Interview

Wie zwei Südbadener in ihrem Klangdome ein 360-Grad Musikerlebnis kreieren

Jennifer Fuchs

Ein kuppelartiges Gebäude mit 360-Grad-Musikerlebnis: Das stellen Jo Jauch und Miki Zimmerschitt mit ihrem Unternehmen Gejodome aus Kenzingen für Veranstaltungen her. In der Pandemie haben auch sie zu kämpfen. Ein Gespräch.

Ihr baut Klangdome für den Festival- und Eventbereich. Was ist ein Klangdome und wie kommt er zum Einsatz?

Jo Jauch: Unser Unternehmen "GEjODOME" ist eine kleine Manufaktur, die individuelle Domestrukturen aus Holz fertigt. Wir stellen einerseits dauerhafte Konstruktionen nach Kundenwünschen her, wie zum Beispiel Gewächshäuser, Baumhäuser, bewohnbare Strukturen. Andererseits vermieten wir Domes für Veranstaltungen wie Festivals, Firmenfeiern, Hochzeiten und Messen.

Miki Zimmerschitt: Das geodätische Stabwerk und die Böden werden von uns aus Holz angefertigt. Dadurch bekommen unsere Kuppelzelte eine gemütliche Atmosphäre. Seit wenigen Jahren entwickeln wir außerdem eine spezielle 3D-Ambisonics-Audioanlage, die in unsere Domes integriert werden kann. So wird unser begehbares Objekt auch ein 3D-Hörerlebnis und somit zum Klangdome.

Jo: Dazu werden 31 speziell von uns entwickelte und selbstgebaute Lautsprecher über das gesamte kuppelförmige Stabwerk verteilt angebracht.
Zusätzlich haben wir in den Boden des Domes Körperschallwandler (Bodyshaker) installiert, welche den Boden schwingen lassen und auch bei geringen Lautstärken ein "Fühlen der Bässe" ermöglichen. Mit dieser Anlage und Steuerung schaffen wir so ein immersives 360-Grad-Sounderlebnis.

Miki: Der Mensch nimmt normalerweise Geräusche seiner Umwelt dreidimensional wahr. Wir können dieser natürlichen Wahrnehmung im Klangdome gerecht werden und jegliche Geräuschkulisse, Soundscape und Musik räumlich wiedergeben. Das heißt die Richtung und Bewegung von Geräuschen, Sounds und Musik kann wie in Wirklichkeit differenziert örtlich wahrgenommen werden.

Jo: Der Besucher kann sich dabei frei im Raum bewegen und ein im Rücken wahrgenommenes Geräusch wird beim Umdrehen von vorne zu hören sein. Ein kleines Klangbeispiel dafür : Eine Fliege kann rechts vom Besucher los fliegen, den Kopf von ihm ein paarmal umkreisen, um sich danach an der Decke niederzulassen. Genau so real, wie es auch in der Wirklichkeit erlebt wird. Nur das es keine reale Fliege gibt, sondern allein ihr Geräusch.
Info:

Hinter Gejodome agieren der Sounddesigner Miki Zimmerschitt, 41, und der Klangkünstler Jo Jauch, 50 Jahre, außerdem Michael Romanov. Das Unternehmen sitzt in Kenzingen.

Wie seit ihr darauf gekommen Klangdome zu bauen?

Jo: Vor etwa vier Jahren besuchte mich ein guter Freund, Michael Romanow, der zu der Zeit noch in Graz studierte. Da er sich im Studium gerade mit neuen Audiotechniken, insbesondere Ambisonics beschäftigte, kamen wir darauf, dass ein geodätischer Dome die ideale Struktur besitzt, um Lautsprecher für eine Audioinstallation zu positionieren. Die Knotenpunkte beispielsweise liegen alle auf der Oberfläche einer Kugel. Nach einigen Gesprächen und weil wir beide langjährige und begeisterte Musiker sind, beschlossen wir ein 3D-Ambisonics-Soundsystem zu entwickeln. Unser Ziel war eine immersive Soundinstallation in einen mobilen Dome zu integrieren. Nach intensiver Entwicklungsarbeit und der unverzichtbaren Hilfe von Miki Zimmerschitt waren wir drei im Herbst 2017 in der Lage unseren ersten Prototyp auf der ICSA (International Conference on Spatial Audio) in Graz einem Fachpublikum vorzustellen. Die positive Resonanz ermutigte uns weiter zu machen und das System weiter zu entwickeln und auszubauen. Mittlerweile ist unser immer weiter verfeinertes System unter den härtesten Bedingungen getestet worden und klanglich auf sehr hohem Niveau. Michael Romanov hat sich aus beruflichen Gründen aus dem Projekt Klangdome zurückgezogen. Die Hauptakteure und treibende Kraft sind nun Miki und ich.

Was ist das Besondere an eurem Produkt?

Jo: Immersive Audio-Technologien, die in Kunst- und Forschungseinrichtungen erforscht werden, stehen zunehmend im Fokus von Technologien wie 3D-Virtual-Reality und finden in immer mehr Bereichen Anwendung. Mit unserem mobilen System ermöglichen wir einem breiten Publikum fern der Hochschulen und Forschungseinrichtungen diese besondere dreidimensionale Klangerfahrung.

Miki: Die 3D Audio Erfahrung von unserem Klangdome hinterläßt einen sehr positiven Eindruck auf Festivals, Kunstprojekten, Messen und dem Veranstaltungsbereich. Außerdem bieten wir mit dem Klangdome auch eine Möglichkeiten für Musiker und Klangkünstler in völlig neue Bereiche von Komposition und Performance vorzudringen. Gerade für den Virtual-Reality-Bereich, ob Gaming oder andere Inhalte wie zum Beispiel Wissensvermittlung, hat der mobile Klangdome – in Verbindung mit einer Fulldome-Videoprojektion – ein enormes Potential. In diese Richtung entwickeln und testen wir momentan verschiedene Ideen.

Jo: Wir könnten uns auch weitere interessante Einsatzmöglichkeiten vorstellen. Zum Beispiel erarbeiten wir gerade ein Konzept den Klangdome als Raum für klangtherapeutische Anwendungen zu nutzen.

Wie habt ihr die Krise für eurer Unternehmen erlebt?

Jo: 2020 war für uns, weil wir hauptsächlich unser Geld im Veranstaltungssektor verdienen, ein finanzielles Desaster. Keine einzige Veranstaltung, für die wir gebucht waren, fand statt – dabei war unser Kalender Anfang des Jahres noch voll. Vom monetären Gesichtspunkt mal abgesehen, sollte 2020 für uns vor allem ein Promotion-Jahr werden. Viele Events hätten uns mit wichtigen Leuten zusammengebracht. Wir wollten das Jahr nutzen um wahrgenommen zu werden, zu netzwerken und unser Produkt einer breiten Öffentlichkeit vorzuführen. Dazu waren wir auf Veranstaltungen gebucht wie Esslingen Podium, Stuttgart FMX, Berlin Literarisches Kolloquium, aber auch Festivals wie Fusion, Tropentango, Bucht der Träumer, sowie die Music-Messe Austria um nur ein paar zu nennen.
Einige dieser Veranstaltungen wurden auf das Jahr 2021 verschoben. Doch Planungssicherheit existiert momentan nicht für Kulturbetriebe und so hängen auch wir weiterhin in der Schwebe.

Miki: Die letzten Monate waren für uns nicht einfach. Trotz Coronasoforthilfe, die wirklich eine große Hilfe war, mussten wir uns mit diversen Aushilfsjobs über Wasser zu halten. Auch konnten anvisierte Gewinne aus dem Betrieb nicht wie geplant in die Weiterentwicklung unserer Technik investiert werden.

Jo: Persönlich konnte ich dem Jahr aber dennoch etwas sehr Positives abgewinnen. Durch das Ausbleiben der Veranstaltungen war ich nicht wie sonst während der Saison die meiste Zeit unterwegs, sondern zuhause. Aus diesem Grund konnte ich viel Zeit mit meinem damals einjährigen Sohn verbringen. Dafür bin ich sehr dankbar und glücklich.
Generell hatte ich auch den Eindruck, dass die stellenweise erzwungene Freizeit dazu führte, dass die Leute aus ihrem Trott herausgerissen wurden und sich mit der Sinnhaftigkeit ihrer Lebenssituation auseinandergesetzt haben.

Habt ihr den Kulturstillstand genutzt, um weitere Entwicklungen vorzunehmen?

Miki: Natürlich haben wir die Zeit dazu genutzt unsere Technik und unsere Konzepte weiter zu entwickeln. Wir haben zum Beispiel neue Lautsprecher für den Klangdome entworfen, gebaut und uns mit neuer Software beschäftigt.

Jo: Wir wollen in Zukunft anbieten, 3D-Audio-Anlagen in bestehenden Räumlichkeiten zu installieren. Dafür haben wir verschiedene Systeme und Konzepte entwickelt, die momentan noch getestet werden, aber bald schon in einem realen Event umgesetzt werden sollen. Solang uns Covid-19 nicht wieder einen Strich durch die Rechnung macht.

Durch Corona finden ja leider aktuell keine Events statt. Gibt es trotzdem zukünftige Projekte für euch?

Miki: Ein Hoffnungsschimmer, dass dieses Jahr eventuell doch noch Kultur stattfinden kann, ist eine Veranstaltung Anfang Mai in Berlin, die wir seit einiger Zeit planen. Zusammen mit Daniel Daoudi von dem Kollektiv Lab Montage wollen wir in der riesigen Maschinenhalle des Veranstaltungsorts MaHalla eine große ringförmige Videoleinwand als Hauptbestandteil einer Kunstperformance installieren. Diese vereint 360-Grad-Video, 3D-Audio und Live Performance.

Jo: Das Fusion-Festival zeigt wie es trotz der Pandemie funktionieren kann und stellt ein ambitioniertes, aber durchführbares Hygienekonzept vor. Mit unzähligen Tests und eigenem Labor um die Wartezeiten der Testergebnisse kurz zu halten, soll das Festival in kleinerer und veränderter Version stattfinden können. Das würde uns sehr freuen, denn falls die Fusion diese Jahr stattfindet, wären wir mit unserem Dome auch wieder dabei.

Miki: Möglicherweise kann im August auch der Tropentango stattfinden und zwar mit dem geliehenen Laborequipment und Hygiene Konzept der Fusion. Allerdings nur wenn die Verordnungen dies bis dahin zulassen. Dort wären wir wie sonst auch für den "Kulturacker" verantwortlich. Ein eigenständiger Bereich des Festivals mit alternativem Programm wie Kleinkunst und Zirkus, aber natürlich auch Bands und DJs. Diesen Bereich planen wir völlig in Eigenregie – vom Stellen mehrerer Domes als Bühne und Bar, über das Line-Up bis hin zu den Shops.