Kritik

Wie war’s bei... 20 Jahre Äl Jawala im Jazzhaus?

Alexander Ochs

Freiburgs Balkan-Beat-Institution feiert ihren 20. Geburtstag – mit pandemiebedingter Verspätung von zwei Jahren und einem halbstündigen Äl-Jawala-Film. Tanzen mit Maske, Party mit Abstand – macht das überhaupt Sinn?

Die Vorgeschichte

Seit der Jahrtausendwende schon sind die ehemals fünf, nun noch vier Musiker auf den Straßen der Region und den Bühnen der Welt unterwegs. Im Schnitt spielten sie zuletzt 80 Gigs im Jahr. Corona hat ihnen da, wie so vielen anderen Bands, den Stecker gezogen. Und obwohl die gefühlt fünfte Tour-Absage- und Verschiebewelle durchs Land rollt, haben es das Jazzhaus und die Jawalas irgendwie geschafft, das Ding durchzuziehen. Andere Konzerte wie das von Isolation Berlin zwei Tage zuvor wurden sehr kurzfristig auf Herbst verschoben.

Die Ausgangslage

Aus- und Eingang des Jazzhaus sind immer noch mit Pfeilen für die verschiedenen Laufrichtungen markiert. Auch wenn sich keiner dran hält. Das Jazzhaus gilt mit halbvoll als ausverkauft, mehr lässt das Land momentan nicht zu. Trotzdem gilt permanent Maskenpflicht. Auch wenn sich keiner dran hält. Nur ganz vereinzelt trägt jemand Maske im Gesicht. Die anderen Masken werden auch getragen, aber nur mit sich rum. Anfangs macht jemand Offizielles vom Bühnenrand klar, dass heute endlich die erste Party seit Monaten steigt und er "bitte weniger Nasen sehen" möchte – was die Maskenquote ziemlich hochschnellen lässt. Nachdem das geklärt ist, darf es losgehen.
Freiburger Band Äl Jawala: "Unsere Nische ist ein Universum"

Die Bühne

Zeichensetzung: Am vorderen Rand der Bühne thront eine große Leinwand, auf die ein buntes Peace-Zeichen projiziert ist; kleiner Kommentar zum unsäglichen Weltgeschehen. Dahinter verbergen sich die Instrumente der Musiker.

Der Film

Zum Jubiläum gönnt sich die Freiburger Combo einen per Crowdfunding finanzierten Film: 20 Jahre sind "die Wandernden" – so der Bandname wörtlich – auf ihrer gemeinsamen Reise unterwegs, Corona sei Dank sind es mittlerweile 22 Jahre geworden. Wie es der Band im März 2020 nach und nach die Auftritte verhagelt und eine Absage sich an die andere reiht, auch das kommt in ihrem 30-minütigen Film vor. Da sieht man die blutjungen Musiker auf der Straße trommeln, in der Küche jammen (genial: Flo Mega!) oder backstage chillen. Viele bunte Schnipsel aus dem Tourleben zwischen Emmendingen, E-Werk, Eschholzpark, Schwarzmeer und China, auch aus dem (jeweils) lokalen Fernsehen. Aber auch der Burnout von Saxofonistin Steffi Schimmer wird nicht ausgespart in dem kurzweiligen Rückblick. Hinzu kommen Statements von Wegbegleitern wie den Pentatones, Flo Mega oder Shantel, der die Combo kurzerhand zur F.B.P. deklariert: Fat Band with Power. Shantel meint: "Ich hoffe, sie spielen noch die nächsten hundert Jahre."



Das Konzert

Diese Hoffnung geht erstmal in Erfüllung – für exakt 60 Minuten. Percussions, Saxofone und Didgeridoo spielen scheinbar ein minutenlanges Intro: Das ist der didg-wabernde Song "Blonder Zeybek". Darauf folgt ein Bandklassiker der frühen Jahre, "Rabou Abou Kabou" mit den balkan- und bandtypischen Bläsersätzen von Steffi Schimmer am Alt- und Krischan Lukanow am Tenorsax, eingebettet in wilde Percussions und tanzbare Grooves. Für zwei, drei Stücke wird der schon länger nach Frankreich zurückgekehrte Ex-Basser Daniel Verdier – sichtlich gealtert – auf die Bühne geholt, so bei "Lost in Manele" von 2006.

Sprung in die Jetztzeit: Mit "Like It", der aktuellen Single "Sautez!" und der ersten Zugabe "Stronger" halten Lyrics, Gesang und Autotune Einzug in den bunt flirrenden Jawala-Klangkosmos. Den Höhe- und Schlusspunkt des zehn Stücke umfassenden Reigens bildet quasi eine Maxiversion ihres Tanzflächenfegers, "ohne den seit 22 Jahren kein Äl-Jawala-Konzert auskommt", wie Steffi Schimmer erläutert. Zehn Minuten lang "Heymischer Bulgar".

Die Stimmung

...war präpandemisch auch schon mal besser. Das Publikum, meist zwischen Ü30 und Ü50, kam sichtlich auf seine Kosten, vorne wurde getanzt. Nur: Tanzen mit Maske fühlt sich an wie Autofahren mit angezogener Handbremse. Frühere Äl-Jawala-Shows waren für die Zuschauer und Zuschauerinnen bisweilen selbstvergessene Entgrenzung, balkangeschwängerte Entfesselung, katapultartige Beschleunigung. Auch wenn die Freude spürbar war: Das war heute alles eine Spur runtergedimmt, die Stimmung war gut, aber nicht ausgelassen.

Das kleine Mysterium

Unerklärlich auch, warum immer noch ein Restgraben zwischen dem Publikum und der Band blieb, eine gewisse Distanz, sowohl im Parkett als auch auf der Bühne. Phasenweise wirkten die Musiker, nebeneinander aufgereiht, rein optisch wie unter die Gewölbekrümmung geklemmt.

Fazit

Runde Sache: Eine halbe Stunde Filmpremiere, dann eine Stunde lang eine musikalische Zeitreise durchs Bandrepertoire. Insgesamt zehn Songs für knapp 20 Euro. Und das mit dem Feiern können wir dermaleinst, wenn die Masken fallen, bestimmt noch besser hinbekommen.