Corona-Krise

Wie steht es um das Freiburger Nachtleben, Herr Popbeauftragter?

Valentin Heneka

Für viele Sommerfestivals herrscht Gewissheit: Sie fallen 2020 aus. Für den Rest der Freiburger Pop- und Clubkultur aber sind laut dem Popbeauftragten Tilo Buchholz noch viele Fragen offen.

Wie ist die Lage in der Freiburger Pop- und Clubszene?

Tilo Buchholz: Großveranstaltungen wie ZMF, Sea You und Schlossbergfest sind nach der Verfügung des Bundes abgesagt, aber ab wann eine Veranstaltung eine Großveranstaltung ist, hat das Land Baden-Württemberg noch nicht definiert. Da wartet Freiburg noch drauf. Ob ab Juli kleinere Konzerte wieder stattfinden können, ist noch unklar. Das Jazzhaus bucht jetzt beispielsweise für September wieder Konzerte. Die Schwierigkeit ist aber: Was passiert, wenn auch dann nur 100 Leute teilnehmen dürfen, aber schon 200 Karten verkauft wurden? Wie geht man da mit der Gage für die Künstler um? Derzeit sind viele Fragen völlig offen.

Die Stadt Köln etwa hat einen 700.000 Euro starken Hilfsfonds für Clubs eingerichtet. In Freiburg ist Unterstützung seitens der Stadt noch kein Thema. Oder doch?

Davon habe ich noch nichts gehört. Aber der Kulturausschuss tagt auch erst am 7. Mai wieder. Da könnten Fraktionen Anfragen zu dem Thema stellen. Ich habe das Gefühl, dass der Szene unter dem Eindruck der Pandemie gerade noch gar nicht danach ist, zu überlegen, was zu tun ist. Die Verlängerung der Maßnahmen bis Ende August war für viele heftig. Auch ich habe gehofft, dass ich im Juli Konzerte spielen kann. Zu Köln muss man sagen, dass es dort auch mehr, größere und wirtschaftlich bedeutendere Läden gibt, als in Freiburg. Deswegen würde ich das Thema kommunale Hilfen für das Nachtleben eher defensiv angehen und nicht sofort eine öffentliche Debatte entfachen. Man weiß ja, dass es den Kommunen durch den Wegfall der Gewerbesteuereinnahmen in der Krise finanziell nicht besser geht. Insofern sollte man abwarten, bis absehbar wird, wie schwierig die Lage für die einzelne Spielstätten in Freiburg wirklich ist.

Die scheinen das Wort Insolvenz öffentlich derzeit nicht in den Mund zu nehmen. Trotzdem schwebt das Thema über dem Nachtleben…

Das ist so. Ich versuche, allen meinen Gesprächspartnern in Gemeinderat und Stadtverwaltung klar zu machen, dass die Clubs für Freiburg ein Standortfaktor sind. Freiburg bietet nicht nur Nähe zur Natur sondern auch ein reiches kulturelles Leben. Wenn das nach überstandener Krise nur noch zur Hälfte existiert und viele kleine Clubs und Kneipen schließen mussten, dann schmälert das Freiburgs Attraktivität. Pop- und Clubkultur sind erst einmal nicht überlebensnotwendig, aber doch systemrelevant für die Stadt. Die Uni oder auch die Max-Planck- oder Fraunhofer-Institute beispielsweise wollen junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach Freiburg holen. Die kommen auch wegen des Nachtlebens. Zum Glück ist das Bewusstsein dafür seit Beginn meiner Tätigkeit als Popbeauftragter gewachsen.

Wer bekommt Soforthilfen und wer nicht?

Gewerbliche Soloselbstständige sowie und Firmen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft bekommen die Soforthilfe des Landes. Freie Veranstalterkollektive sind aber davon ausgenommen. Ich hatte aber auch Kontakt zu freien Musiklehrern, für die gerade quasi mit einem Berufsverbot belegt sind und die keine Soforthilfen bekommen. Selbst wenn ihnen ein großer Raum zur Verfügung steht, dürfen sie nicht unterrichten. Auch wenn sie ihr Leben lang als selbstständige Musiklehrer gearbeitet haben, bleibt ihnen jetzt nur Grundsicherung und Hartz 4. Viele sind natürlich pfiffig und unterrichten inzwischen digital. Für freischaffende Musikerinnen und Musiker aus meinem Umfeld funktioniert die Soforthilfe hingegen gut. Alle, die einen Antrag gestellt haben, haben auch Geld bekommen.

Ist die Höhe der ausgezahlten Beträge eine nennenswerte Hilfe?

Ich als Musiker empfinde es so, ja. Man kann Lebensunterhaltungs- und andere Kosten anrechnen lassen. Das Problem ist aber: Die Hilfen gibt es nur bis Juni. Danach könnte es schwierig werden. Wenn das Verbot von Veranstaltungen bis Ende August bestehen bleibt, müsste der Staat nachlegen.

Was kann die kann die Szene jetzt tun, um das Nachtleben zu unterstützen?

Manche Einrichtungen haben Spendenaufrufe gestartet und man kann Gutscheine kaufen. Das ist einerseits eine gute Idee, aber kein leichtes Unterfangen. Schließlich haben viele derzeit durch Kurzarbeit und Verdienstausfall weniger Geld zur Verfügung und Spenden sind oft nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Tilo Buchholz, Jahrgang 1968, ist Schlagzeuger der Bands The Brothers und Acoustic Fun Orchestra. Von 2011 bis 2014 saß er für die Grünen im Freiburger Gemeinderat, seit 2017 fungiert er als Popbeauftragter der Stadt als Bindeglied zwischen Szene und Kommunalpolitik.

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