Wie war's bei Samy Deluxe und Irie Révoltés?

Marius Notter & Miroslav Dakov

Punkrock trifft Oldschool-Hiphop: Beim Rap-Abend auf dem ZMF begeisterten Samy Deluxe und Irie Révoltés die Fans mit ihren Klassikern. Warum Samy keine Zugabe spielen durfte und Irie Trap-Musik spielte:



Der erste Eindruck

Das Zirkuszelt wird seinem Namen gerecht: Auf der Bühne rennen und springen vier Leute in rot-weißem Scheinwerferlicht von rechts nach links. Zwei der Musiker haben ein Mikro in der Hand, während die anderen beiden Saxofon und Trompete spielen: Das sind Irie Révoltés. Und das ist ihre Show.

Samy Deluxe ist da schon etwas ruhiger: Lockeren Schrittes betritt er die Bühne in schwarzer Kniebundhose, mit fetter Gürtelschnalle und knallroten Socken, die er bis zu den Knien hochgezogen hat. Seine füllige Haarpracht hat er unter einer grünen Wollmütze versteckt. Außer ihm auf der Bühne: neun Musiker, die diesen Abend in ein Rockkonzert verwandeln werden.

Die Setlist

Bei einer Show von Irie Révoltés brennt nicht nur die Bühne, sondern auch das Publikum. Das liegt natürlich zum einen an ihrem Sound, der eine Mischung aus Rock, Punk, Ska, Dancehall und Reagge ist. Zum anderen ist das eine Band, die sich über die vergangenen 14 Jahren in über 400 Live-Shows zu einer Live-Band herausgespielt hat, deren Show sich zwar nicht grundlegend ändert, aber trotzdem jedes Mal die Menge zum wilden Tanz bewegt.

Sie beginnen ihre Show mit "Travailler" und im Laufe der eineinhalb Stunden Spielzeit kommt da ein Irie-Klassiker nach dem anderen: Genau das scheinen die Fans zu wollen. Egal ob beim Reagge-Song "Soleil", dem Sommer-Rock-Sound "Il est là", dem punkigen "Antifaschist" oder dem Ska-Track "Explosion", das Publikum springt, tanzt und wirft die Arme nach oben. Das Publikum tobt und schwitzt  - von der ersten bis zur letzten Minute

Nachdem Irie Revoltes dieses Zelt so heiß gespielt haben, dass selbst die Samy-Deluxe-Fans aus der letzten Reihe schon schweißgebadet sind, gibt es eine halbe Stunde Pause.

Dann steht Samy Deluxe auf der Bühne und rappt kräftig und laut ins Mikro: "Habt ihr mich vermisst?" Das Publikum grölt. Lückenlos kommen die Songs seines neuen Albums "Männlich". So ganz textsicher scheint das Publikum da nicht zu sein. Das ändert sich aber grundlegend, als Samy die Menge fragt: "Wollt ihr was aus meinem Poesiealbum hören?" Mit dem Track "Poesiealbum" des Vorgänger-Albums "Schwarz Weiß" ändern Rapper und Band die Richtung von Aktuell zu Oldschool. Weniger Band, mehr Beat. Weniger springen, mehr Arme zum Takt hoch und runter bewegen.

Ein Samy-Klassiker folgt dem anderen: "Grüne Brille", "Wickeda", "Pures Gift" und dann "Füchse", das der Rapper 1999 mit den “Absoluten Beginnern” zusammen aufgenommen hat.

Das Publikum scheint das nicht erwartet zu haben - und flippt aus. Keiner steht mehr ruhig und der Text sitzt. Seinen größten Erfolg "Weck mich auf" performt der Rapper ganz zum Schluss. Bis dahin spielt die Band und rappt der Frontmann lücken- und fehlerlos.

Die Musik

Bei beiden Bands wird getanzt, gesprungen und zum Teil gepogt - letzteres überwiegend bei Irie Révoltés. Die Band liefert eine kraftgeladene Show ab. Selbst der Keyboarder steht, wenn der Song es zulässt, vorne am Bühnenrand und rastet aus. Die Sänger/Rapper sind nach den ersten drei Tracks komplett durchgeschwitzt aber treffen, wie der Rest der Band auch, jeden Ton. Die Musik kommt leicht daher und entfaltet sich im Zelt zu einer Mischung aus jugendlichem Trotz, agressionsgealdenem Punk-Rock, und Kritik an der Gesellschaft zu Off-Beat-Ska. Auf eine freundliche Art und Weise -  das reißt das Publikum mit.

Wer gedacht hat, dass mit Samy Deluxe ein musikalischer Bruch kommt, der liegt falsch, denn die “DLX-Band” hat solch eine Wucht, dass von der ersten Minute klar ist: Das wird kein Oldschool-Konzert, das wird ein Rap-Rock-Konzert. Die Tracks des aktuellen Albums "Männlich", die auf der Platte etwas langsamer oder ruhiger sind, spielt die Band schneller. Sie sind live dynamisch und treibend. Für Samy Deluxe ist das kein Problem: Er ist zu 100 Prozent textsicher und rappt so unglaublich schnell, da wird es schwer mitzurappen oder mitzusingen.

Nach den ersten vier Songs steht fest: das ist kein pures Hiphop-Konzert, das ist eine Rockshow mit einem Rapper der nur Double-Time rappt, und das mit Ruhe und Gelassenheit. Sehr beeindruckend. Das Publikum jubelt immer wieder, wenn Samy einen kurzen Freestyle-Rap über Freiburg in seine Texte einbaut. Das geschieht hauptsächlich in dem Teil seiner Show, in dem Schlagzeuger, Perkussionist, Keyboarder, Bassist und Gitarrist nicht mehr auf der Bühne stehen, sondern nur der Rapper, ein Backup-Rapper, einer Backroundsängerin und der DJ.

Dass die Oldschool-Tracks auch in Oldschool-Formation gespielt werden schafft eine besondere Atmosphäre. Es teilt den Abend ein wenig, räumt Platz für Tempo und harte Gitarren, und macht alle Basecap-Hiphop-Fans glücklich. Den Abschluss der Show macht der unverwüstliche Song "Killing in the Name of" von "Rage Against The Machine", bei dem Samy Deluxe seine Band vorstellt. Das ist mehr als symbolisch für diesen Konzert-Abend: Samy Deluxe als Ruhepol, aber keinesfalls selbstgefällig, in Mitten einer Band, die energisch, mit Bewegung und Spaß auf der Bühne performt.

Satz des Abends

"Probs an die Leute die hier sind, aber auch Probs an die Leute die draußen auf dem Hang sitzen und nichts sehen, sondern nur hören können!”. So begrüßt Samy Deluxe Freiburg.



Was in Erinnerung bleibt

Das Amerikanische Musikphänomen “Trap” trifft in Deutschland nur verhalten auf Begeisterung. Irie Revoltes covern den berühmtesten Track des ebenfalls bekanntesten Trap-Vertreters, “Major Lazer - Watch out for this (Bumaye)". Das ganze Zelt reisst die Arme hoch und springt auf Trap-Musik von rechts nach links.

Samy Deluxe und der Percussionist stehen während der Songs plötzlich alleine auf der Bühne, lediglich zwei Scheinwerfer bestrahlen sie. Auf einem tiefen Tom Tom spielt der Percussionist wilde Patterns und Samy rappt so schnell dass keiner im Publikum ein Wort versteht und die Bühne blitzt im Stroboskop - ein wahres Wortgewitter.

Der Aha!-Moment

Als Irie Révoltés das Publikum auffordern die Feuerzeuge zu heben scheint es, als, gäbe es mehr Feuerzeuge als Gäste im Zelt.

Samy Deluxe darf keine Zugabe spielen, obwohl das Publikum auch fünf Minuten nach Show-Ende noch jubelt.  Ein Anwohner am Seepark fühlt sich gestört. Schade.

Fazit

Irie Révoltés ist eine super Liveband, die ein Publikum verschiedenster Altersklassen anzieht und das nicht enttäuscht. Wer Irie Revoltes live erlebt, wird mitgerissen von der Freude und der Power, die diese Band mit ihrer Performance und ihrer Musik ausstrahlt. Egal ob Sido, Materia, Casper oder eben auch Samy Deluxe - sie haben alle eins gemeinsam: Sie sind Rapper, die mit Band auftreten. Das enttäuscht sicher hin und wieder den eingefleischten HipHop-Nostalgiker, aber erfreut denjenigen, der eine bewegunsgeladene, abwechslungsreiche Show will.

Samy Deluxe ist ein Paradebeispiel für einen Rapper, der weder auf seinem Erfolg, noch auf seiner früheren Musik hängen geblieben ist. Er hat sich weiter entwickelt und begeistert auf der Bühne durch Technik und Perfektion. Diese Eigenschaften nutzt er, um in reibungslosem Einklang mit seiner Band eine Performance abzulegen, die sicher auch die Irie-Révoltés-Fans begeistert hat.

Auch Samy Deluxe wird alt, er scheut sich allerdings nicht davor und macht Musik, weil es ihm Freude bereitet - das spürt man in seiner Liveshow deutlich. Frei nach dem Motto: “You want my old shit - buy my old album".

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Foto-Galerie: Miroslav Dakov

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