Kritik

Wie war’s beim… Live-Kinofilm "Früher Immer" im Kommunalen Kino?

Lucia Bramert

Am Donnerstag lief einer der ersten Live-Kinofilme überhaupt im Kommunalen Kino. Das "jetzt. Livekino Kollektiv" hat mit "Früher Immer" das Unmöglich-Scheinende möglich gemacht. fudder-Autorin Lucia Bramert war dabei.

Live-Kino, das bedeutet, dass im gleichen Moment, in dem die Zuschauenden im Kinosaal das Geschehen auf der Leinwand verfolgen, der Film am Set in Hamburg gedreht wird. Alles entsteht unmittelbar während der Vorführung. "Früher Immer" lief gestern im Kommunalen Kino Freiburg und war ein Projekt des "jetzt. Livekino Kollektivs".

Die Location

Bereits 20 Minuten vor Vorstellungsbeginn hat sich eine lange Schlange am Eingang des Kommunalen Kinos im Alten Wiehrebahnhof gebildet. Die Veranstaltung war schon am Vortag online ausverkauft gewesen. Nun versuchen einige, doch noch letzte Plätze für die außergewöhnliche Kinovorstellung zu ergattern. Das Publikum ist jung, viele von ihnen scheinen sich zu kennen und unterhalten sich vorfreudig. Kurz vor Filmbeginn ist jeder Platz in dem kleinen Saal vergeben.

Eine Mitarbeiterin des Kommunalen Kinos, Johanna Löffler, tritt vor die Leinwand. Es habe einen Starkregen in Hamburg, wo der Film gedreht wird, gegeben, die Technik müsse noch geprüft werden. Das Publikum muss sich noch ein paar Minuten gedulden. Direkt bekommen die Zuschauenden einen Eindruck davon, was es bedeutet, einen Film in Echtzeit zu produzieren. Ungeplante Zwischenfälle inklusive.

Ein paar Minuten später steht die Verbindung nach Hamburg. Man sieht das Team letzte Vorbereitungen treffen: Kameras und Tonangeln werden mit Regenschutzhüllen bedeckt, wuselige Techniker laufen in bunten Warnwesten durchs Bild – ein echter Blick hinter die Kulissen. "Handys bitte in den Flugmodus", ruft jemand aus dem Off, dann erklingen dunkle, gezupfte Kontrabasstöne. Es geht los.

Die Geschichte

Drei Freundinnen sind gemeinsam in Hamburg bei Nacht unterwegs. Das Publikum wird mitten ins Geschehen reingeworfen und erfährt erst Stück für Stück, was der Anlass des Treffens ist. Die Drei scheinen sich auseinandergelebt zu haben, immer wieder spürt man Spannungen zwischen ihnen. In Rückblicken erfahren die Zuschauenden, dass es eine vierte Freundin gab, die nicht mehr da ist. Den Verlust haben sie noch immer nicht richtig verarbeitet.

Das Besondere

"Früher Immer" ist anders als alles, was man von Kinofilmen gewohnt ist. Immer wieder wird man daran erinnert, dass man im Kino sitzt und vor allem, dass das gerade live ist, etwa wenn das Bild kurz ruckelt oder eine Tonangel zu sehen ist. Man fiebert richtig mit den Filmschaffenden mit. Nach einer halben Stunde friert das Bild plötzlich ein und für ein paar Minuten ist nur noch ein Kontrabass zu sehen. Am liebsten würde man auf Play drücken oder den Tab neu starten, so wie man das am eigenen Laptop gewohnt ist. Aber das geht hier natürlich nicht. Dann ist wieder Ton da, schließlich auch das Bild. Und da ist sie wieder, die Stimme aus dem Off: "Macht den Take nochmal."

Für den Film wurden mehrere Kameras verwendet. Außergewöhnlich ist daran, dass zwischen den verschiedenen Perspektiven live aus einem mobilen Lastenrad-Regiewagen gewechselt wurde. Bei so einem irrwitzigen Transportgerät kann man es verzeihen, dass zwischendrin mal das USB-Kabel aus der Buchse fliegt.

Das Fazit

Einen Kinofilm im selben Moment zu performen, zu inszenieren, zu schneiden und zu drehen erscheint fast schon unmöglich. Das "jetzt. Livekino Kollektiv" hat bewiesen, dass das geht. Damit das funktioniert, müssen die Abläufe bis ins kleinste Detail abgestimmt und perfektioniert sein. Nachteil: Durch die kleinen Pannen fällt es schwer, völlig ins Geschehen einzutauchen. Vorteil: Vermutlich war noch nie ein Film so nah und greifbar für das Publikum – man fiebert auf eine ganz andere Art und Weise mit. Insgesamt wird für alle Zuschauenden, auch ohne filmisches Technikwissen, deutlich, welch technische Höchstleistung das Team vor Ort geleistet haben muss, um "Früher Immer" möglich zu machen.

Nach dem Abspann gibt es Sekt für alle, das Publikum in Freiburg ist live mit dabei. Zum Abschluss gibt es sogar ein kleines Q & A: Das Freiburger Publikum kann Fragen direkt an den Cast und das Filmteam vor Ort stellen. Ein besonderer Kinobesuch, der nachwirkt.

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