Kultur

Wie war’s bei Hölderlins Echokammer im Literaturhaus Freiburg?

Martha Martin-Humpert

Das Literaturhaus Freiburg lud am Freitag in Hölderlins Echokammer ein, bei der vier Dichterinnen zeitgenössische Positionen zum Werk des großen Lyrikers beziehen. Hochkultur vom Feinsten, findet fudder-Autorin Martha Martin-Humpert.

Die Atmosphäre

Im Literaturhaus geht man auf die Krisenzeiten, auch wenn sich diese nach Monaten des Umstellen, Einstellens und Gewöhnens nicht mehr so sehr danach anfühlen, entspannt ein. Von der Eingangstheke wird man freundlich an seinen Platz geführt, vorbei an dem – wie es eben in der Hochkultur immer so ist – eher älterem und gut situiert wirkendem Publikum. Die Stühle stehen mit dem entsprechenden Abstand einzeln im Raum, neben jedem ein eleganter, faltbarer Beistelltisch aus Filz. Das Arrangement auf der dunklen Bühne strahlt die ernsthafte Erhabenheit des hochgeistigen Diskurses aus und macht auf den ersten Blick klar: Lyrik, das ist kein lächerliches Lispeln des Banalen, sondern die knallharte Annäherung an das Essenzielle dieser wortgewaltigen Welt. In Anbetracht des eigenen Schreibens kann einen hier nur demütiges und wohliges Erschauern ob dieser intellektuellen Überlegenheit der Dichtkunst gegenüber allen anderen Textarten überkommen.

Die Lyrikerinnen

Ihren großen Teil dazu leisten auch die vier Dichterinnen, die den Abend bestreiten. Die meisten ganz in schwarz gehüllt und mit einer sprühenden und feinfühligen Eloquenz, wie man ihr nur selten im Alltag begegnet, berichten sie im Einzelgespräch mit Dagmara Kraus, die die Doppelrolle von Dichterin und Moderatorin einnimmt, von ihren Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit Hölderlins Texten, die sie in den letzten Monaten geleistet haben.

Den Anfang macht Daniela Seel, die neben ihrem Dichten auch mit ihrem Verlag Kookbooks Übersetzungen und Literaturvermittlungen in der Literaturlandschaft umtriebig ist. Der Versuch, sich Hölderlin positiv zu nähern, sei ihr nicht ganz gelungen, weil sie das Vaterländische und Nationale abgestoßen habe, dass es ihr schwer fiel dran zu bleiben, weswegen sie ihre Antwort auch "Keine Hölderlinlandschaften" genannt habe. Einen Vergleich zwischen ihren Texten in "Was weißt du schon von Prärie" und den sehnsuchtsversunkenen Griechenlandbetrachtungen sieht sie nur bedingt, wenn dann könne man die "Baumlosigkeit" heranziehen, doch ihr sei es in ihrem eigenen Werk um die Eroberungszüge aus dem europäischen Raum gegangen, nicht um eine Verklärung der Ortlosigkeiten.

Uljana Wolf, die für ihren Band "Falsche Freunde" mehrfach ausgezeichnet wurde, besticht durch einen charmanten und subtilen Witz, der sich auch in ihrer Herangehensweise an das Mehrsprachige beim großen Dichter bemerkbar macht. So sinniert sie über zufällige Wortneuschöpfungen, Bastarde verschiedener Sprachen, wie ihre titelgebenden Flistbustiers, bei denen sie Piraten in schönen Bustiers vorstellt. Es fallen Begriffe wie "ethymologischer Gossip", die selbst den poetischen Funken in sich tragen, den sie in der "Anverwandlung mit dem Werke Hölderlins" gespürt hat.

Die Dichterin und Übersetzerin Orszolya Kalász beobachtet Hölderlin aus einer deutsch-ungarischen Perspektive und erinnert sich, dass in ihrem Geburtsland Ungarn eine wirkliche Hölderlin Verehrung stattgefunden habe, wo er als das dichterische Faszinosum schlechthin gelte. Bei ihr jedoch habe das dazu geführt, dass sie stets mit dem Gefühl zu kämpfen hatte, diesem hehren Begriff der Welterklärung und Sprache niemals gerecht werden zu können. Und doch habe ihre Konfrontation mit seinem Werk gerade in der Quarantäne im 8. Stock eines Hochhauses in diesem von Viktor Orbán immer autoritärer regierten Land dazu geführt, dass sie ihn nun vollständig anders lese: das Vaterländische und Nationale zwar als eine Liebe der Heimat, aber als eine, an der man auch verzweifeln könne. Manchmal sei es eben wie in dem Film von 1985, wo Hölderlins Geliebte ihm sage, er dürfe sich der Wirklichkeit doch nicht aussetzen, wenn er sie so schlecht vertrüge.

Klang

Reines Zuhören wird an diesem Abend zu einem rauschhaften Lauschen. Die Zwiegespräche zwischen den dichtenden Damen sind schon für sich ein intellektueller Genuss, mit wie viel fein ausgewogenem Wortsinn hier das vorgelegte Werk abgetastet wird. Doch besonders die Gedichte entfalten in ihrem Vorlesen eine angenehm akustische Schönheit, behutsam wird man in einen warmen Wortfluss gelegt und treibt entlang der gleichmäßigen Strömung der Silben, Laute, Atemzüge und Auslassungen zum inneren Ufer der entrückten Einkehr. Eine Wiedergabe des Inhaltes daher kaum machbar, das Erleben ist wichtiger. Vor allem in der abschließenden Wortmusik Wiedergabe von Dagmara Kraus, bei der sich durch verschiedene Maschinen gejagte Textfragmente zu einem minimalistischen Klangteppich aus Fetzen und Phrasen verdichten. Herrlich, Trance im Text, Text in Trance. Das tatsächliche Verstehen verliert seine Wichtigkeit, es tritt zurück hinter das Fallenlassen in die Tiefen der Sprache mit ihren tausenden von Schichten, Spielarten, Wendungen und Wirrungen.

Abschluss

Nach 90 Minuten folgt dann ein abruptes Auftauchen aus diesem meditativen Zustand, es ist Zeit zum Lüften. Glücklicherweise zeigt sich die Belegschaft des Literaturhauses als hervorragende Gastgeberschaft und ermöglicht in Kleingruppen noch angeregte Gespräche bei wirklich fantastischen Häppchen. Der Mund ist voll, der Geist ist leer, darin hallt nur noch das wohltuende Echo des erfüllenden Abends.

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