Wie werde ich Imker?

Jan Wittenbrink & Marc Schätzle

Sebastian Herb darf einige Millionen Tiere sein Eigentum nennen: Der 32-jährige Bonndorfer ist Imker. Für fudder hat er seine Bienenstöcke geöffnet und aus seinem Arbeitsalltag erzählt. [mit Video]



So müssen sich Astronauten fühlen. Der Weltraumanzug kneift und es ist definitiv zu warm drunter. Ich kann mich kaum bewegen, geschweige denn mit den dicken Stoffhandschuhen eine Kamera bedienen. Angesichts des durchdringenden Gesummes um mich herum bin ich dann aber doch ganz froh über die umfassende Ausrüstung samt Gesichtsschutz-Netz. Die Bienen düsen wie wild hin und her, landen auf dem Handschuh und krabbeln den Arm herauf. „Der Schutzanzug verhindert, dass der Stachel mit dem Gift in die Haut gerät“, hat der Imker gesagt. „Man spürt dann nur noch den Schmerz des eigentlichen Stiches.“ Na dann.

Der Weg zu seinem Arbeitsplatz führt Sebastian Herb durch eine ganze Menge Grün. Über Stock und Stein, unter Tannen hindurch holpert das Auto, passiert zwei Wanderer, die sich zunächst weigern, den Weg freizugeben, biegt schließlich auf eine Lichtung ein und kommt im hohen Gras zum Stehen. Schwarzwaldidylle pur. Auf den zweiten Blick: Eine Ansammlung gestapelter grüner Kästen.

Wie sieht der typische Imker aus? Weiße Haare, mindestens 60? Sebastian Herb jedenfalls entspricht ganz sicher nicht dem Klischee. Der Bonndorfer ist 32 Jahre alt und betreibt mit seiner Lebensgefährtin eine Schwarzwaldimkerei. Dabei ist er eigentlich gelernter Schreiner. Vor etwa 13 Jahren traf er zufällig einen alten Imker, der ihm sein Bienenhaus zeigte. Sebastian Herb betrachtete die Bienenvölker mit Respekt, war und blieb fasziniert. Fünf Jahre später reagierte er auf eine Zeitungsanzeige und kaufte sich seine ersten Völker - und ein Buch über Imkerei. Zusätzlich besuchte er von nun an regelmäßig einen jener typischen, alten Imker, der ihn nach und nach in die Grundlagen einführte. Vor vier Jahren dann zog das Paar vom Bodensee in den Hochschwarzwald, seitdem ist die Imkerei neben der Schnapsbrennerei und der Vermietung eines Ferienhauses eines ihrer drei Standbeine.

„Imkern ist leider ein Rentnerhobby“, sagt Sebastian Herb, der auch die Gründe zu kennen glaubt: „Die Arbeit in der Natur ist nicht jedermanns Sache. Und was viele abschreckt, sind nunmal die Stiche.“ Tausende Male ist er schon gestochen worden. Mittlerweile sei er immun gegen das Bienengift. „Manche Imker verzichten komplett auf Schutzkleidung, gehen mit kurzer Hose und Unterhemd an den Bienenstock. Das ist nicht mein Ding, ich steh' nicht so auf Stiche.“ Dafür umso mehr auf die schönen Seiten seines Berufes. „Man lebt mit der Natur, ist immer abhängig zum Beispiel von der Wetterlage. Das fasziniert mich.“

Eine gewisse Faszination geht in jedem Fall auch von den eigentlichen Protagonisten des Imkeralltags aus. Denn hinter den unscheinbaren grünen Kästen verbergen sich ganze Staaten. Jedes Volk besteht aus etwa 30 000 Bienen, die meisten sind Arbeiterinnen, die den Nektar für den späteren Honig sammeln. Die männlichen Drohnen begatten die Königin, die an der Spitze des Volkes steht und jahrelang Eier legt, am Tag bis zu 2000 Stück.



Der Imker hebt die oberen zwei Kästen ab, löst ein Gitter vom unteren und untersucht eine Wabe nach der anderen. Dann zeigt er auf eine besonders längliche Biene. „Die Königin! In diesem Kasten findet die Brut statt.“ Das Volk summt und brummt um den Imker und die Kameras herum, „nicht fuchteln“, sagt Sebastian Herb, „dann tun sie nichts“. Das allerdings ist von Volk zu Volk verschieden. Einige sind, so der Imker, „stichiger“ als andere. Leichtfertig sticht die Biene jedenfalls eher nicht: Sie reißt sich beim Stich mit dem Stachel nämlich auch den Hinterleib ab und stirbt.

Wenn der Bonndorfer Imker morgens zu seinen Bienenstöcken fährt, ist er vor allem Kontrolleur. Er geht die einzelnen Waben durch, prüft etwa, ob das Volk eine Königin zu viel „gezüchtet“ hat. Das birgt die Gefahr, dass die überzählige Königin mit der Hälfte des Volkes davon fliegt. Auch auf Krankheiten müssen die Bienen geprüft werden, ein gefürchteter Schädling unter Imkern ist die Varroamilbe. Viel Arbeit macht das ständige Umsetzen der Bienenstöcke: Die Herbs sind Wanderimker. Die Kästen werden immer dorthin gesetzt, wo es gerade blüht. Nur so können verschiedene Honigsorten wie Blüten- oder Weißtannenhonig gewonnen werden. „Geerntet“ wird der Honig, indem die Waben in einer speziellen Apparatur geschleudert werden.

Wie also wird man Imker? Sebastian Herb empfiehlt, in jedem Fall klein, also mit wenigen Völkern anzufangen, sich beim Deutschen Imkerbund zu informieren. Wer hauptberuflicher Imker werden möchte, kann sich auch zum Tierwirt, Fachrichtung Imkerei ausbilden lassen. 95 Prozent der Imker in Deutschland betreiben die Honiggewinnung allerdings hobbymäßig. Sicher ist: Imker werden gebraucht. Denn Bienen tragen entscheidend zur Bestäubung von Nutzpflanzen bei, sind so für die Landwirtschaft unverzichtbar.

Wenn der Winter kommt, kehrt im Hause Herb langsam Ruhe ein, die stressige Sommersaison ist vorbei. Auch der Bienenstaat setzt sich zur Ruhe, bildet eine „Wintertraube“. Mit einer Wasser-Zucker-Lösung werden die Tiere über den Winter gefüttert. Der eigentliche Nahrungsvorrat, der Honig, ist ja schließlich zum Großteil auf menschlichen Frühstückstellern gelandet.

Im Frühjahr geht die Saison dann von neuem los, die Bienen erwachen aus ihrer Lethargie. Sebastian Herb steht dann wieder Tag für Tag an den Bienenstöcken. Er hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Und herrscht über 180 Staaten. Da kann man das bisschen Schwitzen im Weltraumanzug schon in Kauf nehmen.





Info:
Am Donnerstag, 02. Juni wird in Bonndorf-Holzschlag auf Initiative von Sebastian Herb ein Imkerei-Lehrpfad mit dem Namen "Via Apis - Welt der Biene" eröffnet.

Video: Wie werde ich Imker?

   

Video: So entsteht Honig?

 

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