ZMF on air

Wie war’s hinter den Kulissen beim Livestream von… El Flecha Negra?

Sarah Rondot

Keine Zelte, keine Konzerte: Dieses Jahr findet das ZMF nicht wie gewohnt statt, sondern wird unter dem Motto ZMF on air live gestreamt. Am Mittwoch hat die Freiburger Band El Flecha Negra den Auftakt gemacht. fudder war hinter der Kulissen dabei.

Menschen dicht an dicht, gespanntes Publikum, ein hoher Geräuschpegel und Künstler, die es kaum erwarten können, die Bühne zu stürmen – so fühlt sich das Zelt-Musik-Festival normalerweise an. Doch 2020 ist das nicht möglich. Stattdessen fühlt sich der Beginn des Auftritts von El Flecha Negra an wie der Dreh einer Fernsehsoap. Das Set stimmt und der Kameramann zählt runter: Drei, zwei eins – ab!


Das ZMF ausfallen lassen? Das kam für die Veranstalter nicht in Frage, mit ZMF on air haben sie gemeinsam mit den Partnern Förderkreis Freiburger Musikfestival und Naturenergie ein Programm auf die Beine gestellt, dass sich sehen lassen kann. Viele der Künstler, die in den Zelten aufgetreten wären, kommen jetzt zu den Musikfans nach Hause – über Livestreams auf den Bildschirm. Während des ursprünglich geplanten Festivalzeitraums vom 15. Juli bis 2. August gibt es täglich Programmangebote, aber auch drumrum treten Bands in unterschiedlichen Locations auf und können gestreamt werden. Das komplette Programm ist kostenlos, es werden aber Spenden für alle teilnehmenden Projekte gesammelt, die später zwischen den Künstlern aufgeteilt werden.

El Flecha Negra macht den Auftakt des ZMFs unter Corona-Bedingungen

Den Anfang des Hauptprogramms macht die Band El Flecha Negra. Tatáni, Kata, Goyito, Oscar und Martin haben chilenische, peruanische und kolumbianische Wurzeln. Sie haben letztes Jahr beim ZMF fast das Zelt abgerissen. Jetzt spielen sie eben ohne Publikum, an dem Tag an dem das ZMF 2020 auf dem Mundenhof begonnen hätte, wenn Corona nicht wäre. Der Auftritt beginnt mit einem kleinen Interview. Moderatorin Johanna Racky und ihr Kollege Gottfried Haufe begrüßen gutgelaunt das Publikum zu Hause. Dann quatschten sie mit den Jungs von El Flecha Negra, die trotz der ungewohnten Situation entspannt dasitzen.

Das Konzert von El Flecha Negra zum Nachschauen:


Klara Schmider, die Hauptorganisatorin des ZMF-Teams, erklärt: "Wir wollten den Leuten nicht nur ein Konzert bieten. Mit den Interviews vor dem Auftritt können die Zuschauer eine andere Seite von den Künstlern erleben." Während des Interviews sitzen die Musiker in professioneller Kulisse, im Hintergrund eine Küchenzeile, Schwarzweiß-Fotografien an den Wänden und rot gepolsterte Bänke. Umgeben von Kabeln, Bildschirmen und Kameras. Markus Müller von Tecstage Veranstaltungstechnik ist für diesen reibungslosen Ablauf verantwortlich. Eigentlich baut sein Unternehmen die Bühne im Zirkuszelt auf, dieses Jahr sind sie für die Technik und Kulisse des ZMF on air verantwortlich. Acht bis zehn Stunden dauert die Produktion eines Konzerts mit Aufbau, Soundcheck, Probedurchlauf der Band, Aufnahme und Nachbereitung ungefähr.

Eine Bühne, die Trotz ausstrahlt

Moderatorin Racky fordert die Zuschauer zu Hause auf ihr Wohnzimmer frei zu räumen: "Ihr braucht Platz zum Tanzen!" Die Bandmitglieder laufen zur Hauptbühne. Die Stille, die das Ganze umgibt, ist immer noch irritierend, jeglicher Festivallärm fehlt. Die Bühne, auf der die Band spielt, ist eigentlich die Warenannahme, wo sonst die LKWs ankommen. Das hat irgendwie Symbolcharakter. Sie ist liebevoll gestaltet und strahlt Trotz aus: "Wir machen weiter" scheint die Bühne im nüchternen Freiburger Industriegebiet zu sagen. "Don’t stop the music" verkündet ein Schild.

Und das lassen sich El Flecha Negra nicht zweimal sagen. Tatáni bläst in eine "Gaita Columbiana", eine indigene Flöte. Kurz darauf ertönen Trompeten und der Song beginnt. El Flecha Negra ist genau die richtige Band für die Eröffnung des Hauptprogramms, weil ihre Musik unglaublich mitreißend ist. Wer die Mischung aus Cumbia, Salsa, Reggae und Música Andina hört, der muss einfach die Füße bewegen. Die Beats gehen direkt in die Hüfte und die gute Laune der Band ist selbst durch die Bildschirme ansteckend. Tatáni wird später sagen, dass ihre Musik voller Freude und Energie ist, "wie ein Vulkan" und das sollen auch die Leute in ihren Wohnzimmern spüren. Ein großer Bildschirm zeigt die Kommentare der Zuschauer. Viele rote Herzen blinken auf weißem Hintergrund. Immer mal wieder reagiert die Band auf deutsche und spanische Kommentare, ihre Fans sitzen in Deutschland, Chile oder Peru.

Das ZMF ausfallen lassen? Niemals!

Das Team des ZMF und das Technik-Team stößt währenddessen mit Sekt an. "Es ist schon nervenaufreibend, ob alles klappt, wie bei einem richtigen Festival", sagt Klara Schmider. Ihre Kollegin Hanna Teepe ergänzt: "Nur dass man nicht ins Publikum schaut." Das Publikum besteht bei diesem besonderen Konzert nur aus dem Organisationsteam und ein paar Freunden der Band. Doch als würde die Band im Kopf eine johlende Menge sehen, hüpfen sie auf der Bühne, tanzen, interagieren mit dem Publikum, als wäre die Musik eine direkte Verbindung zu allen Zuschauern, die gerade nicht sichtbar, aber irgendwie spürbar sind. Alexander Heisler, ZMF-Festivalgründer, schaut stolz über das Gelände. "Toll, oder? Das ist das 38. ZMF, das hätte doch nicht einfach ausfallen können."

Später ist die Band genauso verschwitzt, als hätten sie vor ausverkauftem Zelt gespielt. "Es war ganz anders als sonst", sagt Kata, der trompetet und singt. Auch Bassist Christian findet: "Man gibt ganz viel Energie, aber da ist kein direktes Publikum, was sie zurückgibt, das muss man sich im Kopf vorstellen. Du gibst die Energie ab, aber du weißt nicht an wen." Der beste Moment für die Musiker war, als sie die Zuschauer aufgefordert haben, tief in die Knie zu gehen und dann zum Beat hochzuhüpfen. "Als ich gerufen habe: Wir tanzen gegen Corona! – das hat funktioniert", grinst Tatáni, der Spezialist für indigene Flöten, Percussion und Trompeter.

Er erklärt auch, dass mit dem Bandnamen "El Flecha Negra", nicht der Gegenstand eines schwarzen Pfeils gemeint ist. "Damit ist eine Person gemeint, ein Mythos von einem kleinen Indianer." Der Band ist die indigene Kultur Südamerikas wichtig. Tatáni findet, dass die Corona-Krise Dinge mit anderen Augen sehen lässt. "Wie wichtig Freunde und Familie sind, das merke ich viel bewusster." Das Konzert von El Flecha Negra hat die Sehnsucht geweckt, wieder in einer Menschenmenge zu stehen, gemeinsam die Musik zu fühlen und zu feiern. Hoffentlich haben bei diesem Konzert alle Vasen in den Wohnzimmern der Zuschauer überlebt.

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