Digitaler Dschungel

Wie viel Medienzeit pro Tag ist für mein Kind angemessen?

Michelle Gänswein

Michelle Gänswein schreibt auf ihrem Blog "Im Digitalen Dschungel" über digitale Medien in Kinderhänden. Sie macht dies nicht als Mutter, sondern als Digital Native mit einer 7-jährigen Schwester. In Folge 2 geht es um die Einteilung der Medienzeit.

"Maximal eine halbe Stunde Bildschirmzeit pro Tag. Alles was darüber hinausgeht, ist schädlich. Jede Minute länger macht dumm, dick und dement."

Diese Aussage ist leider falsch. Denn so einfach ist es nicht. Aber wäre so eine eindeutige Zeitangabe nicht ideal? Sie würde uns aus der Verantwortung nehmen. Wir könnten uns an ihr festklammern in diesen stürmischen Zeiten, die gekennzeichnet sind durch die Vielstimmigkeit der Meinungen. Aber nein. Und auch dieser Artikel wird euch keine genaue Minutenanzahl liefern, vielmehr soll er dazu anregen, die Zeit, die vor dem Bildschirm verbracht wird, differenziert zu sehen.


Schaut sich das Kind spannende Tutorials, Do-It-Yourself- oder Lern-Videos auf YouTube an, liest sich Rezensionen über die neusten Fußballschuhe durch oder chattet es gerade mit der Klasse über die bevorstehende Klassenarbeit? Liest das Kind sich einen Wikipedia-Artikel über Tiger durch oder sucht es nach einer Anleitung, wie man Schleim selbst herstellt? Oder lässt sich der Sprössling "nur" berieseln, indem er auf Instagram scrollt oder was im Fernsehen schaut?

Unterschied zwischen aktivem und passivem Konsum

Ihr erkennt wahrscheinlich schon, auf was ich hinauswill: Ich unterscheide zwischen aktivem und passivem Medienkonsum. Also zwischen Konsum, bei dem man etwas lernt oder erschafft und Konsum, der nur der Unterhaltung dient. Und ich finde, dass man bei ersterem ruhig etwas lockerer mit der erlaubten Zeit sein darf. Aber ich möchte festhalten, dass beide Arten, passiv und aktiv, ihre Daseinsberechtigung haben.

Schauen wir uns nun den aktiven Medienkonsum einmal genauer an. Das Kind muss doch nicht immer mit alten Eier-Kartons, Stöcken aus dem Wald und Heißklebepistole ein Kunstwerk basteln, es kann doch stattdessen auch mal im Computerspiel Minecraft eine eigene Welt erbauen. Oder es kann mit dem Smartphone Fotos von allen Tieren machen, die im Garten oder auf dem Balkon entdeckt werden, über die dann später eine gemeinsame Internet-Recherche folgen kann. Frischluft, Bewegung, aktiver Medienkonsum, gemeinsam verbrachte Zeit und noch eine kleine Lektion, wie man richtig recherchiert – ja, kann es denn noch besser werden? Es können kurze Filmchen gedreht werden. Es kann eine Programmiersprache gelernt werden. Es gibt so viele tolle Möglichkeiten, digitale Medien aktiv zu nutzen.

"Schulische Pflichten, sowie sonstige Abmachungen und familiäre Prioritäten haben natürlich immer Vorrang."

Meine Freundin Marlene und ich haben, als wir jünger waren, kurze Werbeclips zu Küchenutensilien, die wir in der Küche gefunden haben, gedreht. Das hat uns unglaublich viel Spaß gemacht und gleichzeitig haben wir uns noch die Basics eines Videobearbeitungsprogrammes beigebracht. Das Brotkörbchen von Brotkorb GmbH: eine absolute Kaufempfehlung! 

Außerdem erachte ich persönlich weitere drei Kriterien für sinnvoll, wenn es darum geht, wie lange das Kind vor den Bildschirm (Smartphone/Computer/Tablet/Fernseher) darf:

# Erstens: Sind die Hausaufgaben und sonstige Pflichten, zum Beispiel eine bestimmte Aufgabe im Haushalt, erledigt? Wurde den Hobbys nachgegangen, zum Beispiel für den Musikunterricht geübt, die neuen Inline-Skates eingeweiht und mit dem Hund Gassi gegangen? Schulische Pflichten, sowie sonstige Abmachungen und familiäre Prioritäten haben natürlich immer Vorrang. Weil sie schlichtweg wichtiger sind und weil Kinder oft nach dem Spielen/Surfen unkonzentriert, manchmal launisch und ganz bestimmt lustlos sind, noch für einen Vokabeltest zu lernen.

# Zweitens halte ich es für sinnvoll, schon vor dem Spielen oder Surfen auszumachen, wann Schluss ist. Bestenfalls verbunden mit einer Tätigkeit, zum Beispiel, dass bei der Vorbereitung des Abendessens geholfen wird. Das muss nicht auf die Minute genau eingehalten werden, sondern das Video darf ruhig noch zu Ende geschaut oder das Level noch gespielt werden. Deshalb empfehle ich, in einem kleinen Punkt umzudenken: Und zwar, anstatt dem Kind zu sagen, dass es nur noch fünf Minuten spielen darf (und dies dann rigoros durchzuziehen), könnte man mal ausprobieren, anzukündigen, dass es noch dieses Level zu Ende spielen darf. Denn dann kann man den Spielstand speichern und wird nicht aus dem Geschehen gerissen, was passieren würde, wenn man penibel genau nach eben genannten fünf Minuten den Stecker gezogen bekommt. Theoretisch müsste sich das Kind auf dieser Art und Weise eher an die Vereinbarung halten (jetzt auszuschalten), weil es respektvoll behandelt wird (der Stecker wird nicht einfach rausgerissen).

# Und drittens: Scheint die Sonne oder regnet es in Strömen? Das Wetter darf einen weiteren großen Unterschied in eurer Entscheidung machen. Wenn es draußen wie aus Eimern schüttet, darf man auch mal großzügiger mit der erlaubten Zeit sein, finde ich. Man muss sich selbst und seine Kinder nicht belügen, indem man einen Waldspaziergang bei minus zwei Grad, Wind und Schneeregen vorschlägt. Wie wäre es denn mit einem gemeinsamen Film-Nachmittag?

Wir sollten jedenfalls immer ein Auge auf unsere Kinder haben, wenn diese Medien nutzen. Denn jeder von uns hat verschiedene Gemüter und verschiedene Tagesformen. Wenn also das Kind gut und gerne mal eine Stunde (oder auch mal zwei) am Stück seine Lieblingsserie sehen kann, so muss das nicht jedes Mal so sein. Wenn das Kind mehr auf dem Sofa rumturnt, als dass es zuschaut, kann das ruhig als Zeichen gewertet werden, dass es für den Tag genug Bildschirmzeit war. Doch anstatt dass man das Medium dann in Eigenregie ausschaltet, kann man lieber das Kind mit seinem Gemüt konfrontieren ("Bist Du gelangweilt, willst Du lieber was spielen?") und dann wird es vielleicht selbst auf die Idee kommen, das Medium ausschalten. Stichwort: Selbstregulierung.

Und löst euch von der Utopie, eine genaue Minutenanzahl Nutzungszeit durchsetzen zu müssen. Viel wichtiger ist es, das Gesamtbild des Alltags zu betrachten und diesen so ausgewogen wie möglich zu gestalten und Vereinbarungen mit dem Kind zu treffen.

Für Eilige:

Wer auf die Frage, wie viel Medienzeit man seinem Kind pro Tag erlauben sollte, einen genauen Richtwert erwartet, der wird leider hier, wie auch in der Realität, enttäuscht werden. Jedes Kind, jedermanns Alltagsaufgaben und jeder Tag ist anders und so sollte man auch die zugestandene Nutzungszeit handhaben: differenziert.

Ihr könnt euch an verschiedenen Faktoren orientieren, nach denen ihr selbst von Tag zu Tag neu entscheiden könnt, wie lange das Kind vor den Bildschirm darf:
  • Lasst euch von eurem Kind erklären, was es gerne machen würde und warum (ist es aktiver oder passiver Medienkonsum?)
  • Schaut, wie der Tagesablauf aussieht (ist Nachmittagsschule, sind viele Hausaufgaben aufgetragen, muss für einen Vokabeltest gelernt werden und ist abends noch Fußballtraining oder sind Ferien und ist das Kind krank?)
  • Wie ist das Wetter? Sonnig und warm (dann natürlich ab nach draußen!) oder kalt und regnerisch (dann ist auch mal länger als sonst vollkommen okay)
Generell sollten wir einfach auf einen ausgewogenen Alltag für die Kinder achten und uns nicht an irgendwelchen genauen Zeiten festbeißen, denn das macht keinen Sinn. Auch sollten wir die Kinder in die Entscheidung mit einbeziehen, indem wir einfordern, dass sie uns kurz erzählen, was sie an welchem Medium machen wollen und warum und ihnen im Gegenzug auch unsere Gründe erklären, wenn es mal so gar nicht zum Tagesablauf passt oder wann genug ist.

Das ist natürlich Arbeit, Arbeit, Arbeit, aber niemand hat gesagt, dass es leicht werden würde. Ich bin mir aber sicher, dass es mit der Zeit einfacher wird und wir gegenseitig mehr Verständnis aufbringen können, wenn wir stets im Dialog miteinander bleiben.

Weiterführende Links:

Michelle Gänswein

Gänsweinschreibt auf ihrem Blog Im digitalen Dschungel über alles rund um das Überthema "Digitale Medien in Kinderhänden". Mit ihren 24 Jahren ist es aber nicht ihr Begehr, aus Sicht der Eltern zu schreiben. Vielmehr möchte sie die Erfahrungen eines Digital Natives mit in den Ring werfen. Sie steht zwischen den Fronten der Digital Natives und der Digital Dinosaurier, aber vielleicht liegt gerade in diesem Mittelfeld ein Vorteil. Der Vorteil, beide Seiten verstehen zu können.

Sie ist außerdem Mitglied der GMK, einem Fachverband für Medienpädagogik und Medienbildung.

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