A-Cappella

Wie war’s bei … dem Konzert von Twäng am Sonntag?

Christian Engel

In ungewöhnlichem Ambiente hat der Popchor Twäng! am Sonntagabend ein Konzert gegeben. In einem ehemaligen Autohaus gab er ein kleines Minikonzert im Rahmen seines CD-Release. Die Besucher waren begeistert, der Chor selbst lebt zwischen Euphorie und Ziellosigkeit.

Das Konzert

Kurz war’s, gerade mal handgestoppte 43,5 Minuten lang. Lag daran, dass der Chor in den vergangenen Monaten, ja in den letzten anderthalb Jahren, eher dürftig zum Proben kam, die meiste Zeit digital. "Daher lieber weniger Songs, sich mit diesen aber wohlfühlen auf der Bühne", sagte Sängerin Coco Weingärtner direkt zur Begrüßung. So waren es dann acht Songs, die Twäng! performte. Und das mit dem Wohlfühlen nahm man ihnen ab dem zweiten Song auch ab.

Etwas unsicher kam der Chor auf die Bühne, wer kann’s den Sängerinnen und Sängern verdenken? Schließlich hat Auftreten etwas mit Routine zu tun und wenn die Routine fehlt, mangelt’s an den letzten Prozent Selbstbewusstsein. Die letzten Prozent schienen nach den ersten Minuten aber wiederhergestellt zu sein, der Chor war in seinem Element – und auch das Publikum erinnerte sich daran, wie es ist Publikum zu sein.

Ein paar Minuten länger als in der Vor-Corona-Zeit dauerte es, bis die Zuschauer nach einem Song begannen zu klatschen. Nach dem Opener "Change on the rise" von Avi Kaplan hätte man zwischen letztem Ton und erstem obligatorischen Sopran-Wuhu einen Kräutertee ziehen lassen können (bei den Zuschauern schienen die letzten Prozent Selbstbewusstsein ebenso zu fehlen). Dann aber taute auch das Publikum auf: tanzte mit oder ohne Baby in der Trage, wippte im Takt auf dem Stuhl hin und her, trommelte sich die Oberschenkel wund, sang aus vollem Leibe oder lieber leise mit. "Sucker", "Blinding lights", "Hey, Ma", um mal ein paar der A-Cappella-Stücke zu nennen, die Twäng! zum Besten gab. Zu "Blinding lights" hat Twäng! übrigens ein grandioses Musikvideo gedreht.

Das Ambiente

Im ehemaligen Autohaus "Südwest-Auto" hat das Wallgraben-Theater eine temporäre Spielstätte bezogen – und Twäng! durfte das Foyer für sein Konzert nutzen. Durch die großen Fensterscheiben konnte man an jenem Herbsttag sehen, wie grau die Welt ohne Musik ist. Welch sinnlose Geräusche sie zu produzieren vermag – etwa das Rauschen rollender Gummireifen auf Asphalt –, obwohl sie doch so Einzigartiges zu bieten hat: etwa den Gesang aus 42 Kehlen.


Im Foyer getrennte Stuhl- und Tischgruppen, ganz vorne am Bühnenrand, der aus einem Absperrband bestand, Picknickdecken wie auf einer Sommerwiese. Teelichter hier und dort, Luftballons flatterten von Kinderhänden geschlagen durch den Raum – und erstaunlicherweise platzte kein einziger während des Konzerts.

Und plötzlich bekommt man in dem kalten Foyer sitzend und der Musik lauschend eine enorme Wut auf diese verfluchte Pandemie, die uns anderthalb Jahre solche Momente geraubt hat. Gerne würde man jemandem die Schuld an dieser Misere in die Schuhe schieben – aber wem?

Der Chor

Für den Chor sieht die Misere so aus: kaum Auftritte, aber viele Online-Proben. Man könnte sagen, besser als nix, aber gerade ein Chor dieser Größe und Ambition lebt davon, sich live zu begegnen, zu interagieren. Da hilft auch kein digitaler Applausknopf, den Chorleiter Adrian Goldner während der Proben drückt. Die Stimmung im 2014 gegründeten und 42-köpfigen Ensembles liegt demnach irgendwo zwischen Euphorie und Ziellosigkeit: endlich mal wieder ein Konzert gegeben, aber wann kommt das nächste? Endlich die seit zweieinhalb Jahren geplante CD herausgebracht, aber wem die Songs nun live vorsingen?

Die nächsten angepeilten Auftritte finden im Sommer 2022 statt, etwa die A-Cappella-Nacht beim ZMF – noch zähe Monate bis dahin. "Das zerrt ganz schön an der Motivation", sagt Chorleiter Adrian Goldner.

Dennoch hat der Chor während Corona keinen Stimmbänderschwund hinnehmen müssen, manche Sängerinnen und Sänger gingen, wie das in einer Studentenstadt eben ist, andere kamen hinzu. Und zumindest ein Großprojekt hat ihn durch diese Pandemie gebracht: sein erstes Studioalbum.

Das Album

Zum Teil wurde das Album "Pop!" in Kleingruppen separat voneinander aufgenommen – auch mühsam, aber das Ergebnis klingt fantastisch. Elf Songs, 38 Minuten – da ist jeder einzelne der 10.000 Euro gut investiert, die für das Projekt notwendig waren, das Geld kam über Crowdfunding rein. Ein Interview zur Entstehung und Liedauswahl des Albums erschien jüngst auf Fudder.