Lesung

Wie war’s beim... Weltgarten-Festival des Freiburger Literaturhauses?

Martha Martin-Humpert

Das einwöchige Weltgarten-Festival des Literaturhaus Freiburg hatte am Sonntag Finale. Bei Vogelwanderung und Lauben lesen versank die fudder-Autorin in sommerlichem Naturidyll.

Sonntagmorgen, aufstehen, denn der frühe Vogel fängt den Wurm. Plattitüde, klar, aber hier passend: denn es geht zur Lesung von Ernst Paul Dörflers Vogelbuch "Nestwärme – was wir von Vögeln lernen können". Also, raus aus den Federn und rauf aufs Rad.

Hinterm Waldhaus hat sich das Publikum schon auf den Stufen versammelt, man freut sich sichtlich über das gute Wetter, es wird heiter getratscht. Gut gelaunt stellt dann auch Ernst Paul Dörfler sein Buch vor. Nicht klassisch als Lesung, sondern eher als interaktive Runde, mit kleinen Lesepassagen, immer wieder gespickt mit persönlichen Anekdoten: Und davon gibt es viele, denn der Autor hat in seinem Leben schon einiges gesehen.

In der DDR auf einem kleinbäuerlichen Hof aufgewachsen – der Stasi suspekt wegen "politischer Rückständigkeit" wurde er Ökochemiker. Einige Jahre später stieg er dort jedoch aus, weil er merkte: Die gesammelten Ergebnisse über Umweltverschmutzung bleiben streng geheim und landen nur im Aktenschrank. Er kündigte den Job, arbeitete frei, wurde später Mitbegründer der Grünen im ehemaligen Kommunistischen Deutschland. Immer geblieben ist ihm die Liebe zur Natur, speziell zu den Vögeln. Denn die vermeintlichen Spatzenhirne haben einiges auf dem Brutkasten.

Lerche oder Eule?

Man lernt viel Interessantes, etwa, dass in der Vogelwelt fast immer die Damen die Oberhand haben, also bestimmen, mit wem sie sich wann, wie und wo paaren. Männchen kämpfen daher untereinander nicht wie bei Säugetieren um das Recht zur Begattung, sondern müssen die Damen auf andere Art und Weise verführen und beeindrucken: ein ordentliches Gefieder, eine schöne Musterung – darauf kommt es an. Für Dörfler sind die Vögel daher auch die Erfinder der Schönheit.

Gleichzeitig altern sie nicht sichtbar - manche können bis ins letzte Jahr Eier legen - sie fliegen klimaneutral und ticken nur nach dem eigenen Biorhythmus. Frage ans Publikum: Wer würde sich eher als Lerche, also als Frühaufsteher, oder als Eule, also nachtaktiv, bezeichnen? Ergebnis: Nicht ganz halb halb, etwas mehr Eulen. Verständlich für die Region, meint Dörfler: In dynamischen Großstädten wie Berlin seien eher die Eulen mit zwei Drittel überrepräsentiert, im ruhigen Friesland sei es genau andersrum. Freiburg läge genau dazwischen. Das alles wird charmant und mit Augenzwinkern vorgetragen, ein kleiner Flug durch das Werk.

Auf die Lesung folgt eine kleine Waldwanderung. Es fühlt sich fast an wie eine Schulexkursion, wenn 30 Menschen durch den Wald stapfen und darauf horchen, was da alles zwitschert, trillert und piept. Immer wieder hört man staunendes "ah" und "oh" aus der kleinen Wandertruppe, die mit hellwachen Augen hinter dem Vogelführer herzieht und den Ausführungen lauscht. Eigentlich ist Juli eine denkbar schlechte Zeit für ornithologische Erkundungen, weil Balz- und Nistphase schon durch sind und die Vögel nun weniger singen, mehr rufen. Doch man hört sie trotzdem. Zum Beispiel die Mönchsgrasmücke. Sie flötet irgendwo im Grün, entdecken kann man sie kaum. Ihr Name weist auf das Verstecken im Dickicht hin - der er verweist nicht etwa auf ein Insekt, sondern auf das althochdeutsche "Grasmucka", was Grauschlüpfer bedeutet. Die schwarze Gefiederkappe erinnerte die Taufpaten dabei an die Tonsur der Mönche. Wieder was gelernt!

Teil 2: Lauben lesen

Ein paar Stunden später: Der herrlichste Sommerabend legt sich über die Schrebergärten der Wonnhalde. An der Gastwirtschaft finden sich die Besucher des Lauben Lesens zusammen, um anschließend in kleinen Gruppen loszuziehen, hin zu den drei wunderschönen Lauben. Von ihren Besitzern oder Mietern freigegeben, dienen diese kleinen Oasen heute als Lesebühnen. In allen wird das Festival Thema Nature Writing auf verschiedene Weise ausgelotet, das Verhältnis von Mensch und seiner Umwelt austariert. Denn obwohl wir selbst Teil der Natur sind, vergessen wir das oft, sehen sie als etwas Separates, vielleicht übergeordnetes.

Nicht so Earthboi aus dem Graphic Novel Unfollow von Lukas Jüliger. Der Autor, eingeladen von den zwischen/miete Organisatoren, entwirft in klarer Sprache das Bild eines kleinen Jungen, der vorgibt, seit Anbeginn der Zeiten zu existieren. Zurückgezogen in den Wald baut er von dort über Soziale Netzwerke eine Gefolgschaft auf. Die Frage, die sich der Autor stellte: Wenn die Natur sich manifestieren würde, um mit uns in Kontakt zu treten, müsste sie das nicht in Menschengestalt tun? Würde sie nicht genau diese modernen Mittel nutzen, um uns zu erreichen, an unsere Ursprünge zu erinnern? So verschmelzen Natur, Technik, ihre Bewahrung und ihre Vermarktung. Man schaut sich um und erkennt die Motive lebenden Subjekt: das entzückte Publikum, das mitten im Grün aus Kissen sitzt, umgeben von schönstem Idyll vor türkisem beschaulichen Hüttchen und dabei auf seine Smartphones blickt, um die Comic-Bilder zu betrachten und denkt sich: Ja, so ist er, der alte Affe Mensch, paradox, sich selbst ein undurchblickbarer Dschungel.

Nachdenken über uns als Naturwesen

Und "So ist die Natur, sie übertreibt." Das meint zumindest der schwedische Autor Harry Martinson. 1974 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet, ist er trotzdem – zumindest hierzulande – fast unbekannt. Umso schöner, dass der Freiburger Übersetzer Jürgen Reuß heute aus seinen Naturessays vorliest. Währende um einen herum die Grillen zirpen, der Wind sanft durch die Blätter weht und einem vor sommerlicher Seligkeit fast das Herz übergeht- um der Natur in den Übertreibungen nicht nachzustehen - lauscht man den Ausführungen über Mistkäfer, Teichrosen und südamerikanische Möbelstücke aus Ochsenschädeln. Wie können wir über Natur schreiben, überlegt der Autor.

Sein Weg: im kleinen Anfang, Analogien finden, hinaus in das große Ganze denken und dann wieder zurückkehren in das Konzentrierte, Wesentliche, Eigentliche. Das ist nie kitschig, sondern vermittelt die Natur bei aller Brutalität als etwas Lustvolles, Sinnliches, dampfend vor Saftigkeit und als Schoß der Geborgenheit. Das Nachdenken über uns als Naturwesen fühlt sich hier genau richtig an. Lässig zurückgelehnt in auf einem Gartenstuhl ist es leicht, die eigene Vergänglichkeit zu akzeptieren. Zu wissen, dass man selbst zu Hummus wird, der all das berauschende Grün nährt und so im ewigen Kreislauf bleibt, hat etwas zutiefst Beruhigendes.
So wie die alte Gerichtslinde aus dem Werk "Der Baum denkt" von Saskia Hennig Lange.

Wir tauchen ein in die Gedankenwelt einer vierhundert Jahre alten Beobachterin, die von ihrem Platz aus am Treiben der Welt teilhat, ohne es jedoch vollständig zu verstehen. Bei den Versuchen, sich dem Leben der Menschen zu nähern, hat ihr vor allem Marie geholfen – erst ein Mädchen, dann eine junge Frau, die sich immer wieder in den Kronen des Baumes versteckt. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Freundschaft, der sanfte Riese ist Rückzugsort, gibt Halt, wenn da draußen alles aus den Fugen gerät. Doch das Zeiterleben ist unterschiedlich, ein kurzes Menschendasein ist nicht zu vergleichen mit der scheinbaren Ewigkeit des Aneinanderreihens von Baumring um Baumring. Während wir beständig altern, in einer mal mehr oder weniger gerade Linie auf das sichere Ende zugehen, erneuert sich die Natur jedes Jahr aufs Neue. Blüht, wächst, stirbt, blüht wieder. Melancholie mischt sich in den poetischen Fluss der Worte. Doch die behutsame Behaglichkeit des Laubengartens fängt einen auf. Man möchte ewig hier im Grün sitzen bleiben und sich von der Schönheit des Moments nie wieder erholen.

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