Hör-Inszenierung

Wie war’s beim … Audiowalk "Seit ich allein bin ist die Stille so laut"?

Jennifer Fuchs

Die Freiburger Innenstadt mit anderen Ohren hören. Dies war während des Audiowalks "Seit ich allein bin, ist die Stille so laut" möglich. Zwischen Klängen, Kompositionen und Dialogen zum Thema Stille und Lockdown wartete die eine oder andere Überraschung.

Der Start beginnt mit einer interessanten Frage

Pünktlich um 19.30 Uhr werde ich von der jungen Regisseurin Malin Lamparter am vereinbarten Treffpunkt in Empfang genommen. Natürlich habe ich mir vorher die Sounddatei für den Audiowalk auf meinem Handy heruntergeladen. Gespannt warte ich auf die Anweisungen von Malin. Sie drückt mir eine kleine Streichholzschachtel in die Hand, die ich an einer bestimmten Station des Audiowalkes benutzen soll, beziehungsweise darf.

Doch bevor ich meine Kopfhörer ins Ohr stecke und es los geht, muss ich Malin noch eine Frage beantworten: Welche gute Gewohnheit habe ich während des Lockdowns für mich entdeckt und möchte sie auch nach dieser Zeit beibehalten? Kurz muss ich innehalten. Nach wenigen Minuten Bedenkzeit kommt meine Antwort: Die coronabedingte Entschleunigung. Sie schenkte mir wieder mehr Zeit mit mir selbst. Nachdem sich Malin die Antwort notiert hat, kann es losgehen. Ich setze meine Kopfhörer auf und drücke auf Play.

Die ersten Minuten

Der Audiowalk beginnt. Ich erkenne sofort Malins Stimme wieder, die mich freundlich begrüßt und danach bittet, nach links zu laufen. Was mich zuerst etwas verwirrt ist, dass ich die Schritte von Malin und Nikita direkt neben mir höre, sowie die Klangumgebung, die zu diesem Zeitpunkt aufgenommen wurde. Es fühlt sich allerdings etwas befremdlich an, weil die Geräuschwelt nicht zu dem passt, was ich visuell wahrnehme. Die ersten Minuten ertappe ich mich selbst immer wieder dabei, wie ich mich umdrehe. Die anderen Schritte verwirren mich, aber dann gewöhne ich mich schnell an meine "unsichtbaren" Begleiter.
Den Audiowalk "Seit ich allein bin, ist die Stimme so laut" haben Malin Lamparter, 27, Regisseurin und Nikita Gorbunov, 36, Autor und Tonkünstler zusammen erarbeitet. Er führt die Hörerinnen und Hörer durch eine Hör-Inszenierung einer leeren Stadt im Shutdown und zelebriert Momente der Stille. Wer mitmachen will, braucht Handy und Kopfhörer und die Datei, die es bald als Download auf der Homepage geben wird.

Mehr Infos: stille.ausdrucksreich.de

Die erste Station

Bei einer kleinen Brücke bittet Malin mich, kurz stehen zu bleiben. Sie erzählt mir interessante Informationen über Klangwahrnehmung in Bezug auf Stille und was ein schalltoter Raum bei uns bewirkt. Danach geht unser akustischer Spaziergang weiter. Ich lausche der Unterhaltung von Malin und Nikita. Lustig finde ich, dass sie plötzlich über ein rotes Haus mit Graffitis reden und ich in Echtzeit tatsächlich an diesem Haus vorbeilaufe. Das hat natürlich auch den Vorteil, dass ich für mich weiß, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde.

Meinungen zum Lockdown

Plötzlich verstummen Malin und Nikita und ich höre eine Klangcollage von verschiedenen jungen Menschen, die erzählen, wie sie den Lockdown wahrgenommen und erlebt haben. Gespannt höre ich zu, bis ich mich bei der zweiten Station befinde, gekennzeichnet mit einem "Stille"-Aufkleber. Es ist ein Kellerschacht mit Wunderkerzen. Einige davon sind schon abgebrannt. Durch den gesprochenen Text verstehe ich schnell, dass ich nun mein Streichholz benutzen darf. Wieder höre ich spannende Informationen zur Stille.

Danach geht der Audiowalk weiter Richtung Innenstadt. Die Gespräche von Malin und Nikita begleiten und leiten mich dabei.

Ein Hörspiel über Verschwörungstheorie

In der kleinen Gasse Gerberau Richtung Augustinerplatz kommt es plötzlich zu einem kleinen Hörspiel. Es geht um ein Paar, das sich über eine Coronaverschwörungstheorie unterhält. Für mich fühlt es sich etwas verrückt an, denn ich bin akustisch live dabei, höre die Schritte und Stimmen von links nach rechts, aber sehe niemanden. Nun kommen auch Malin und Nikita ins Spiel, die plötzlich von dem Paar wegrennen müssen und mir Anweisungen geben, um die Ecke zu gehen. Dort befindet sich einen Sitzgelegenheit, auf der ich mich erstmal ausruhen darf. Aber auch dort befindet sich natürlich eine klangliche Überraschung.

Ein kleines Opernkonzert

Malin fragt mich, ob ich schon den Gesang wahrnehme und tatsächlich höre ich eine Opernsängerin. Entspannt lausche ich einige Minuten der Musik, aber bin gleichzeitig schon neugierig, was wohl als Nächstes kommt. Nachdem das Lied zu Ende ist, geht es direkt mit dem Audiowalk weiter und "wir" spazieren durch die kleinen Gassen rund um den Augustinerplatz.

Einmal tanzen bitte

Kurz vor der kleinen Brücke beim Biergarten Feierling beginnt das nächste kurze Hörspiel. Es geht um das Feiern während der Coronazeit und die Unterhaltung mit einem Türsteher. Wenn ich meine Augen schließe, könnte ich direkt vor einem Club stehen. Die laute elektronische Musik dringt in meine Ohren und die Gespräche kommen von links und von rechts, als wäre alles echt. Verrückt. Dann öffne ich meine Augen und sehe Touristen und Passanten gemütlich durch die Freiburger Altstadt schlendern, doch ich befinde mich in einer ganz anderen Klangwelt.

Ein Klangspaziergang

Weiter geht’s! Ich schlendere mit Malin und Nikita auf meinen Ohren über den Augustinerplatz. Die Gespräche der beiden sind inzwischen sehr persönlich und es fühlt sich an, als würde ich mit Freunden einen Spaziergang durch die Innenstadt unternehmen. Aber auch hier kommen Klangcollagen zum Einsatz und auch die Opernsängerin höre ich erneut, dieses mal singt sie das Lied "Ave Maria", allerdings mit einem neuen Text, wo es um den Umgang mit den Covid19-Masken geht.

Kurz vor der Brücke zum Stadtgarten werde ich gebeten, auf der Sitzbank bei der Telefonzelle Platz zu nehmen. Wieder startet eine Art Hörspiel. Ein Polizist berichtet von Krawallen, ich höre die Stimmen von einer großen demonstrierenden Menge und bin akustisch Mitten im Geschehen. Malin – beziehungsweise ihre Stimme auf meinen Ohren – wird das jetzt zu ungemütlich, daher geht es schnell weiter über die Brücke am Stadtgarten. Dort wartet die letzte Station des Audiowalks auf mich. Nikita sitzt nun in "echt" auf der Wiese, vor ihm eine alte Schreibmaschine.

Ein Ende mit Überraschung

Noch etwas verträumt setze ich die Kopfhörer ab und komme in der realen Klangwelt an. Als Erinnerung bekomme ich von Nikita eine Karte mit folgendem Text: " Corona-Propädeutikum: Geniesse die Entschleunigung, denn Shutdown heisst auch wesentlich (und endlich?) wieder Zeit für sich".

Fazit

Der Audiowalk war auf jeden Fall eine sehr spannende Erfahrung. Man hört die Stimmen und Schritte sehr real, sieht aber die Personen nicht. Dies fühlt sich am Anfang etwas befremdlich an, aber innerhalb von wenigen Minuten hat man sich daran gewöhnt.
Und wann hat man schonmal die Möglichkeit, seine Stadt mit "fremden" Ohren zu hören?! Besonders cool fand ich die verschiedenen Stationen und Klangeindrücke. Auch die Karte am Schluss fand ich eine schöne Idee, da sie die Frage vom Anfang wieder aufgreift.

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