Politik als Videospiel

Wie war’s beim … digitalen Wahlkampf auf dem Münstermarkt?

Maxim Melzer

Über den Münstermarkt schlendern und nebenbei mit Politikern ins Gespräch kommen? Das geht in der Corona-Pandemie nur eingeschränkt, es sei denn, man wählt den digitalen Wahlkampfstand. fudder-Autor Maxim Melzer hat es ausprobiert.

Wahlkampf ohne Maske? Das geht in diesem Jahr leider nur virtuell. Da die großen Wahlkampfstände dieses Jahr so nicht umsetzbar sind, hat Sebastian Müller zusammen mit Marktbeschickern, den Parteien des demokratischen Spektrums und dem Brandenburger Start-Up Mobanisto eine einfache und niederschwellige Möglichkeit zum Austausch mit den Abgeordnetenkandidaten geschaffen. Auf wahlkampfstand.online wurde der Freiburger Münstermarkt in 2D nachgestellt. Man kann sich mit einem Avatar durch die Welt bewegen und per Videochat mit den Parteien in Kontakt treten.

Die Anmeldung

Funktioniert eigentlich ganz einfach. Namen eingeben, Zugriff auf Mikrofon und Kamera erlauben und los geht’s. Die Avatare, die es zur Auswahl gibt, sind mit viel Liebe umgesetzt worden. Wer die Optik der alten Zelda-Spiele mag, der wird sich auch hier schnell zurecht finden: Tatsächlich kommt der Münstermarkt im 2D-Profil der Optik der alten Zelda-Videospiele sehr nahe. Die Parteistände sind nicht zu übersehen. Durch die Andeutungen der umliegenden Gebäude weiß man immer, wo man sich nun auf dem Markt wirklich befände.

Alle großen Parteien mit Ausnahme der AfD sind hier vertreten. Mit Hilfe der Pfeiltasten kann man seinen Avatar schnell über das virtuelle Kopfsteinpflaster bewegen und an die Stände treten. Vor ihnen befindet sich eine rötlich unterlegte Fläche, tritt man auf diese wird man in einen Videochat mit den jeweiligen Vertretern der Parteien geschalten. Links und rechts der Stände gibt es etwas dunklere Steine. Tritt man auf diese, öffnen sich Verlinkungen der Parteien zu ihren Webseiten. Vorm Start findet man nochmals eine genaue Anleitung.

Der Start

Nach dem ersten Überblick fällt direkt auf: Viel scheint hier nicht gerade los zu sein. Am Stand der Linken befinden sich vier Personen, bei den anderen Parteien meist eine, zwei oder auch mal niemand. Mag wohl auch an dem guten Wetter und der zeitlichen Überschneidung mit der Bundesliga liegen.

Als Erstes schalte ich mich bei den Linken dazu. Man wird ganz nett begrüßt und es wird sich kurz vorgestellt. Zwei Schüler des Angell-Gymnasiums sind ebenfalls dabei: Ihr Lehrer habe ihnen das Format vorgestellt, erzählen sie. Pascal Blank, Landtagskandidat der Linken stellt den beiden ein paar Fragen und beantwortet welche zu seinem Werdegang. Die Atmosphäre ist ziemlich locker. Blank meint ihm gefalle das Format: "Die Optik ist sehr cool umgesetzt." Richtig inhaltlich wurde es bis hierhin allerdings nicht. Als sich dann jemand weiteres dazu schaltet, wird diskutiert: Es geht um Inklusion an Schulen. Blank moderiert die Diskussion gut.

Es gibt einen Chat, in dem Links und Hintergrundinformationen ausgetauscht werden können. Dann schalteten sich nochmal zwei neue dazu. Ein Freund von Blank und ein weiterer Bekannter aus Frankreich. Erinnert dann doch entfernt an ein entspanntes Treffen unter Freunden. Generell meint der Linken-Kandidat, es entstünden hier spannende Diskussionen. Zum Thema bedingungsloses Grundeinkommen und zur Agrarpolitik habe er heute auch schon Gespräche geführt.
Weitere Termine Online-Wahlkampf: 6. März und 13. März, jeweils 17 bis 19 Uhr

Ein Werkstudent als CDU-Wahlhelfer

Nach einigen Minuten Zuhören gehts dann weiter. Bei der Partei ist niemand vertreten, also mache ich am CDU-Stand Halt. Der Abgeordnete lässt sich entschuldigen. Ein Werkstudent und Wahlkampfhelfer vertritt ihn. Er sei in die CDU eingetreten, weil sie die bevorstehende Veränderungen für eine möglichst breite Masse am besten gestalten könne, meint er. Der Job als Werkstudent mache ihm Spaß: "Man bekommt mal einen Einblick hinter die Kulissen." Nach einem kurzen netten Austausch will ich dann aber weiter: Die Diskussionen sind spannender.

Bei Grünen und der SPD ist auch nichts los. Also schalte ich mich bei der FDP dazu. Einer der Schüler vom Stand der Linken ist auch wieder da. Ich gerate in eine Diskussion über CO2-Zertifikate. Später dann über Digitalisierung an Schulen. Die Diskussion verläuft sehr sachlich, das Zuhören macht Spaß. Marianne Schäfer, Kandidatin der FDP, moderiert gut, gerade bei der Diskussion um Digitalisierung an Schulen scheint sie auch gut im Thema zu sein. Ihr gefalle das Format. Es ersetze zwar keinen Straßenwahlkampf, biete aber eine gute Alternative. Technisch sei das super umgesetzt worden: "Allerdings waren es dann gerade letzte Woche doch viele vertraute Gesichter der Freiburger Politik." Und einige seien etwas voreingenommen. Pünktlich um 19 Uhr macht sie dann auch Schluss. Sie müsse noch das Lastenrad zurückbringen, dass sie immer zum Transport der Wahlplakate nutze.

Verrückt, die Zeit ist wirklich schnell vergangen. Ich habe mich insgesamt eine Stunde zugeschaltet und bin bei nur zwei Parteien in Diskussionen hängen geblieben. Die waren aber so spannend, dass ich die Zeit für die SPD und die Grünen gar nicht hatte. Ich laufe noch einmal schnell alles ab: Um fünf nach sieben sind tatsächlich schon alle anderen Parteien offline.

Fazit

Die Atmosphäre auf dem virtuellen Markt ist wirklich sehr locker. Das gewollt niederschwellige Angebot wurde gut umgesetzt. Sebastian Müller hatte zur Zielsetzung gesagt: "Wir wollen damit Bürgerinnen und Bürgern eine einfache, niederschwellige und auch aufregende Möglichkeit geben, sich zu informieren. Alle demokratischen Parteien machen mit und auch einige Marktbeschicker, die dann die Waren liefern. Es ist also wie auf einem richtigen Markt."

Das finden auch alle Parteivertreter, mit denen ich gechattet habe: Für sie biete das Tool eine sinnvolle Ergänzung zum Wahlkampf. Die Diskussionen sind spannend zu hören, die Vertreter sehr offen. Man kann sich sehr einfach selber einbringen: Das moderieren die Kandidaten gut. Leider war die Nachfrage vergangenen Samstag nicht besonders groß, sodass viele Themen gar nicht angesprochen wurden. Trotzdem ist das Format, egal ob als aktiver bei den Diskussionen oder als als Zuhörer spannend. Wer zur Wahl noch unentschlossen ist und weiteren Input braucht, wer lieber redet und diskutiert anstatt zu lesen, dem wird dieses Format gefallen.

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