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Wieso ein Freiburger Auszubildender sich für Nawalnys Bewegung einsetzt

Vera Tolksdorf

Ein Freiburger Auszubildender engagiert sich in Freiburgfür Alexei Nawalnys Bewegung in Russland: Der 24-Jährige Auszubildende Aleksei Gmyzin setzt sich für politischen Wandel in Russland ein – auch diesen Samstag.

"Mit dem Video hat er wirklich alles auf eine Karte gesetzt", erklärt Aleksei Gmyzin aufgekratzt. Und fügt schnell hinzu: "Ich mache mir wirklich große Sorgen um Nawalny". Das Video, von dem Aleksei spricht, heißt auf Deutsch "Ein Palast für Putin – die Geschichte der größten Bestechung" und wurde seit dem 19. Januar schon fast 60 Millionen Mal geklickt. Zwei Tage nach dessen Verhaftung hatte es Nawalnys Team auf Youtube veröffentlicht. Die circa zwei Stunden lange Doku enthält schwere Korruptionsvorwürfe gegen Wladimir Putin.


Es war ein ähnliches Enthüllungsvideo, das ihn politisiert hat, erinnert sich der 24-Jährige, der seit zwei Jahren in Freiburg lebt. 2017 war das: Da hatte Nawalny dem damaligen Premier Dimitrij Medwedew vorgeworfen, sich über scheinbar gemeinnützige Stiftungen selbst bereichert zu haben. "Durch das Video und die folgenden Proteste hatte ich das erste Mal das Gefühl, es kann sich etwas bewegen", erinnert sich Aleksei. Und das wollte er unterstützen: Er begann sich in Alexei Nawalnys Bewegung zu engagieren, verteilte Flugblätter und nahm an mehreren ungenehmigten Demonstrationen in seiner Heimatstadt Jekaterinburg teil.

In dieser Zeit begann Aleksei auch, darüber nachzudenken, sein Medizinstudium in Russland abzubrechen und nach Deutschland zu kommen. Das hatte hauptsächlich persönliche Gründe: "Ich habe in Russland beruflich keine Perspektiven für mich gesehen". Es sei sein Traum, in die Wissenschaft zu gehen und am liebsten würde er Molekulare Medizin studieren, erklärt Alexei, der im Moment kurz vor seinem Abschluss zum Chemielaboranten steht. Da biete Deutschland einfach mehr Perspektiven. Die Entscheidung, Russland und sein politisches Engagement dort zurück zu lassen, sei ihm allerdings nicht leichtgefallen: "Eigentlich sehe ich es als meine Verpflichtung, politisch aktiv zu sein und die Bewegung zu unterstützen – das geht von Russland aus natürlich besser."

Durch die Proteste in Belarus engagierte sich Aleksei in Freiburg

Alexei Nawalny ist in Deutschland besonders durch seine Antikorruptionsarbeit und den Giftanschlag auf ihn im Sommer 2020 bekannt geworden. Er wird gerne als Gegenmodell zu Putin dargestellt. In der russischen Opposition ist er allerdings umstritten: Bis Anfang der 2010er-Jahre hatte Nawalny enge Kontakte zur nationalistischen Szene. Für Aleksei war diese Zusammenarbeit politisches Kalkül: "Er war ein Politiker, der bekannt werden wollte – seine Auftritte mit den Nationalisten haben ihm dabei geholfen". Eigentlich vertrete Nawalny diese Meinungen nicht. Gleichzeitig sagt Aleksei aber auch, dass ihm erst durch Nawalny klar geworden sei, was Patriotismus heißt: "Mir wurde immer erzählt, wer Putin unterstützt ist ein Patriot, alle anderen sind Verräter", erklärt er. Durch Alexei Nawalnys Bewegung habe er verstanden, dass ein guter Patriot keinen Staat liebt, sondern das Beste für die Menschen will. Aber: "Das Wort Patriotismus hat in Deutschland natürlich einen ganz anderen Beigeschmack".

Es waren die Proteste in Belarus, die Aleksei im vergangenen Sommer dazu brachten, sich auch in Freiburg wieder politisch zu engagieren. Im August organisierte er gemeinsam mit einer Bekannten eine Solidaritätskundgebung. Und auch jetzt wird er wieder aktiv: In dem aktuellen Video hat Nawalny dazu aufgerufen, am Samstag auf die Straße zu gehen. Es soll gegen Korruption protestiert werden – und natürlich für seine Freilassung. "Das wird etwas Großes, selbst meine Mutter geht auf die Straße", erzählt Aleksei begeistert. Auch in Freiburg ist für diesen Samstag eine Kundgebung geplant, um 12 Uhr auf dem Platz der alten Synagoge. Und Aleksei ist natürlich mit von der Partie.