Corona-Krise

Wie ist der Alltag in Freiburger Wohnanlagen für Menschen mit Behinderungen?

Anja Bochtler

In den Anlagen des Rings der Körperbehinderten gab es keine Corona-Fälle bisher. Gegen die Einsamkeit der Bewohner könnten Aufmunterungen aus der Bevölkerung helfen, glaubt der Geschäftsführer.

Als die Corona-Krise begann, hatte Norbert Weiß schlaflose Nächte: Er ist der Geschäftsführer des "Rings der Körperbehinderten", und für die 130 Bewohnerinnen und Bewohner von dessen zwei Wohnanlagen und die 100 Fachkräfte gab’s anfangs keine Schutzausrüstung. Das hat sich inzwischen geändert. Zum Glück hat sich von den 55 Menschen in der Ernst-Winter-Wohnanlage am Meckelhof und den rund 75 im Rainer-Bernhard-Haus an der Rieselfeldallee bisher niemand infiziert. Wie ist der Alltag dort zurzeit?


Rainer-Bernhard-Haus

Das Telefon und jede Menge spannende Thriller: Mit dieser Kombination kommt Ingrid Kern (70) aktuell ganz gut durch die Corona-Zeit. Klar: Dass ihre sechsjährige Enkelin und ihre Tochter aus Potsdam an Ostern nicht zu Besuch kommen und der fünfjährige Enkel und ihr Sohn aus Denzlingen ihr nur aus der Entfernung zuwinken konnten, tat ihr sehr Leid. Auch das Kaffeetrinken mit Freundinnen und ihrem Bruder vermisst sie. Doch sie telefoniert nun eben ständig. Und sie liest sehr viel und entdeckt neue Thriller.

Vor 40 Jahren führten eine Gehirn- und Rückenmarksentzündung bei ihr zu einer Teillähmung. Sie ist auf den Rollstuhl angewiesen. Als 2012 das Rainer-Bernhard-Haus eröffnete, zog sie ein. Auch die üblichen Treffen mit den anderen Bewohnerinnen und Bewohnern am Geschwister-Scholl-Platz fallen nun weg, ihre Einkäufe aber erledigt Ingrid Kern weiter selbst: "So ist zumindest noch ein bisschen Leben da." Wichtig ist ihr, sich dabei zu schützen, das gelingt aber nur, wenn alle Rücksicht nehmen. Kürzlich in einem Discounter war das nicht der Fall: Da habe sich ein Mann aggressiv schimpfend an ihr vorbei gedrängt, ohne auf den nötigen Corona-Sicherheitsabstand zu achten, erzählt sie.

Ernst-Winter-Wohnanlage

Christoph Kaiser (30) geht’s wie vielen zurzeit: Die Situation kommt ihm unwirklich vor. Seit Juli 2019 lebt er in der Wohnanlage am Meckelhof, als Jugendlicher bekam er eine Friedreich-Ataxie diagnostiziert, das ist eine Erkrankung des zentralen Nervensystems, die langsam fortschreitet. Deshalb braucht er einen Rollstuhl, und das Sprechen wurde mühsamer. Christoph Kaiser ist gern unterwegs: Normalerweise ist sein Alltag von medizinischen Therapien geprägt, zudem geht er zum Schachclub, zu Stammtischen des "Arbeitskreises für Menschen mit und ohne Behinderung" (AKBN) und ist frisch gewähltes Mitglied im Behindertenbeirat. Und er liebt es, durch die Innenstadt zu bummeln und in Cafés zu gehen. "Doch nun fällt alles aus", sagt er - das tut ihm nicht gut.



Er habe zuviel leere Zeit, bilanziert er. Da blieben nur die immer gleichen Gedanken und der Fernseher. Seine Kontakte begrenzen sich zurzeit auf Gespräche mit seinem Nachbarn, die Treffen der Bewohner im Innenhof fallen weg. Als kürzlich seine Mutter zu Besuch kam, sind sie im Seepark spazieren gegangen, mit Mundschutz und Abstand. In dieser Situation, in der schon bei vielen ohne Handicap die Unzufriedenheit wächst, weil sie vorübergehend auf manches verzichten müssen, fällt ihm nochmal stärker auf, dass sein Leben ohnehin durch Barrieren verschiedenster Art eingeschränkt wird. Jetzt kommt noch Corona dazu.

Der Geschäftsführer

Dass Pflegeheime und Kliniken lange zu wenig Schutzmasken und -kittel hatten, wurde bald bekannt. Doch die Behindertenhilfe habe man noch länger vergessen, sagt Norbert Weiß. Anfangs habe es in den Wohnanlagen keinerlei medizinischen Mundschutz und andere Schutzausrüstung gegeben – obwohl zwei Drittel der 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Pflegekräfte im engen Kontakt mit den Bewohnern seien. Die ersten Bestellungen liefen ins Leere: "Nur Bestandskunden wurden bedient." Mittlerweile ist alles da. Die Pflegekräfte arbeiten mit sicheren Masken, überall in den Gebäuden hängen Ständer mit Desinfektionsmitteln, alle Flächen werden viel öfter als sonst üblich desinfiziert. Von den Bewohnern haben die meisten schwere Vorerkrankungen, viele wirken sich auf die Lunge aus – sie sind am stärksten durch Corona gefährdet.

Norbert Weiß appelliert an alle, ihre Kontakte massiv zu reduzieren. Wer will, kann zum Beispiel den Einkaufsservice nutzen. Er weiß, dass die Lage hart ist: Alle Freizeitangebote des "Rings der Körperbehinderten" sind weggebrochen, ebenso die Arbeit in den Werkstätten. Doch vor zu vielen und zu schnellen Lockerungen und einer zweiten Corona-Welle fürchtet er sich ebenso wie vor Vorwürfen aus manchen gesellschaftlichen Gruppen, dass sich wegen der besonders Schutzbedürftigen nun alle zurücknehmen müssten.

Wenn sich Künstler fänden, würde er gern Konzerte in den Fluren organisieren, außerdem würden sich die Bewohner über Aufmunterungskarten aus der Bevölkerung freuen, glaubt er.

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