Interview

Wie viele Vorurteile werden schon in Kinderbüchern vermittelt?

Maria Schorn

In Kinderbüchern gibt es häufig den Feuerwehrmann oder das weinende Mädchen. Wie kann man das ändern? Die Freiburgerin Magdalena Jäger gibt Workshops und sagt, es brauche Bücher, die die Vielfalt unserer Gesellschaft auf positive Weise darstellen.

Magdalena Jäger gibt in Freiburg den Workshop "Vorurteilsbewusste Kinderbücher". Sie hat hat "Interkulturelle Bildung, Migration und Mehrsprachigkeit" studiert und dabei viel zum Thema rassismuskritische Bildungsarbeit gelernt. Mittlerweile gibt sie immer wieder Workshops zu Themen rund um Diskriminierung.

fudder: Magdalena, wie bist du zum Thema "Vorurteilsbewusste Kinderbücher" gekommen?
Jäger: Mein eigener Bezug entsteht zum einen durch meine theoretischen Auseinandersetzungen mit Themen wie Diskriminierung, Rassismus und gesellschaftliche und globale Ungleichheitsverhältnisse. Zum anderen steht das Thema "Vorurteilsbewusste Kinderbücher" für mich in Verbindung mit der ganz praktischen Frage, wie wir es als Menschen schaffen können, Vorurteile abzubauen, Ungleichheitsstrukturen entgegenzuwirken und Alternativen durch ein vorurteilsbewusstes Denken und Handeln zu schaffen. Die Auseinandersetzung mit Kinderbüchern bietet dabei einen sehr praxisnahen Bezug und die Möglichkeit, Gelerntes direkt in den eigenen Alltag mitzunehmen.

"Es fehlen also Geschichten, die unsere gesellschaftliche Realität in Deutschland widerspiegeln"
fudder: Warum ist es deiner Meinung nach wichtig, vorurteilsbewusste Kinderbücher (vor) zu lesen?
Jäger: Bücher sind für Kinder sehr prägend, sie lernen sehr viel Neues und werden in ihrer Vorstellungskraft gestärkt. Das Problem ist, dass viele Kinder sich selbst und ihre Lebensrealität in Kinderbüchern nicht wiederfinden. In Kinderbüchern dominiert das Bild einer weißen Familie mit Vater, Mutter und Kind(ern), die als glückliche Familie in einem Einfamilienhaus mit großem Garten und vielen Spielsachen wohnen. In diesen Darstellungen können sich jedoch viele Kinder nicht wiederfinden. Es fehlen Geschichten von Schwarzen Menschen außerhalb der Thematisierung von Flucht und Migration; es fehlen Darstellungen von Kindern mit gleichgeschlechtlichen Eltern und es fehlen Geschichten über mutige Mädchen mit Kopftuch und Jungs, die keine Lust haben mit Autos zu spielen – und natürlich fehlt noch viel mehr. Es fehlen also Geschichten, die unsere gesellschaftliche Realität und die Realität sehr vieler Kinder in Deutschland widerspiegeln.

fudder: Für wen sind vorurteilsbewusste Kinderbücher besonders wichtig?
Jäger: Die Repräsentation gesellschaftlicher Diversität in Kinderbüchern ist zum einen für Kinder wichtig, die sich und ihre Lebensrealität kaum oder überhaupt nicht in Kinderbüchern wiederfinden, da diese Identifizierungsmöglichkeiten und Vorbilder essentiell sind für die Entwicklung einer Ich-Identität und die Herstellung eines positiven Gruppenbezugs. Zum anderen ist es für Kinder wichtig, die sich selbst viel in Kinderbüchern repräsentiert sehen, da die Sensibilisierung für und die Wertschätzung von Vielfalt in unserer Gesellschaft der Entwicklung eines Überlegenheitsgefühls und Vorurteilen gegenüber anderen Menschen entgegenwirken.

"Mir geht es dabei nicht darum, Bücher, die keine oder kaum Vielfalt repräsentieren, abzuwerten."
fudder: Wie sieht das Angebot von vorurteilsbewussten Kinderbüchern aus?
Jäger: Es gibt immer mehr Kinderbücher, die versuchen unsere gesellschaftliche Vielfalt darzustellen aber leider erfolgt dies noch oft auf stereotype Weise oder eben sehr minimal. Aus diesem Grund halte ich es für wichtig, sich Bücher genau anzusehen und Darstellungen und Inhalte zu hinterfragen. Kinder müssen die Möglichkeit haben, sich selbst auf positive Weise in Büchern wiederzufinden und in den Geschichten Vorbilder für sich entdecken zu können. Aus diesem Grund finde ich es sehr wichtig, dass es sowohl zuhause als auch in pädagogischen und öffentlichen Einrichtungen mehr Kinderbücher gibt, die die Vielfalt unserer Gesellschaft auf positive und nicht stereotype Weise darstellen. So, dass sich alle Kinder in Kinderbüchern wiederfinden können und Diversität auch in Kinderbüchern zur Normalität wird, ohne diese explizit hervorheben zu müssen.
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fudder: Sind Kinderbücher, die die Vater-Mutter-Kind Realität darstellen deiner Meinung nach also schlecht?
Jäger: Nein, mir geht es dabei nicht darum, Bücher, die keine oder kaum Vielfalt repräsentieren, abzuwerten. Die Gründe, Bücher zu verwenden, können ja ganz unterschiedlich sein und auch "Nicht-Vielfaltsbücher" können empowernde Geschichten beinhalten. Aber es ist sehr relevant, dass es insbesondere vorurteilsbewusste Kinderbücher in die Hände von Kindern schaffen.

fudder: Was liegt dir persönlich an diesem Thema?
Jäger: Den Anstoß, mich explizit mehr mit dem Thema Vielfalt in Kinderbüchern zu beschäftigen, hat mir insbesondere meine Ausbildung zur Anti-Bias-Multiplikatorin gegeben. Der Anti-Bias-Ansatz wurde im Bereich der frühkindlichen Pädagogik entwickelt und nimmt dabei die Vorurteilsbildung von Kindern in den Blick. Anders als viele denken, entwickeln Kinder sehr früh sogenannte Vor-Vorurteile, die bereits im Kindesalter zu einer bewussten Ausgrenzung und dem Entwickeln eines Überlegenheits- oder Minderwertigkeitsgefühls führen können. Als Mama eines weißen Kindes ist es mir auch privat ein großes Anliegen, meiner Tochter bereits im Kindesalter ein Bewusstsein von Vielfalt zu vermitteln und der Entstehung weiterer Schieflagen entgegenzuwirken.
Magdalena Jäger und Nadja Gepperth halten den Workshop zum Thema immer wieder ab. Alle Interessierten können sich unter der E-Mail nadjagepperth@zusammenwachsen-workshops.de, mit dem Betreff "Voruteilsbewusste Kinderbücher" in den Verteiler eintragen lassen.