Living Walls

Wie war’s beim … Balkonkino in Freiburg?

Gina Kutkat

Ein paar Balkone plus Bewohner, eine Wand, Beamer und Lautsprecher – mehr braucht es nicht fürs Balkonkino. Das Team der Kinowanderung "Living Walls" bringt in Corona-Zeiten die Filme in deinen Hinterhof – mit Live-Musik. Interessierte können sich noch bewerben.

Der erste Eindruck

Und wo ist jetzt die Leinwand? In einem kleinen Hinterhof im Stühlinger ist ein Zweierteam mit Mundschutz gerade dabei, den Ton zu testen. Ein paar Meter entfernt sitzt der Stummfilmmusiker Günter A. Buchwald an seinem E-Piano. Ein Blick nach oben, einmal um die eigene Achse gedreht: Eine große, weiße Wand auf der einen Seite, etwa 20 bis 30 Balkone schauen direkt drauf, dazu ein paar Dachgeschossfenster und ein rotes Flachdachhaus gegenüber. Ein Filmteam, das auch vor Ort ist und berichtet, hat Popcorn mitgebracht. Kino in Zeiten von Corona.

#balkonkino

Florian Fromm vom Kommunalen Kino und Simon Waldenspuhl vom Studierendenwerk organisieren in Freiburg normalerweise "Living Walls", eine Kinowanderung, bei der Kurzfilme im Freien an verschiedene öffentliche (Haus-)Wände projiziert werden. Weil das auf viel Interesse stößt und regelmäßig ein recht großes Publikum mitschaut, mussten die Organisatoren umdenken. "Weil die Zuschauer gerade nicht zu uns kommen können, kommen wir jetzt zu ihnen", sagt Florian Fromm.

Interessierte, die von ihrer Wohnung oder ihrem Balkon auf eine Fassade oder Wand schauen, können sich beim Living-Walls-Team melden, das dann kostenlos mit dem nötigen Equipment vorbeikommt. "Wir arbeiten maximal im Dreierteam, halten immer Abstand und tragen Mundschutz", sagt Simon Waldenspuhl. Das Balkonkino ist nur für die jeweiligen Hausgemeinschaften gedacht, die Veranstaltungsorte werden nirgends öffentlich kommuniziert. "Wir würden uns auch freuen, wenn wir auf der Rückseite von Seniorenwohnanlagen oder Pflegeheimen einen Film zeigen zu können", sagt Florian Fromm.

Das Publikum

Es lebe die Sitz-, Bein- und Kontaktfreiheit. Während man sich im Kino – egal ob In- oder Outdoor – sonst über den laut raschelnden Sitznachbarn aufregt oder nichts sieht, weil der Dutt der Vorderfrau im Weg ist, genießt man beim Balkonkino freien Blick. Etwa sechs Balkone und deren Bewohner schauen an diesem Mittwochabend im Stühlinger zu, auch hinter einigen beleuchteten Fenstern sind Gesichter zu erkennen. Eine WG aus dem Nachbarhaus hat sich direkt vor die Hausfassade gesetzt – denn der Film wird direkt auf ihre Wohnung projiziert und sie könnten sonst nichts sehen.

Das Gefühl, dass man zwar alleine ist, aber gemeinsam in dieselbe Richtung, beziehungsweise auf die gleiche Projektionsfläche schaut, ist einmalig. Auch der Hauptfilm des Abends schafft Gemeinsamkeit in Corona-Zeiten: Gezeigt wird der Slapstick-Kurzfilm "Neighbours" von Buster Keaton.

Stummfilm und Musik

Selten waren uns unsere Nachbarn so wichtig wie in Zeiten wie diesen. Was passt da besser zu einem Kinoabend als ein Film wie "Neighbours"? Der Komiker, Schauspieler und Regisseur Buster Keaton spielt selbst mit, die Hauptrolle wird allerdings von einem Holzzaun bestritten: Er trennt ein Liebespaar voneinander.

Das Besondere: Der bekannte Freiburger Stummfilmmusiker Günter A. Buchwald begleitet den Kurzfilm aus dem Jahre 1920 live an seinem E-Piano. Dank der Lautsprecher ist das auch auf den obersten Balkonen zu hören.

Das Projekt "Living Walls"

Seit 2015 organisieren Florian Fromm und Simon Waldenspuhl "Living Walls" in Freiburg – und lassen dadurch regelmäßig Wände lebendig werden. Mit ihrem Projekt, das zwischen Frühjahr und Herbst monatlich stattfindet, wollen sie ein junges Publikum fürs Kino begeistern und die Atmosphäre der jeweiligen Orte aufgreifen.

Ausgestattet mit Beamer, Laptop und Boxen zeigen Fromm und Waldenspuhl in einer bestimmten Freiburg-Ecke Kurzfilme auf Wände und Hausfassaden. Living Walls war schon im Stühlinger, im Institutsviertel, in Landwasser, in der Innenstadt und an einigen untypischen Off-Locations. Mitmachen kann jeder, Treffpunkt und Uhrzeit werden in der jeweiligen Facebook-Veranstaltung bekannt gegeben – wenn nicht gerade Corona ist.

Mitmachen

Wer über einen Innenhof, eine Wand oder eine geeignete Projektionsfläche verfügt, kann beim Kommunalen Kino anfragen, ob das Balkonkino auch zu ihm oder ihr nach Hause kommt. Die Aktion ist für alle Beteiligten kostenlos. Je mehr Nachbarinnen und Nachbarn mitschauen können, desto besser. Dabei ist egal, ob durch das Fenster, vom Balkon oder Innenhof geschaut wird – wichtig ist, dass die nötigen Maßnahmen eingehalten werden.

Das Living-Walls-Team arbeitet höchstens zu dritt – stets mit Mundschutz ausgestattet – und kümmert sich um Beamer, Ton und die Genehmigung der Hauseigentümer. Zur Auswahl stehen diverse Kurzfilme oder Stummfilme mit Live-Klavierbegleitung durch Günter A. Buchwald. Es ist auch möglich, die Musik mit Funkkopfhörern zu übertragen. Wer interessiert ist, schreibt eine Mail an florian.fromm@koki-freiburg.de

Was in Erinnerung bleibt

Das dankbare Balkonklatschen fürs Orga-Team, das das Kino in den Stühlinger gebracht hat.

Pauschalurteil

Auf dem eigenen Balkon sitzen, Filme gucken – und man muss fast nichts dafür tun? Das Balkonkino ist eine schöne Gelegenheit, gemeinsam mit seinen Nachbarn in diesen isolierten Zeiten etwas zu erleben.

Was: Living Walls #balkonkino

Wann: Termin nach Absprache
Wo: Auf deinem Balkon, in deinem Hinterhof

Eintritt: Für alle Anwohner*innen frei, Leute von draußen können nicht teilnehmen

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