Kultur

Wie war’s bei… "Wonderland Ave" von Sibylle Berg im Wallgraben Theater?

Annika Vogelbacher

Unbehaglich ist die Vorstellung, die in Sibylle Bergs "Wonderland Ave" umgesetzt wird: Die Menschheit wird von KI ersetzt – und in Aufbewahrungslagern abgestellt. Unbehaglich fühlte man sich auch bei der Vorstellung im Wallgraben Theater.

Der erste Eindruck

Eine Computerstimme namens Sylvia ertönt einige Minuten vor der Aufführung aus Lautsprechern. Sie fordert das größtenteils ältere Publikum freundlich, aber bestimmt dazu auf, ihre Plätze einzunehmen, private Gespräche einzustellen und keine mobilen Endgeräte zu benutzen. "Hopp, Hopp!" Anständig tun alle, was ihnen befohlen wird. In dem kleinen Wallgraben-Theater sitzt neben den Bänken für die Zuschauerinnen und Zuschauer eine Puppe, deren Gesicht zur Bühne gewandt ist. Ein militärgrüner Schlafsack wälzt sich auf der Bühne. Eine skurrile, irgendwie lustige und gleichzeitig unbehagliche Stimmung breitet sich aus – und bleibt während des kompletten Stücks.

Das Bühnenbild

Alles, was ein Mensch sich wünscht, und doch nichts: Kunstrasen, hier und da ein paar Kunstblumen, ein leerer Bilderrahmen, durch den Raum verteilte Kuscheltiere und ein Baum, der später von den Robotern frisch gestrichen wird. Ein Traktorreifen hängt von der Decke und dient als Sportgerät für die von der Vergangenheit gelangweilten Roboter und den Menschen. In der Mitte der Bühne stellt ein Abluftschacht den Raum dar, den der Mensch mag: belüftet und mit abgerundeten Ecken. An der Wand steht in leuchtenden Buchstaben, die man aus hippen Cafés kennt: "Wonderland Avenue".

Performance

Die drei Roboter, gespielt von Yvonne Forster, Katharina Rauenbusch und Christian Theil eröffnen das Stück mit dem Lied "Löffelchen voll Zucker": Sie sind die Mary Poppins, die die Welt vor der überforderten und sich selbst zu Grunde richtenden Menschheit beschützen. Die Menschen werden nun in Aufbewahrungslagern von der KI mit Gesang und Aufforderungen zum Tagesablauf bespaßt. Dieser beinhaltet Urinprobe abgeben, Hormonfrühstück einnehmen, Dusche, Sport und Ballspielzeit. Denn der Mensch, gespielt von Regine Effinger, soll sich fitmachen für einen sinnstiftenden Wettbewerb, dessen Gewinn der perfekte Zustand ist. Effinger versucht sich immer wieder den Robotern zu widersetzen und zeichnet die Vergangenheit nach, die unsere Gegenwart ist: Bitcoins, Google, Kapitalismus, steigende Mietpreise, Überwachung und wenn gerade mal Ruhe ist, bricht irgendwo eine Epidemie aus.

Fazit

Lust auf Fortpflanzung macht "Wonderland Ave." nicht: Aus diesem Stück geht man mit der Gewissheit, einer Spezies anzugehören, die am besten darin ist, alles erreichen zu wollen und damit alles zu vernichten. Doch dank Sibylle Bergs Humor und der Schauspielleistung unter der Regie Ragna Guderians verlässt man das Theater mit dem Gefühl des ersten Eindrucks: belustigt und unbehaglich zugleich.