Brauchtum

Wie sich Trachtengruppen modernisieren, um junge Menschen zu gewinnen

Elena Stenzel

Der Bollenhut ist eine Werbe-Ikone, er wird von Models inszeniert. Das Geschäft mit der Tracht ist erfolgreich. Doch den Trachtengruppen fehlt Nachwuchs. Müssen sie mehr Individualität zulassen?

Irgendwann hatten sie keine Lust mehr. Rudolf Nägele hat schon vieles versucht, um Interessenten anzuwerben, wie er sagt. Spielenachmittage, eine Kooperation mit einer Hiphop-Tanzschule oder eine europäische Kulturnacht: "Das fanden alle schön, das fanden alle super, aber niemand will sich binden", beklagt der 57-Jährige. Nur noch neun Mitglieder tanzen im Löffinger Trachtenverein, Nachfolger seien trotz einer erfolgreichen Kindergruppe nicht in Sicht. Nun wird sich der Verein nach 92 Jahren im kommenden Februar auflösen.

Erklär’s mir: Was ist eine Tracht?

Etwa 200 Trachtenvereine gibt es in Baden, rund 12 500 Mitglieder sind darin aktuell organisiert. Wie andere Vereine auch kämpfen Trachtengruppen mit Nachwuchsproblemen. "Jüngere Leute zu gewinnen, ist eine schwierige Sache", sagt Reinhold Frank, Vorsitzender des Landesverbands der Heimat- und Trachtenverbände Baden-Württemberg. Meist seien die Gruppen für Kinder recht erfolgreich, doch Trachtengruppen, die zusammen älter werden, seien selten. "Ein junger Mensch hat auch keine Lust, in einer Erwachsenengruppe zu sein", sagt Frank, das sei das Problem, wenn sich die Vereine nicht altersdurchmischen. "Es handelt sich nicht um ein Massensterben der Trachtenvereine", sagt Frank. Aber einen stetigen Rückgang merke man schon seit Jahren.

In Südbaden haben sich in jüngster Zeit einige Vereine aufgelöst: 2018 verabschiedete sich der Verein in Buchenbach, 2017 die Gruppe in Schweighausen im Schuttertal, 2013 der Verein in Schönau. "Und wer weiß, wie viel nach der Corona-Zeit noch übrig ist", befürchtet Reinhold Frank.

Eine Markgräfler Trachtengruppe hat die Kehrtwende geschafft

Ein schwarzer Hintergrund, weiße Schrift, traumhafte Landschaft: Wer auf der Webseite der Markgräfler Trachtengruppe landet, wird mit modernem Design empfangen. Der Vorsitzende der Trachtengruppe, Michael Lindemer, ist selbst erst 33 Jahre alt. 2015 hat er den Vorstand mit einigen Vereinskollegen übernommen und die Gruppe vor einer Auflösung bewahrt.

Damals zählte der Verein nur noch sechs Mitglieder, heute sind es etwa 80. Den Trick, junge Menschen für die Trachtengruppe zu gewinnen, sieht er im Konzept des Vereins, das ohne direkte Verpflichtungen auskommt, und in der Zusammenarbeit mit lokalen Fasnachtszünften. "Unser Gedanke war: Wer bereit ist, sich an Fasnacht zu verkleiden und sich über die Kleidung mit der Heimat zu identifizieren, der ist auch eher bereit, eine Tracht zu tragen", erläutert der Lörracher die Rekrutierung neuer Mitglieder.

Auch gesteht die Markgräfler Gruppe ihren Mitglieder Freiraum in der individuellen Interpretation der Tracht zu. "Würdevoll, aber moderner", sagt Lindemer. Im Verein gebe es nun zwei Lager: Traditionalisten, die die Markgräfler Tracht in ihrer ursprünglichen Form tragen, und eine Fraktion, die sie großzügiger interpretiert. Lindemer sieht das pragmatisch: "Lieber so, als dass die Tracht gar nicht getragen wird." Wer sich zu sehr daran festhalte, wer nicht loslasse, der komme auch nicht an junge Menschen.

Solche Diskussionen kennen auch Rebecca Simpfendörfer und Darius Ellinger. Die Jugendreferenten des baden-württembergischen Landestrachtenverbands sind beide in Trachtenvereinen aufgewachsen. Simpfendörfer kommt aus Öhringen bei Heilbronn, Ellinger aus Bernau im Schwarzwald. Den Trend, dass nur wenige junge Menschen sich für Trachtenvereine interessieren, spüre man auch bei ihnen. Jugendangebote wie Freizeiten und Ausflüge gebe es seitens der Vereine. Doch das Vereinsleben sei auch von der Unterstützungsbereitschaft der Eltern geprägt und das sinke ein bisschen, sagt Ellinger. "Ein Jugendwart kann das nicht alleine leisten."

Tattoos und Tracht – passt das zusammen?

Simpfendörfer geht es um die Anerkennung von Jugendlichen und ihren Ideen. Sie berichtet von einem Mädchen, das seine Tracht mit blauem Haar kombinierte und damit für Diskussion sorgte. "Bei manchen Veranstaltungen gibt es Vorgaben: keine gefärbten Haare, kein Make-up, keine Tattoos. Damit stößt man manchen vor den Kopf. Aber es ist wichtig, dass wir diese Diskussionen führen." Im Falle des Mädchens mit den blauen Haaren plädierte sie dafür, "alle Fünfe gerade sein zu lassen." Schließlich habe das Gesamtbild gepasst. "Tracht hat sich schon immer an die Mode und die Menschen angepasst", wirft Ellinger ein. "Die Tracht soll erhalten bleiben, aber auch Individualität zulassen. Besonders in einer Gesellschaft, die so vielfältig ist", sagt er.

Beide führen die Aufnahmen des in Freiamt lebenden Fotografen Sebastian Wehrle als Beispiele an. Wehrle setzte in seiner Reihe "Facing Tradition" ("Tradition ins Auge blicken") Trachten aus Südbaden in Szene. Die Modelle tragen schweren Schmuck, auffällige Schminke, sind teils tätowiert, tragen Piercings oder gefärbte Haare. Simpfendörfer und Ellinger finden die Bilderstrecke gut, weil die Tracht damit zeitgemäß ankomme. "Der Diskurs tut irgendwie gut. Es ist so auf jeden Fall besser als totzuschweigen, dass es ihn gibt", ordnet Ellinger ein. Schließlich gehe es um die Lebenswelt junger Menschen.
Trachten in Südbaden
Die heutigen Trachten entstanden in Südbaden etwa ab Mitte des 18. Jahrhunderts. Durch eine andauernde Friedensphase kamen die Bauern zu mehr Wohlstand, alte Kleiderordnungen entfielen. Daraufhin entwickelten sich farbenfrohe Trachten, die von der zeitgenössischen Mode und militärischen Einflüssen geprägt waren. Regionale Trachten sind als Teil der "Erfundenen Tradition" (Invented tradition) zu verstehen, dessen Konzept auf die Geschichtswissenschaftler Eric Hobsbawm und Terence Ranger zurückgeht. Erfundene Traditionen erzeugen demnach Autorität, indem sie gesellschaftliche Normen festlegen. Sie schaffen ein Zusammengehörigkeitsgefühl und prägen das Verhalten. Laut Sabine Zinn-Thomas, Professorin für Kulturanthropologie an der Universität Freiburg und Leiterin der Landesstelle für Volkskunde in Stuttgart, sind traditionelle deutsche Trachten im Zuge von Agrar-Romantik und Folklorismus entstanden, die Ende des 19. Jahrhunderts Fahrt aufnahmen.

Schwarzwaldmaler wie Wilhelm Hasemann und Curt Liebich sowie der Heimatschriftsteller Heinrich Hansjakob machten die Trachten in dieser Zeit über die Region hinaus bekannt. Erste Trachtenvereine wie der "Badische Volkstrachtenverein" (1895) gründeten sich um die Jahrhundertwende. Zahlreiche Gründungen folgten vor und nach dem Zweiten Weltkrieg.

Der Nachkriegsfilm "Das Schwarzwaldmädel" (1950) verhalf den regionalen Trachten des Schwarzwalds, allen voran dem Bollenhut, zu einem regelrechten Höhenflug.

Besonders in den 1970ern erlebte die Tracht eine Hochphase. Kurgästen und Urlaubern sollte bei ihrem Aufenthalt in der Region etwas geboten werden. Bis heute wird der Bollenhut in der Vermarktung regionaler Produkte und im Tourismus verwendet. Im 1948 gegründeten Bund "Heimat- und Volksleben" sind heute rund 12 500 Mitglieder in etwa 200 Vereinen organisiert.