Fotograf aus Todtnau

Wie ist es, in der Pandemie Michael Corona zu heißen?

Gina Kutkat

Michael Corona kommt aus Todtnau, ist Fotograf – und heißt wirklich so. "Mein Nachname war schon immer außergewöhnlich", sagt er. Doch inzwischen meldet er sich etwas anders am Telefon.

"Corona hier". Noch vor neun Monaten meldete sich Michael Corona so, wenn sein Telefon klingelte. Zurzeit weiß er sich nur mit einem Trick zu helfen: "Ich sage jetzt immer meinen Vornamen dazu: Michael Corona hier". Doch auch das lässt die Anrufer stutzen oder zumindest schmunzeln. "Einen Spruch gibt es immer, meistens ist es auch lustig", sagt Michael Corona.

"Besonders in den ersten Wochen im März und April fand ich deswegen die Reaktionen ziemlich anstrengend." Michael Corona
Der 28-jährige gebürtige Freiburger ist in Todtnau aufgewachsen, hauptberuflich als Projektleiter bei einem Feinbürstenhersteller tätig und als Schwarzwald-Fotograf auf Instagram bekannt. Sein Profilname dort ist "michael._.corona", im Internet sind seine Arbeiten unter"Michael Corona Photography" zu finden. Wenn man seinen Namen liest, denkt man: Der heißt doch nicht wirklich so. Doch, tut er. Dann denkt man: Der wird auf keinen Fall über seinen Namen sprechen wollen. Doch, will er. "Ich bin da offen, was das Thema angeht", schreibt er als Antwort auf die Interview-Anfrage.



Wie ist das, mit dem Namen eines Virus, das gerade die Welt in Atem hält, zu leben und zu arbeiten? "Mein Nachname war schon immer außergewöhnlich, auch vor der Pandemie", sagt Michael Corona im Zoom-Gespräch. "Die Sprüche haben sich aber früher auf das Corona-Bier bezogen." Als dann Anfang des Jahres vom "neuartigen Coronavirus" die Rede ist, ging es los: Kollegen,die ihn drauf ansprechen. Freunde, die Witze machen. Kunden, die nachfragen. Instagram-Follower, die ihm vorwerfen, die aktuelle Situation ausnutzen zu wollen. "Ich heiße halt so", sagt der Schwarzwälder. "Besonders in den ersten Wochen im März und April fand ich deswegen die Reaktionen ziemlich anstrengend." Mittlerweile sieht er es locker und kann drüber lachen. Denn es gibt auch viele lustige Momente. Als er eine Pizza bestellte, sagte er "Corona hier. Ich würde gerne eine Pizza bestellen." Am anderen Ende der Leitung hörte er ein Kichern. Die Pizza kam, der Name blieb.

Er ist draußen, wenn andere drinnen sind

Coronavirus. Corona-Krise. Corona-Pandemie. Seit Monaten hört und liest er ständig und überall seinen Namen. "Irgendwann im Frühjahr wurde mir das zu viel", sagt Michael Corona. Er konsumiert daraufhin weniger Nachrichten und hält sich noch mehr in der Natur auf. Dort, wo Corona weit weg ist. Er liebt mystische Nebellandschaften, alpines Gelände und dunkle Wälder. "Ich mache gerne Bilder, die vorher noch niemand gemacht hat", sagt er. Das ist sein Alleinstellungsmerkmal. "In meinen Bildern stecken viel Zeit, viel Aufwand und viele Höhenmeter." Für ein gutes Foto steht Michael Corona vor Sonnenaufgang auf, packt seine Canon Eos 5d in den großen Rucksack und macht sich auf die Suche nach den unterschiedlichsten Stimmungen. "Morgens gibt’s die geilsten Lichtverhältnisse."

Kurz vor sechs, draußen ist es dunkel, seine Nachbarn schlafen noch. Es regnet, das mag er am liebsten. "Ich gehe raus, wenn andere drinnen bleiben", sagt er. Er kennt sich aus mit den Wegen im Schwarzwald, ist Bergretter bei der Bergwacht. Michael Corona weiß, wo die versteckten Ecken auf dem Feldberg oder Herzogenhorn liegen. Seit Tagen hat er die Bedingungen im Auge, checkt Wetterapps und spricht mit seinen Freunden. Zusammen mit vier anderen Fotografen hat er das Kollektiv "Schwarzwälder Jungs" gegründet, sie gehen gegen die Vermüllung im Schwarzwald an. "Seit Corona treffe ich überall viel mehr Menschen, auf dem Feldberg, aber auch an abgelegenen Orten", sagt er. "Es ist schön, dass die Leute mehr rausgehen als sonst. Aber Müll liegenlassen, das geht nicht."

Unterwegs mit dem Vater, der dieselbe Leidenschaft hat

Die Fotografie ist für Michael Corona nur ein Nebenerwerb. Die Technik hat er sich selbst beigebracht, er fotografiert, seit er 15 ist. "Damals hat mein Vater mir eine Kamera geschenkt", erzählt er. Auch heute unternehmen Vater und Sohn noch gemeinsame Fotografie-Reisen, waren zwei Mal zusammen in Island. Auch seine Freundin ist jetzt oft bei seinen Ausflügen mit der Kamera dabei. "Es ist gut, mit jemandem unterwegs zu sein, der auch eine Leidenschaft für Fotografie hat", sagt Michael Corona.
Michael Corona: Website & Instagram

Trotzdem: Er möchte nicht hauptberuflich als Fotograf arbeiten. Er mag die Trennung von seinem Hobby und dem technischen Beruf, der ihm viel Spaß macht. Fotografisch gesehen war die Corona-Pandemie für Michael Corona positiv: Viele Hotels und Tourismusunternehmen buchten ihn für Kampagnen, um den Schwarzwald noch attraktiver für Besucher zu machen. Denn die Deutschen entdeckten im Corona-Sommer ihr eigenes Land. Auch die Followerzahlen bei Instagram nahmen zu, denn Michael Corona weckt mit seinen Bilder die Sehnsucht nach einer Auszeit in der Natur – das ist schöner als Homeoffice in der Großstadt.

Die Corona-Pandemie wird noch andauern, es wird der nächste harte Lockdown kommen, dann hoffentlich bald ein Impfstoff. "Ich hoffe, dass jetzt einfach alle vernünftig sind und sich an die Regeln halten." Michael Corona wird weiter mit einem Namen leben, der die Welt verändert hat – und es sportlich nehmen. Er wird weiter dankbar sein, dass er draußen sein kann, weit weg von den Wahnsinnsnachrichten. Und er wird an seine nächsten Reisen denken, "vielleicht geht’s nach Alaska oder Russland". Und dort ist es dann wirklich egal, wie er heißt.

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