Feminismus in Deutschland

Wie war’s bei … Anne Wizorek in der Theaterbar?

Tamara Keller

Eine prägende Gemeinsamkeit und Deutschland als Aushaltegesellschaft: Die Autorin und Aktivistin Anne Wizorek blickte am Mittwochabend auf #Aufschrei und #Metoo zurück – und gab Tipps gegen die Müdig- und Hilflosigkeit.

Die Stage

An der Decke hängt eine Mini-Diskokugel sonst ist eher gedämmtes Licht in der Theaterbar. Rechts vorne auf der Bühne steht ein Rednerpult mit Laptop und Mikrofon. Weniger ist mehr: Anne Wizorek wird den gesamten Abend hinter dem Rednerpult bleiben. Nicht sie, sondern ihre Powerpointpräsentation steht im Mittelpunkt, die mit einem Beamer auf die Leinwand projiziert wird.

Das Publikum

Die Hälfte der Stühle sind belegt. Das Publikum ist weiblich mit der Ausnahme von fünf Männern. Das Alter der Anwesenden ist sehr durchmischt. Einer der Männer geht bereits am Krückstock und ist in Begleitung einer älteren Frau gekommen. Sie bleiben den gesamten Vortrag über und hören interessiert zu. Wir finden: #lifegoal und #couplegoal.

Der erste Eindruck

Mit großen roten Buchstaben, die Fachbegriffe erklären, und einprägsamen Sprachbildern nimmt Anne Wizorek das Freiburger Publikum auf eine Reise mit: Eine Retroperspektive auf die vergangenen sieben Jahre. Denn solange ist #Aufschrei schon her. Was schon so lange? Ja, am 25. Januar, also vor fünf Tagen, jährte sich der Start zum siebten Mal. Im Kollektiven Gedächtnis ist der Ursprung mit der Rainer-Brüderle-Causa eng verbunden. Gleichzeitig thematisierte eine Bloggerin aber auch den Alltagssexismus, den sie jeden Tag auf der Straße erlebte und innerhalb der Piratenpartei wurde die Sexismus-Kritik auch laut: Diese Mischung war die Geburt von #Aufschrei.

Der Sex-Education-Moment

Wizorek bezeichnet die Bewegung selbst als Schneeball der am Ende zu einer großen Lawine wurde. "Es ist das was viele Frauen verbindet", sagt Wizorek und meint damit, dass Frauen sich oft in so vielen Hinsichten unterscheiden, aber fast jede schon einmal Sexismus oder sexualisierte Gewalt erfahren hat. Wer gerade auch die zweite Staffel der Netflix-Serie Sex Education suchtet, dem mag das bekannt vorkommen: Sechs jungen Frauen wird beim Nachsitzen von ihrer Lehrerin die Aufgabe gestellt, sie sollen eine Sache finden, die sie alle gemeinsam haben. Stunde um Stunde fällt ihnen nichts ein, bis sie miteinander ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung teilen – und gestärkt daraus hervorgehen. Was #Aufschrei ausmachte hat auch heute noch Relevanz.

Highlight

Ein riesiges Gif auf der Folie zeigt vier Frauen, wie sie einen Zebrastreifen überqueren. Ihr Rücken ist gekrümmt, sie kommen nur langsam vorwärts, weil sie sich gegen den Gegenwind stemmen müssen. Eine der Frauen muss sogar einige Schritte rückwärts machen, weil sie nicht gegen den Wind ankommen. Das Publikum lacht. "Das ist unser Ist-Zustand. Es geht voran – zwar nur in kleinen Schritten, aber es geht voran", sagt Wizorek. Manchmal sei sie von dem ständigen Kampf aber auch müde, so die Aktivistin. Sie blendet dazu ein passendes Gedicht der "stillen Poetin"(über ihr Privatleben ist wenig bekannt) Nayyirah Waheed ein: "All the women in me are tired."

Diese Fragen hat Freiburg zum Feminismus

Das Freiburger Publikum stellt sich danach der Diskussion:

Was machen gegen die Hilflosigkeit?

Wizorek: "Vor allem auf sich selbst achten und auf sich selbst hören. Immer nur so viel tun, wie viel man auch verkraften kann. Ich kann mich zum Beispiel fragen: Kann ich damit klarkommen, dass ich die Diskussion heute angestoßen habe, aber nicht groß weiterkomme?"

Warum streiken in Freiburg und in Deutschland nur so wenige Frauen am internationalen Frauentag?

Wizorek: "In Spanien waren es am Anfang auch nicht gleich fünf Millionen. Wir sollten uns den Optimismus beibehalten und daran glauben, dass es mehr werden. Aber ja: Deutschland hat eine Schweige- und Aushaltekultur."

Wie kann ich meine Kinder vor antifeministischen, pornografischen Inhalten und Hakenkreuzen im Schulgruppenchat schützen? Ich wünsche mir ein Strategiebuch von Leuten wie dir...

Wizorek: "Die Patricia Cammarata hat da das tolle Buch ’Dreißig Minuten, dann ist aber Schluss!’ geschrieben."

Fazit

In der Rückwärtsperspektive hat sich in Deutschland einiges getan in den vergangenen sieben Jahren – diesen Eindruck hinterlässt zumindest Wizoreks Vortrag bei den Zuschauerinnen und Zuschauern: Nach dem Stern-Bericht von Laura Himmelreich über Rainer Brüderle folgte am Sonntag eine Günther-Jauch-Sendung mit dem Titel "Ein Herrenwitz mit Folgen – hat Deutschland ein Problem?". Eine Frage die zumindest seit #Metoo nicht mehr derart im deutschen Fernsehen thematisiert wird.

Nur auf intersektionaler Ebene ist die deutsche Gesellschaft da noch nicht weiter: Denn wie die Neuen Deutschen Medienmacher 2019 kritisierten, polarisieren die Sendungen hart aber fair, Maischberger, Anne Will und Maybrit Illner mit ihrer Themenauswahl nach wie vor. Oft sind sie mit reißerischen und plumpen Fragen wie "Heimat Deutschland – nur für Deutsche oder offen für alle?" betitelt, die mehr rassistische Klischees fördern, als sie abzubauen. Sie kritisierten zudem die Gästeauswahl, die nach wie vor nicht divers ist.

Wizorek warnt explizit vor dem Antifeminismus, der vor allem aus der Neuen Rechten Szene befeuert wird. Zum Schluss weißt sie darauf hin, dass unsere sexuelle Freiheit derzeit einem abgewürgten Orgasmus gleicht: So lange es sexualisierte Gewalt und sexuelle Belästigung gibt, können wir nicht frei sein.

Lowlight

Nach der Vorstellung an der Bar. Drei Freunde wollen ihre Getränke bezahlen. Das Kartenlesegerät funktioniert nicht. Der Barmann erklärt verzweifelt, dass gerade noch alles funktioniert hat. Er kassiert eine andere Kundin (Mitte 30) ab, bei der die Karte funktioniert und die die Freunde danach angrinst und meint: "Tja, kleiner Tipp: Das Konto muss halt gedeckt sein, Mädels." – dabei besteht die Gruppe aus einem Mann und zwei Frauen. Es gibt noch so viel zutun.