Feuerzeug

Wie ist es, wenn in der eigenen WG ein Porno gedreht wird?

Sarah Rondot

Carlo wohnt in einer Achter-WG in der Innenstadt. Im März stellte die WG zwei Zimmer für einen Porno-Dreh des Freiburger Start-Ups Feuerzeug zur Verfügung. Wie es dazu kam und wie die Dreharbeiten abliefen, erzählt der 24-Jährige Carlo.

"In meiner WG wird gerade ein Porno gedreht." Als Carlo diesen Satz zu seinen Freunden sagte, glaubte ihm keiner. "Wahrscheinlich hatten sie sofort die klassischen Porno-Bilder im Kopf, in denen es nur um Sex geht und die meistens aus einer sehr männlichen Perspektive gedreht sind", überlegt Carlo. Doch in seiner WG lief es etwas anders. Im Januar startete das Freiburger Start-Up Feuerzeug einen Aufruf auf Instagram. Sie suchten eine WG, die zwei Zimmer für einen Pornodreh zur Verfügung stellen würde. Carlos Mitbewohner Tom kannte jemanden aus dem Feuerzeug-Team und schrieb kurzerhand eine Direktmessage. Dann hörte die Achter-WG erstmal ein paar Wochen nichts, so richtig ernst nahm die Sache noch niemand.

Doch dann meldete sich Kira Renée Kurz bei Tom. Sie fragte, ob sie mal vorbeikommen könnte, um sich die Zimmer anzuschauen. "Die Nachricht kam genau, als wir gerade in der WG meine abgegebene Bachelorarbeit feierten." Vielleicht vom Alkohol, aber auch von der Neugierde getrieben, sagte die WG zu. "Große Zweifel hatten wir keine, auch, weil Feuerzeug keine Mainstream-Pornografie macht", erinnert sich Carlo. Kira Reneé Kurz hatte 2017 die Idee für Feuerzeug.

Start-Up will Vielfalt von Sexualität zeigen

Das Start-Up für alternative Pornographie produziert faire und feministische Pornos. Doch was bedeutet das konkret? Frauen sind nicht nur vor der Kamera zu sehen, sondern auch an der Produktion beteiligt, es gibt also einen diversen Blickwinkel. Die Verträge sind klar und die Darsteller sehen die Inhalte vor der Veröffentlichung. Außerdem zeigt das Start-Up individuelle Körper und achtet darauf, Vielfalt von Sexualität zu zeigen. Das alles überzeugte Carlo und seine Mitbewohner, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Wir haben uns davor auch ein paar Schnappschüsse und Storys auf Instagram von Feuerzeug angeguckt.

Im März war es dann so weit. Der Porno heißt "Auf Distanz" und spielt in der Corona-Pandemie. Zwei Mitbewohner fühlen sich zueinander hingezogen, sie beobachten sich in ihren gegenüberliegenden Zimmern. Der eine hat einen erotischen Traum von seinem Mitbewohner. "Es geht viel um sexuelle Spannung und Fantasie", erklärt Carlo. Tom und sein Mitbewohner Frederik stellten ihre Zimmer für den Dreh zur Verfügung, sie grenzen beide an einen Balkon, so dass es im Film so aussieht, als würden die Räume gegenüberliegen. An einem Donnerstag im März kommt die Feuerzeug-Crew in der WG an. Mit Maske und negativem Corona-Test.

"Auch während dem Dreh hatte ich keine Bedenken." Carlo
Outfits werden zusammengestellt, ein drittes Zimmer wird als Garderobe eingerichtet. "Es waren glaube ich so zehn Personen. Zwei Darsteller, Kira und die Leute für Maske, Ton und Kamera", überlegt Carlo. Abmachungen, was in den Zimmern für den Dreh zur Verfügung gestellt wurde gab es nicht. "Sie durften eigentlich alles benutzen." Nur persönliche Fotos der Bewohner haben sie vorher abgehängt. Frederiks Schreibtisch wurde ans Fenster gerückt, dort gefiel er ihm so gut, dass er ihn nach dem Dreh stehen ließ. "Es gab keine Tabu-Orte im Zimmer. Wir haben die Räume zur Verfügung gestellt und Feuerzeug durfte sie nutzen."

Die WG durfte bei manchen Szenen zuschauen

Nur Bettwäsche und kleinere Requisiten hat das Start-up selbst mitgebracht. "Auch während des Drehs hatte ich keine Bedenken", erzählt Carlo. "Alle waren supernett, obwohl wir durch die Corona-Lage gar nicht so viel Kontakt zum Team hatten." Die WG hat zwei Stockwerke, oben drehte Feuerzeug, sodass sich die Mitbewohnerinnen und Mitbewohner meistens unten aufhielten. "Von Donnerstagabend bis Sonntag dauerten die Dreharbeiten" erzählt Carlo. Bei den intimem Szenen war Carlo nicht dabei. Doch bei anderen Szenen durften die Mitbewohner zuschauen. "Es gab eine Sorgenbeauftragte für die Darsteller. Aber auch, wenn wir uns als WG unwohl gefühlt hätten, hätten wir das jederzeit ansprechen können."

Carlo findet spannend, dass es kein festes Drehbuch für die Sexszenen gab. "Da konnten die Darsteller improvisieren und einfach machen, worauf sie Lust hatten." Nach dem Dreh putze die Feuerzeug-Crew die Räume. "Das wurde nicht so gangbangmäßig unordentlich hinterlassen, wie das manchmal in Filmen dargestellt wird." Gesehen hat Carlos WG den Porno noch nicht. Er ist gerade noch in der Produktion, "Aber wir werden auf jeden Fall zur Premiere eingeladen, das hat Kira schon angekündigt." Dann hofft Carlo, dass seine WG mit der Crew danach ein bisschen feiert und das Team besser kennenlernen kann. "Eine echt interessante Erfahrung", fasst Carlo zusammen. Die Premiere von "Auf Distanz" findet voraussichtlich im Herbst statt.
Unsere Gesprächspartner waren bereit offen und ehrlich zu erzählen, aber nur, wenn wir ihre Namen nicht nennen.

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