Jahresrückblick

Wie war das Corona-Jahr, fudder-Redaktion?

Anika Maldacker, Gina Kutkat & Joshua Kocher

2020 war ein verrücktes, anstrengendes und schwieriges Jahr – auch in der fudder-Redaktion lief zwischen Home Office und Abstand halten nicht alles wie geplant. Die Redaktion berichtet, was sie gelernt und wie sich 2020 für sie angefühlt hat.



fudder in Zeiten von Corona

2020 war kein gutes Jahr für jungen Journalismus in Deutschland. Der SPIEGEL hat Bento eingestellt. Die ZEIT hat Zett eingedampft, das deutsche Buzzfeed ist verkauft worden und auch für NOIZZ ist nach Neujahr Schluss. Und was passiert mit fudder? Wir freuen uns, denn fudder wird auch 2021 weiter über Neuigkeiten aus Freiburg informieren. Darauf sind wir stolz, denn auch unsere Arbeit wurde im vergangenen Jahr kräftig durchgeschüttelt. Als im Februar die ersten Artikel bei uns über das "neuartige Coronavirus" erschienen, konnte sich niemand von uns ausmalen, was da noch alles auf uns zukommen würde: Zwei Mal der Umzug ins Homeoffice, tägliche Zoom-Konferenzen, Absage über Absage, schlechte Nachrichten am laufenden Band, Interviews mit Abstand, digitale Kennenlernrunden mit neuen Mitarbeitern – und ganz viel Improvisation.

Wir haben das Jahr gut gewuppt, auch wenn es sehr anstrengend war. Haben weiterhin spannende Menschen porträtiert, über Neueröffnungen (und leider auch Schließungen) berichtet, Reportagen über die leere Universität geschrieben und Erstsemester bei ihrem Start ins digitale Semester begleitet. Wir haben eine Paartherapeutin gefragt, wie es Beziehungen durch die Krise schaffen und Menschen aus Freiburg gefragt, wie es ihnen jetzt gerade geht. Bis uns einfiel, dass wir uns das eigentlich auch mal selbst fragen müssen. fudder-Redaktion, wie geht es euch? Was wir rückblickend alles gemacht haben, obwohl unsere Hauptthemen – das Subkulturelle und das Nachtleben – weggebrochen sind, erstaunt uns jetzt selbst. Es ist wichtig, dass es fudder weiterhin gibt. Nicht nur, weil wir unseren Job lieben und dankbar dafür sind, sondern weil wir einen Auftrag haben: Euch mit wichtigen lokalen Neuigkeiten zu versorgen. Das werden wir auch weiterhin mit ganz viel Leidenschaft machen. Bis dahin bleibt gesund und haltet durch,

eure fudder-Redaktion

Gina Kutkat, 35 Jahre, Digitalredakteurin bei fudder und BZ-Online

Das Jahr war einzigartig, anstrengend, lehrreich – und trotzdem schön. Das "trotzdem" steht da, weil es eigentlich vermessen ist, das zu sagen. Oder? Die ganze Welt steht Kopf, wir befinden uns in der schlimmsten Krise seit der Nachkriegszeit, die Infektionszahlen steigen, viele Menschen sterben an oder mit einer Covid-Infektion. War es ein verlorenes Jahr? Nein! Darf man sich persönlich zufrieden fühlen? Ich finde: Ja! Denn in schwierigen Zeiten braucht es positive Gedanken, die die dunklen Tage heller machen. Und es braucht Hoffnung, denn sie setzt Energie frei und stärkt uns, wenn es mal nicht so läuft, wenn es mal schwankt.

Was nicht heißt, dass ich nicht auch eine Pause brauche. Obwohl ich in der Corona-Pandemie gut weggekommen bin, nicht in Kurzarbeit musste, keine finanziellen Einbußen hatte, gesund geblieben bin – genauso wie meine Liebsten. Corona ermüdet, zermürbt, macht schlapp und hat mich geschafft. Dieses Jahr lässt nicht locker, gibt uns ganz zum Schluss nochmal den Rest. Dass Weihnachten und Silvester kleiner ausfallen, finde ich nicht schlimm. Aber dass Menschen vereinsamen, mit ihren Problemen alleine sind und niemand was tun kann – das macht mir zu schaffen. Mir hilft: Von Tag zu Tag zu schauen, Bewegung und frische Luft, zu zweit zusammensein, mich auf das "Danach" zu freuen, denn das wird bald kommen. Und zwar mit Wucht.

Was hast du in diesem Jahr gelernt?

Dass ich mehr kann, als ich mir zutraue: Ich habe ein Bett gezimmert, den Schauinsland mit dem Rennrad erklommen und gemerkt, dass man sechs Stunden am Stück Netflix gucken kann – und es okay ist, Fünfe grade sein zu lassen. Ich dachte immer, ich kann gut alleine sein. Kann ich nicht! Umso dankbarer bin ich, dass ich es im Lockdown nicht sein musste, also allein. Und dass die Menschen, die mit mir den Lockdown durchmachten, die richtigen sind. Eine allgemeine Erkenntnis? Ich kann nicht sagen, dass ich aus diesem Jahr irgendwelche Lehren gezogen habe. Dinge und Werte und persönliche Beziehungen haben sich bei mir verstärkt – somit habe ich gelernt, was mir wirklich wichtig ist.

Was war dein Lichtblick?

Die Menschen, mit denen ich mich umgebe.

Was hast du am meisten vermisst?

Alltagsfluchten, Gelassenheit, Pläne machen, ausgehen, Umarmungen und Spontanität.

Auf was freust du dich am meisten nach der Corona-Pandemie?

Auf alle "Danachs": Wenn es wieder möglich ist, sich ohne Abstand wiederzusehen. Wenn man wieder essen gehen kann. Reisen kann. In die Sauna kann. Ins Strandi kann ohne Absperrung und Online-Termin.

Joshua Kocher, 25 Jahre, Digitalredakteur bei BZ-Online

Ich werde dieses Jahr 2020 mit zwei Gefühlen verbinden: Angst und Mut. Um mit dem Schlechten anzufangen: Es hat mir Angst gemacht, wie verwundbar der Mensch ist – trotz oder eher wegen seiner Allmachtsphantasie. Wie panisch und rücksichtslos er doch manchmal sein kann. Es hat mir Angst gemacht, wie Sichergeglaubtes und Vertrautes so schnell verschwinden kann: Reisefreiheit, Umarmungen, Fußballtraining. Vor allem aber macht es mir Angst, mit Menschen zu sprechen, die sich so krampfhaft gegen wissenschaftliche Fakten, gegen gesellschaftliche Normen und Vereinbarungen wehren. Was bringt’s? Und wie wird das erst, wenn die noch größere Menschheitskrise – die Klimakatastrophe – früher oder später ähnlich radikale Einschränkungen wie in der Pandemie nötig macht?

Es hat mir aber wiederum Mut gemacht, Menschen zu sehen, die zusammenhalten. Die füreinander einkaufen gehen, sich freiwillig selbst isolieren und einfach mal fragen: Wie geht’s dir gerade? Es macht mir Mut gemerkt zu haben, dass der Mensch sich erstens verdammt schnell anpassen und sich zweitens auch schlagkräftig wehren kann. Wie verrückt ist es bitte, dass wir noch 2020 einen Impfstoff haben? Deshalb bin ich so naiv und nehme das Positive aus diesem Jahr mit: Wenn er unter Druck steht, kann der Mensch Übernatürliches leisten. Das gibt mir Hoffnung.

Was hast du in diesem Jahr gelernt?

Dass man auch ohne Termine Pausen braucht. Dass man auch mal spinnen, grundlos weinen oder tanzen darf. Dass man die Frage "Wie geht’s?" nicht immer mit "gut" beantworten muss. Dass, um wenigstens ein Sprichwort hier unterzubringen, nur gewinnt, wer auch was wagt.

Und natürlich habe ich gelernt, was das gleitende arithmetische Mittel, die Kumulation und die Inzidenz sind. Wir haben ein tabellenbasiertes Corona-Dashboard für Südbaden entwickelt – meine Mathe-Abi-Korrektoren würden Augen machen.

Was war dein Lichtblick?

Meine Familie, meine Freunde, Fahrradtouren und Wochenenden in unserer Wohnung – mit langen Spaziergängen, damit die Decke uns nicht auf den Kopf fällt.

Was hast du am meisten vermisst?

Spontanität und das Pläne schmieden.

Auf was freust du dich am meisten nach der Corona-Pandemie?

Eine Bar-Tour mit den Jungs: 0,5er-Kolben bei Luigi, Panda-Party im Jazzhaus, Döner im Dadan-Grill.
In der fudder-Redaktion arbeiten die Redakteurinnen Anika Maldacker und Gina Kutkat mit einem festen Kern-Team und einem Pool aus freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zusammen – von Oktober bis Dezember wurden sie von Digital-Redakteur Joshua Kocher unterstützt. Außerdem betreut die Redaktion stets zwei Praktikanten. fudder berichtet online für ein junges Publikum über Neuigkeiten aus Freiburg – und das schon seit 2006.

Anika Maldacker, 32 Jahre, Digitalredakteurin bei fudder und BZ-Online

2020 war unwirklich. Man sagt, es sei eine Zäsur. Das sehe ich auch so, aber ich habe wenig von den heftigen Konsequenzen mitbekommen, über die wir berichtet haben. Ich habe keine finanziellen Einbußen gehabt, in meinem Umfeld gab es keine schlimmen Corona-Erkrankungen, ich habe Familie in Freiburg – war also nie wirklich einsam. Ich weiß, dass ich viel Glück hatte und habe. Ein Teil von mir hat den ersten Lockdown sogar genossen, weil man endlich ohne schlechtes Gewissen daheim versacken konnte. Den ganzen Freizeitstress einfach mal pausieren. Viele aus meinem Umfeld haben das berichtet. Verrückt, dass unser Leben und unser Alltag, so durchgetaktet war, dass wir uns über ein Herunterfahren des öffentlichen Lebens sogar gefreut haben. Aber die Angst war dennoch stets im Hinterkopf. Die Angst um meine Eltern, dass sie erkranken. Die Angst um Freunde in Ländern, die nicht so stabil sind. Das war kein lautes Gefühl, sondern eher eins, das man kaum wahrnimmt, aber dessen Gewicht man irgendwann doch spürt. So fühlt sich 2020 an. Ich will und kann mich nicht beklagen, aber wie sagte ein lieber Kollege treffend: Das ist nicht der Moment der großen Euphorie. Und es ist okay.

Was hast du in diesem Jahr gelernt?

Meine Erwartungen anzupassen. Und: Es macht mich dankbar, aber auch betroffen, wie gut es uns in diesem Land geht. Ich habe aber auch gelernt, dass Zufriedenheit nicht irgendein Begriff ist, sondern anstrengend sein kann, das zu erreichen. Einfach mal mit dem zufrieden sein, was man hat und wie es ist.

Was war dein Lichtblick?

Meine Lieben um mich herum und das viele Draußensein im Sommer. Ich bin dankbar dafür, dass ich so einen schönen Sommer mitten in einer Pandemie erleben durfte.

Was hast du am meisten vermisst?

Reisen.

Auf was freust du dich am meisten nach der Corona-Pandemie?

Reisen und eine Hausparty mit allen Freunden und Familie.