheiden muss. Gehe ich an mein Erspartes, versuche ich an Bafög oder andere Hilfen zu kommen oder geht es wieder ins gemachte Nest?

Rein rational war es eine klare Entscheidung. Ich bin in der glücklichen Situation selbst jetzt bei meinen Eltern in Sexau in 20 bis 30 Minuten in die Stadt kommen zu können, sei es für eine Prüfung oder einen anderen Termin. Sollten die Uni und die UB wieder öffnen, ist das eine Distanz, die ich pendeln kann. Mit dem Ende meines Studiums hätte ich im Sommer mein Zimmer im Wohnheim auf jeden Fall räumen müssen. Und ist es wirklich nötig die finanzielle Unterstützung meiner Eltern auszureizen, wenn man pandemiebedingt alle Seminare online hat? Der Umzug macht einfach Sinn.

Es fühlt sich wie ein Rückschritt an

Emotional ist die Sache eine andere. Es fühlt sich wie ein Rückschritt an. Es hat sich so viel in meinem Leben verändert, seit ich mein Kinderzimmer verlassen habe – insbesondere ich selbst. Ich habe mich gewöhnt an die Freiheit, niemandem Rechenschaft abzulegen. An meine eigenen Kochkünste, manchmal um 18 Uhr aber manchmal auch erst nach 20 Uhr. Ich hatte meine Ruhe. Ich war mein eigener Herr.

Aber in den letzten Monaten im Wohnheim auch zunehmend einsam. Meine Mitbewohnerinnen und Mitbewohner sind auch häufig in der Heimat geblieben. Bei meinen Eltern habe ich immer Leute um mich. Ich kann mehr Zeit mit meiner Schwester verbringen. Es bedeutet aber auch, dass ich mich wieder gemeinschaftlicher einbringen muss. Ich koche nicht mehr nur für eine Person. Es wird häufiger an meine Türe geklopft. Damit arrangiere ich mich nun. Ich denke mein gutes Verhältnis mit meiner Familie hilft sehr. Andere hätten sich in meiner Situation vermutlich anders entschieden. Und auch das kann ich nachvollziehen. Entscheidend war für mich ein Wort: Vorübergehend. Die Pandemie ist nicht für immer. Bis es soweit ist, werde ich Pflichtbewusst um 18.30 Uhr am Familienessen teilnehmen.