Nachtleben

Wie war’s bei... der Soundcity Freiburg 2020?

Martha Martin-Humpert

Das Festival, das eigentlich auf 21 Tanzflächen stattfinden sollte, hat sich den Umständen angepasst und diesen Samstag trotzdem einiges an Programm geboten. Einblicke in fünf Dekaden Freiburger Nachtleben:

Stream

High Noon an den Turntables: um 12 Uhr startet die Soundcity mit ihrer ersten Veranstaltung. Wer sich gerade erst aus den Bettlaken geschält hat, kann sich im Bademantel bei einer entspannten Tasse Kaffee den grauen Herbsttag mit Life-Beats versüßen. Gehostet von Signal 403_, kuratiert von Klingberg und Shaddy und möglich gemacht durch das Streaming erfahrene Format "united we stream upperhine", spielen sich die 10 DJanes und Djs jeweils eine Stunde lang durch die Historie der Clubmusik.

Die Good Vibes aus der Decker Garage bieten besten Hintergrund-Sound, um sich tänzelnd durch die Wohnung zu bewegen und sich den Plan zurecht zu legen, wo es einen heute noch hintreiben soll. Zur Plattenbörse? Zur Führung? Zum Konzert? Ah, so viel kulturelle Wahlfreiheit hat man nicht oft. Mittlerweile schiebt Shaddy smoothen Sound in die Wohnzimmer während man sich die Schuhe bindet fällt die Entscheidung: Ausstellung und Soundperformance sollen es werden.
Thorsten Leucht über das Nachtleben: "Es ist eine existenzbedrohende Situation"

Untergrund

In der Karlsruherstraße 52 tauch man ab in 40 Jahre Freiburger Nachtleben. Die Kellerräume – schön edgy ein bisschen außerhalb am Rande des Industriegebiet Nord - werden momentan vom Kulturamt zur Zwischennutzung für verschiedene Projekte eingesetzt. Beim Eintreten empfangen einen, nach Corona-Registrierung und pipapo, buntes Scheinwerferlicht, leichter Nebel und Wummern aus den hinteren Winkeln. Der Körper reagiert mit der Ausschüttung von Glückshormonen, die Erinnerung an ewig zurückliegende Partynächte sind in jeder einzelnen Zelle gespeichert und wollen wieder zum Vibrieren gebracht werden. Aber nein, nein, nein, das geht natürlich nicht. Als Zwischenstation bis es wieder losgeht, ist die Ausstellung kleines Konservatorium des Ekstase aber ein sinnstiftender Ersatz und wirkt wie ein Versprechen, dass auch wieder weniger entbehrungsreiche Zeiten kommen werden.

Geschichte(n)

Auf drei Räume aufgeteilt finden sich Fakten, Artefakte und Fotografien, die einen Querschnitt zu den verschiedenen Jahrzehnten der Freiburger Clubkultur geben. 80 Prozent der ausgestellten Dinge stammen aus dem persönlichen Fundus von Subculture Gründer Thorsten Leucht, der sich schon immer aktiv für das Freiburger Nachtleben eingesetzt hat und über die Jahre hinweg einiges an Material und Erinnerungsstücken zusammensammeln konnte.

Besonders die Chronik im ersten Raum fasziniert: Mit Hilfe des Archivs Sozialer Bewegungen e.V. wurde eine Zeitleiste der vergangenen Dekaden erstellt, die Neueröffnungen, Schließungen und soziale wie gesellschaftliche Faktoren, die das Ausgehverhalten beeinflussen oder Epochenumbrüche markieren, zusammenfügt. Wer hätte gewusst, dass die erste Diskothek, die Scotchman Bar, bereits 1969 auf der Kaiser-Josephstraße eröffnet hat? Oder dass die 2014 geschlossene Parabel die am längsten bestehende war? Dass die Zahl der Tanzflächen sich in den letzten zehn Jahren um 11 (!!!) auf 19 verringert hat, obwohl Einwohner- und Studentenzahl gewachsen sind? Ob dieses Kommens und Gehens kann einen Wehmut ergreifen. Oder Energie, Stadtpolitik vielleicht auch wieder anders zu denken. Denn, auch viele das nicht wahr und lieber ihre Ruhe haben wollen: auch die Druffis, das Dröhnen und das Druckablassen gehören zu einer lebendigen Stadt dazu.

Nachtaufnahme

Und wieso? Ganz einfach: Wenn wir feiern, werden wir alle Eins. Die großflächigen Fotografien an den unverputzten Wänden stammen zwar aus einem circa 5000 Bilder umfassenden Archiv Thorsten Leuchts, könnten aber auch aus London, New York oder Bogota stammen, die Nacht ist universell und lässt Grenzen zwischen Menschen, Wahrnehmung und Wirklichkeit verschwimmen. Im Blitzlicht zeigen sich glasige Augen, schrille Outfits, ein verschobenes Lächeln. Mit Schweiß auf der Stirn und Drink in der Hand tanzt der Mensch so die Utopie von allumfassender Einheit.

Wir lassen los und lösen uns auf im Moment. Das Übermaß an Glück kostet zwar den Kater am nächsten Morgen, aber gerade auf der jetzigen Durststrecke wäre man nur allzu bereit, diesen Preis mit jeder Menge Sprit zu zahlen. Bis es wieder soweit ist, genügt eine optische Erkundung der Ekstase, die schon immer auf Flyern und anderen Drucksachen beworben wurde. Je nach Epoche mal mehr oder weniger bunt bieten sie ästhetische Einblicke und Ankerpunkte an vergangene Ereignisse der Freiburger Nächte und rufen Erinnerungen wach: "Den Sticker haben wir auch in der alten WG gehabt! >Dont’t forget to go home.< … Achja, those were the days."

Sound of Zerstörung

Um nach all den optischen Anreizen nicht ganz ohne Ohrensausen nach Hause zu gehen, ist die Soundperformance von Sascha Brosamer und Chi Him Chik genau das Richtige. Nach einem einleitenden Film der Vinyl Factory, bei dem man sympathisch verschrobenen Soundästheten zuschauen kann, wie sie der Zerstückelung von Geräuschen, Schallplatten und der bisherigen Vorstellung dessen, was Musik ist, ihre eigene freie Darstellungsform in der "Physicality of Sound" finden, geht es über zu den Soundperformances. Nicht umsonst geht hier eine Warnung von epileptischen Anfällen durch das Video voraus. This shit is fucking intense….

Der zuerst auftretende Soundperformer ist mit seinen zwitschernd-zischenden Beats und Soundteppichen dabei nur eine sanfte Vorbereitung auf das, was einen nach der Pause erwartet: eine komplette Auflösung des Seins in der körperlosen Erfahrung von Klang. Wie bei einer Geburt beginnt es mit einem plötzlichen Schrei, den der aus Honkong angereiste Performer in ein Megaphon brüllt. Von nun an penetrieren die zwei Künstler das Publikum bis in die letzte Pore mit der bewussten Kakophonie, es rauscht, wabert, schnurrt, schrillt, zischt, zittert und drangsaliert das Bewusstsein in immenser Lautstärke.

Auf den Plattentellern wird mit virtuosem Vandalismus gescratcht und alles auseinandergenommen, was man bisher über Geräusch zu wissen glaubte. Immer wieder mischen sich kleine Erinnerungen an Beats, Naturgeräusche oder sogar Chaplins Rede aus "Der große Diktator" darunter, verschwinden jedoch wieder im großen Strom des kontinuierlichen Krawalls. Auf der Projektion zieht eine verfremdete Darstellung einer kreisenden Vinylplatte einen optisch immer wieder wie ein schwarzes Loch in die fremden Dimensionen, aus denen diese ätherischen Störsignale des Kosmos zu kommen scheinen. Gefühle der völligen Überforderung, an deren Ende nur die Erschöpfung bleibt. Und gerade deswegen gut.

Rave on

Wer unter FOMO – fear of missing out – leidet und sich jetzt ärgert, dass er mal wieder nix mitbekommen hat, kann unbesorgt sein: Die Ausstellung in der Karlsruherstraße findet nächstes Wochenende ebenfalls statt und für ganz Spontane gibt es heute Abend noch den Film "Denk ich an Deutschland in der Nacht" im Kommunalen Kino zu sehen. Kein Mensch für eine Nacht? Für alle, die was Dauerhaftes suchen, gibt es mit der Soundcity Poster Edition ein limitiertes Stück Freiburger Nachtkultur zum lebenslangen Andiewandhängen – zu holen im Kulturaggregat, Die Nische, Yum Yum und Still Ill Freiburg.
Hinter "Soundcity Freiburg" steckt das Subculture-Team, bestehend aus Anke Huber, Matthias Boksch und Thorsten Leucht.

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